Hamburg

Kindeswohl nicht im Mittelpunkt

Hamburger Abendblatt: Wie beurteilen Sie den Fall der 15-jährigen Jule, deren Pflegeeltern jetzt die Stadt auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagen wollen?

Philipp Heißner: Im Fall „Jule“ bekommt man einmal mehr den Eindruck, dass das Wohl eines ohnehin durch seine Herkunft schwer gebeutelten Kindes nicht im Mittelpunkt des jugendamtlichen Handelns steht. Hier werden augenscheinlich Machtkämpfe durch leitende Mitarbeiter des Jugendamts Hamburg-Mitte auf dem Rücken des Kindes ausgetragen. Wenn zudem die Expertise der beteiligten Fachleute, die das Kind gut kennen, von Verwaltungsmitarbeitern ohne medizinische Ausbildung abqualifiziert wird, hat das mehr mit Behördenwillkür als mit Rechtstaatlichkeit zu tun.

Was halten Sie von der Klage der Pflegeeltern gegen die Stadt?

Heißner: Nach den mir bisher bekannten Tatsachen halte ich die Klage für absolut nachvollziehbar.

Warum ist der Fall dermaßen eskaliert?

Heißner:Das ist im Ursprung schwer zu beurteilen. Da haben anfangs vielleicht auch die Pflegeeltern einen gewissen Anteil gehabt. Aber im Laufe dieser Auseinandersetzung ist erkennbar, dass es überhaupt keinen erkennbaren ernsthaften Willen seitens des Jugendamts gegeben hat, den Konflikt beizu­legen und zu einer gütlichen Lösung zu kommen. Dies ist gemessen an der Dauer der Auseinandersetzung ein klares Führungsversagen. Dubios ist auch die Rolle des früheren Bezirksamtsleiters Andy Grote, der die Pflegeeltern zunächst anwaltlich vertreten und dann später als zuständiger Verwaltungschef keine Bemühungen unternommen hat, um den Konflikt beizulegen.

Warum ist die versprochene lückenlose Aufklärung bisher ausgeblieben?

Heißnerr: Das scheint mir symptomatisch für die Verhältnisse im Jugendamt Hamburg-Mitte zu sein. Wir konnten auch bei den tragischen Todesfällen von jugendamtlich betreuten Kindern erleben, dass sich manche Jugendamtsmitarbeiter offenbar lieber gegenseitig in ihrem Handeln bestätigen, als ihr Verhalten kritisch zu reflektieren. Wir fordern deshalb schon lange eine Zusammenlegung des Kinderschutzes in Hamburg, auch um die Kultur des Mauerns in den Bezirksämtern zu durchbrechen.

Was muss jetzt passieren?

Heißner: Es ist offensichtlich, dass es dieses Mädchen schwer genug hat und viel Unterstützung braucht, die es durch seine aufopferungsvollen Pflegeeltern bekommt. Deshalb sollten die Streitigkeiten schleunigst beigelegt werden und der involvierte Abteilungsleiter vom Fall abgezogen werden. Pflegeeltern müssen grundsätzlich besser unterstützt und ihnen das Leben leichter, nicht schwerer gemacht werden.

Was halten Sie von den Äußerungen des neuen Jugendamtsleiters in Hamburg-Mitte, Jörg Poschinski, der in internen E-Mails die Pflegeeltern verbal angegriffen hat und von einem „Vernichtungskrieg“ schreibt?

Heißner: Derartiges Vokabular, noch dazu von einem Verwaltungsmitarbeiter, hat in einem demokratischen Rechtsstaat nichts verloren. Pflegeeltern sind keine Feinde der Verwaltung, sondern wichtige Stützen in der Jugendhilfe für die Versorgung vernachlässigter und geschundener Kinder. So sollte man sie immer behandeln, auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. Herr Poschinski sollte sich bei der Pflegefamilie für diesen Ausfall entschuldigen. (haa)