Hamburg

Stephan Reimers ist ein Gutmensch, aber nicht naiv

Der Theologe und frühere Chef der Diakonie in Hamburg, Stephan Reimers, in der Rathauspassage

Der Theologe und frühere Chef der Diakonie in Hamburg, Stephan Reimers, in der Rathauspassage

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Vor 20 Jahren gründete er den Mitternachtsbus, außerdem „Hinz&Kunzt“, das Spendenparlament und die Rathauspassage.

Stephan Reimers wartet schon in der Rathauspassage. Gleich vorne rechts ist eine gemütliche Sitzecke. Auf den kleinen im Raum verteilten Tischen stehen frische Blumen. Die hölzernen Regale sind auf einer Länge von 30 Metern randvoll mit Büchern bis unter die Decke. Helles Parkett, gedämpftes Licht. Hier kann man zur Ruhe kommen. Stöbern, lesen oder auch für kleines Geld speisen.

Dieser Ort unter dem prunkvollen Rathaus, wo es verzweigt tief hinuntergeht zu U- und S-Bahnen, war vor 20 Jahren noch ein ziemlich dunkler Schandfleck in Hamburg. Zugig, nasskalt und abendlicher Treffpunkt für Obdachlose, die hier unten mehr schlecht als recht Schutz vor Regen und Kälte fanden.

Stephan Reimers war damals Leiter des Diakonischen Werkes in Hamburg. Nach Theologiestudium und Vikariat war er zehn Jahre Direktor der Evangelischen Akademie. Für die CDU saß er in der Bürgerschaft und im Bundestag, war aber 1993 im Streit mit dem langjährigen Landesvorsitzenden Jürgen Echternach über Fragen der innerparteilichen Demokratie aus der Partei ausgetreten. Um dann, quasi atemlos, ein soziales Projekt nach dem anderen in Hamburg ins Leben zu rufen.

1993 gründete Stephan Reimers, natürlich jeweils mit hoch engagierten Mitstreitern, zuerst das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“. 1994 die Hamburger Tafel, 1995 das Spendenparlament, kurz darauf die Kirchenkaten, 1996 den Mitternachtsbus. Und zwei Jahre später die Rathauspassage. Eine etwas andere Ladenzeile als die überirdischen Glastempel ist das, in der qualifizierte Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose entstanden sind. Mit den vier Schwerpunkten: fair, sozial, nachhaltig und regional.

Stephan Reimers ist ein Weltverbesserer. Eine einzigartige Mischung, wie eine Wochenzeitung einmal schrieb, „von Gottesmann, risikobereitem Manager, glänzendem Organisator und einmaligem Spendensammler“. Einer, der aus Elendsecken Hoffnungsorte macht. Es ist nicht verkehrt, sich in unruhigen Zeiten bei so einem Menschen, der stets eine heitere Gelassenheit ausstrahlt, nach dem Zustand der Nation zu erkundigen.

Wo steht Deutschland in diesen Wochen und Monaten? „Sie fragen einen Optimisten“, sagt er und lacht. „Wirtschaftlich und sozial sind wir ein sehr starkes Land.“

Nachvollziehbar seien die Sorgen vor zu großen Flüchtlingsunterkünften

Stephan Reimers ist jetzt 72 Jahre alt. Er ist Leiter der Stadtmission, die sich vor einem Jahr passenderweise in „Hoffnungsorte“ umbenannt hat und Projekte wie das Herz As oder die Bahnhofsmission, das Westend in Wilhelmsburg oder das Haus Jona in der City, die Münze in Hammerbrook oder das Marianne-Doell-Haus in Altona bündelt. Reimers ist Präsidiumsmitglied der Deutschen Welthungerhilfe und seit Mai vergangenen Jahres nun auch noch Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF). Er kann nicht aufhören, Gutes zu tun.

In seinem neuen Amt kommt er wieder viel rum im Land, war gerade in Leipzig und in der Pfalz, um für die Aktion Sühnezeichen zu werben. Was denkt er über die Lebenswirklichkeit in Deutschland, abseits von den täglichen „Tagesschau“-Bildern mit den nicht enden wollenden Menschenströmen? „Ich freue mich sehr, dass es so viele Menschen gibt, die sich für den Schutz von Flüchtlingen, für das Recht auf Asyl und für eine Willkommenskultur engagieren“, sagt er.

Und dieses Engagement sei nicht nur eine Kurzzeiterscheinung im letzten Sommer gewesen, sondern halte an sehr vielen Stellen kontinuierlich an. „Der Einsatz für Menschen auf der Flucht hat eine breite Unterstützung bekommen, die wir bisher nicht kannten.“

Auch die Kirche trage viel zu dieser Willkommenskultur bei. „Auf dem Kirchentag in Stuttgart“, sagt Reimers, „hat die Aktion Sühnezeichen die Kampagne ins Leben gerufen ,Wir sind ­viele‘.“ Damit werden Initiativen, Kirchengemeinden und Menschen unterstützt, die sich für Flüchtlinge engagieren. Insgesamt, so Reimers, haben die 20 Landeskirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) ihre Mittel für Flüchtlingsarbeit in diesem Jahr um mehr als 85 Millionen Euro aufgestockt.

Gleichzeitig ist es unübersehbar, dass die Übergriffe auf Flüchtlinge und die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte rasant ansteigen. „Die rechtspopulistischen und rassistischen Töne werden nicht nur auf Pegida-Demonstrationen und innerhalb der AfD rauer, sondern sind bis in die bürgerliche Mitte zu hören“, sagt Reimers. Das sei erschreckend und sehr gefährlich. „Brandanschläge auf bewohnte Flüchtlingsunterkünfte sind Mordanschläge.“

Ist Deutschland mittlerweile ein gespaltenes Volk? Das ist ihm zu negativ. „Es gibt in der Flüchtlingsfrage starke Polarisierungen, aber von einem gespaltenen Volk würde ich nicht sprechen.“ Auch die drei Landtagswahlen am 13. März hätten gezeigt, dass in Deutschland im Grunde mehr als 85 Prozent der Wähler für Parteien stimmen, die im Grundsatz die Aufnahme von Flüchtlingen befürworten.

Was fehlt ihm in der aufgeregten Debatte? „Besonnenheit und die Einsicht, dass wir gegenwärtig eine Kehrseite der Globalisierung erleben, von der Deutschland im Allgemeinen sehr profitiert.“ Die Welt sei „klein und nah“ geworden. „Als sich am 17. Dezember 2010 der junge tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi vor dem Gouverneurspalast verbrannte, weil ihm ein korruptes System seine Lebensgrundlage genommen hatte, nämlich seinen Karren und seine Waage, löste dies im Nahen Osten ein politisches Beben aus. Dessen Auswirkungen treiben aktuell Millionen Menschen über die Balkanroute nach Europa.“

Zehn Jahre lang war Stephan Reimers Bevollmächtigter des Rates der EKD bei der Bundesrepublik und der Europäischen Union. Sozusagen das Bindeglied zwischen der Kirche und den politischen Institutionen. Als er 1999 sein Amt antrat, traf er auch das erste Mal Angela Merkel. Sie war damals Generalsekretärin der CDU und begrüßte ihn schmunzelnd mit den fragenden Worten: „Ausgetretene sind ja manchmal die schlimmsten Gegner.“

Was hält er heute vom Kurs der Kanzlerin? „Ich finde die Richtungsentscheidung der Bundeskanzlerin richtig. Und die Tatsache, dass im Herbst vergangenen Jahres die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland die Aufnahme der syrischen Flüchtlinge begrüßte, zeigt auch, dass ihre Politik zukunftsfähig ist.“

Reimers erzählt von der Auschwitz-Überlebenden Ruth Klüger, die am 27. Januar im Deutschen Bundestag eine beeindruckende Rede gehalten hat. „Und dieses Land hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen“, sagte Ruth Klüger zu den Abgeordneten. „Das war der Hauptgrund, warum ich mit großer Freude Ihre Einladung angenommen und die Gelegenheit wahrgenommen habe, in diesem Rahmen, in Ihrer Hauptstadt, über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und entsteht, mit dem bescheiden anmutenden und dabei heroischen Wahlwort: Wir schaffen das.“

Stephan Reimers ist ein Mann, der immer schon in längeren Zeiträumen gedacht hat, wenn er rastlos Ideen gesucht hat, um Not zu lindern. „In zehn Jahren“, glaubt er, „wird diese Sicht das vorherrschende Urteil über die Entscheidung der Bundeskanzlerin sein, dass sie damit unserem Land einen großen und guten Dienst getan hat.“

Spätestens dann würden auch die wirtschaftlichen Folgen der Zuwanderung für alle erkennbar sein. Reimers: „Der Sachverständigenrat und das DIW-Institut gehen schon heute davon aus, dass bis zum Jahr 2020 über 500.000 der bisher Zugewanderten in den Arbeitsmarkt integriert sein werden. Über 20 Milliarden Euro werden sie jährlich zur Wirtschaftsleistung Deutschlands beitragen.“

Davor steht allerdings die gewaltige Aufgabe der Integration. „Die Ereignisse der Silvesternacht bilden eine Zäsur. Dass so viele Frauen Opfer von sexualisierten Angriffen wurden, ist schlimm und muss sehr ernst genommen und strafrechtlich verfolgt werden.

Die Integration vieler junger Männer, die erst nach und nach einen Platz im Arbeitsleben finden werden, stellt die aufnehmende Gesellschaft vor beträchtliche Aufgaben.“ Dass sie lösbar sind, zeige aber auch der ganz andere Verlauf der Faschingsveranstaltungen.

Aber auch in Deutschland wächst die Angst vor den vielen Ankommenden

Nachvollziehbar sind für Reimers die Sorgen Hamburger Bürger vor zu großen Flüchtlingsunterkünften, „weil diese zwar ein Dach über dem Kopf schaffen, aber die Integration der Zugewanderten nachhaltig behindern werden“. Man müsse also die zu uns gekommenen Menschen von Beginn an durch Integrationsangebote einbinden und sie möglichst nicht konzentriert in Massenunterkünften oder in sozialen Brennpunkten unterbringen.

Reimers: „Die zivilgesellschaftlichen Projekte, die sich für Flüchtlinge und eine Gesellschaft der Vielfalt engagieren, sollten stärker staatlich gefördert werden.“ Und: „Integration kann gelingen, wenn wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.“ An vielen Stellen sei Integration von Zuwanderern nicht gelungen, „weil man sich der Illusion hingab, dass die Mehrheit nur für eine begrenzte Zeit in Deutschland bleiben würde. Dass dies ein Trugschluss ist, kann man überall auf der Welt sehen“. Sowohl „Gastarbeiter“ als auch Asylberechtigte würden Wurzeln schlagen. „Viele bleiben.“

Neulich saß Stephan Reimers mal wieder bei einem Festakt der Evangelischen Kirche neben Angela Merkel. Beim 50. Jubiläum der Römischen Verträge predigte Bischof Huber im Berliner Dom über Paulus’ Wort von dem einen Leib und den vielen Gliedern und erwähnte, dass Europa ja mit sechs Gliedern begonnen habe. Das intensive Lächeln der Kanzlerin bei diesen Worten veranlasste Stephan Reimers, ihr zuzuraunen: „Das sind ein paar mehr geworden.“ Darauf Angela Merkel: „Das ist ein Tausendfüßler.“

Das treffe es sehr gut, findet Reimers. Und so empfänden es derzeit wohl viele, da die EU vor der Zerreißprobe steht. Stephan Reimers macht in dieser Debatte das, was er immer gemacht hat. Er denkt sich in die Situation der Schwächeren hinein. „Viele Länder haben doch noch einen langen Aufholweg vor sich. Und sie sind leider der Meinung, dass nun erst einmal sie dran sind – und nicht die Flüchtlinge.“

Trotzdem sei es ein Unglück, dass es der Bundeskanzlerin bisher nicht gelungen ist, in Europa Zustimmung für eine Lösung zu finden, bei der die Aufnahme von Flüchtlingen unter den Mitgliedstaaten der EU gerecht aufgeteilt wird.

Aber auch in Deutschland wächst die Angst vor den vielen Ankommenden, die von vielen Menschen, entgegen den Prognosen der Wirtschafts-Experten, nicht als Chance, sondern erst einmal als Bedrohung gesehen werden.

Wovor haben die Menschen Angst? „Angst müssen vor allem geflüchtete Menschen haben, wenn sie in bestimmten Gemeinden in Sachsen oder anderen Orten untergebracht werden“, stellt Reimers sehr deutlich klar. Die Angst von „besorgten Bürgerinnen und Bürgern“ werde häufig von Menschen formuliert, die ökonomisch und sozial ausreichend gut gestellt sind. „Und in Gegenden leben, wo es wenige Zugewanderte gibt.“

Dagegen wird er weiter anstreiten. Ihn stört es auch nicht, wenn man ihn als Gutmenschen bezeichnet. Auch wenn das Wort in der Regel einen abwertenden Klang habe, wie er findet, „weil es einen Gegensatz konstruiert zwischen dem Gutmenschen auf der einen und einem realitätsbezogenen Handeln auf der anderen Seite“.

Diesen Gegensatz würde er ablehnen. Schließlich spricht auch sein ganzes bisheriges Wirken dagegen. Da hat einer die Welt Stück für Stück verbessert, der sehr viele Visionen in die Realität umgesetzt hat. Und sich dabei mehr als einmal anhören musste, dass seine Ideen sowieso keine Aussicht auf Erfolg haben würden.

„Ein Gutmensch, der weder naiv noch blauäugig ist“, sagt Stephan Reimers am Schluss des Gesprächs, „will ich gerne sein.“