Müller-Mätzig Spiele

Der Hamburger Anwalt, der nun Spiele erfindet

Spieleentwickler und -verleger Björn Müller-Mätzig mit seinem Brettspiel „Da Yunhe“. Es wird im Mai auf den Markt kommen

Spieleentwickler und -verleger Björn Müller-Mätzig mit seinem Brettspiel „Da Yunhe“. Es wird im Mai auf den Markt kommen

Foto: Andreas Laible

Warum ein Hamburger Jurist sich mit einem Verlag selbstständig macht. Er habe die Gelegenheit genutzt, seinen Traum zu verwirklichen.

Hamburg.  Im Wohnzimmer der Familie Müller-Mätzig in Langenhorn stehen zwei Regale voller Gesellschaftsspiele. „Das sind wohl so 250 Stück“, schätzt Björn Müller-Mätzig, „aber nur diejenigen, die wir mindestens einmal im Jahr spielen.“ Wir, das sind der Familienvater, seine Frau und die beiden kleinen Töchter, das sind aber auch Freunde, Bekannte und andere Spiele-Enthusiasten.

Vor Kurzem hatten sich die Müller-Mätzigs mit Gleichgesinnten zum Kurzurlaub in Bayern eingemietet – eine Woche lang wandern und sehr viel spielen. „Dynamine“, ein Spiel, das Björn Müller-Mätzig selbst entwickelt hat, gehörte zu den Favoriten der Runde. „Das hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, sagt er. Noch in diesem Jahr soll „Dynamine“ auf den Markt kommen, in Spielwarengeschäften und im Onlineshop verkauft werden. Es ist eines der ersten Produkte aus dem vor knapp einem Jahr gegründeten Verlag Müller-Mätzig Spiele.

Der 39 Jahre alte Gründer beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Bereits während des Studiums entwarf er die ersten Brettspiele. Trotzdem widerspricht Müller-Mätzig der Einschätzung, er habe sein Hobby zum Beruf gemacht. „Ich nutze meine beruf­lichen Kenntnisse in einem anderen Bereich“, sagt der Jurist. Er war bis Ende 2014 acht Jahre lang in einer auf Medienrecht spezialisierten Münchner Kanzlei tätig und ist Experte für Urheber-, Marken- und Designrecht. Als seiner Frau – auch sie Juristin – eine attraktive Stelle in Hamburg angeboten wurde, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. „Ich habe die Gelegenheit genutzt, meinen Traum vom eigenen Spieleverlag zu verwirklichen.“

Markt für klassische Brett- und Kartenspiele wächst

Anfang 2015 zogen die Müller-Mätzigs mit ihren Spielen in Langenhorn ein, im Mai 2015 wurde der Verlag gegründet, im Mai dieses Jahres wird das erste Spiel erscheinen. Titel: „Da Yunhe – der große Kaiserkanal“. Es ist ein Brettspiel für bis zu fünf Personen, geeignet für Spieler ab zehn Jahren, Dauer 30 bis 90 Minuten, unverbindliche Preisempfehlung 39,95 Euro. Für die erste Auflage sind 2016 Exemplare in Auftrag gegeben, es gibt derzeit knapp 200 Vorbestellungen. „Bei etwa 1000 verkauften Spielen wird der break even erreicht. Ich bin vorsichtig optimistisch“, sagt der Jungverleger.

Und das liegt auch daran, weil er in einen wachsenden Markt einsteigt. Trotz der Vielzahl elektronischer Spiele und Online-Games wächst auch der Markt der klassischen Brett- und Kartenspiele weiter kräftig. Ende Januar meldete der Verband Spieleverlage für 2015 mehr als zehn Prozent Umsatzzuwachs im Bereich Spiele und Puzzles. Mit Familienspielen erlösten die Anbieter sogar 17,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das Marktvolumen wird auf mehr als 400 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Und die Zielgruppe ist groß. Etwa 14 Prozent der Deutschen zählen Gesellschaftsspiele zu ihren beliebtesten Freizeitaktivitäten. Mehr als fünf Millionen Menschen gelten als Häufig- und Gerne-Spieler. Bei der weltweit größten Fachmesse in Essen wurden im Oktober 2015 gut 1000 Spiele­neuerscheinungen präsentiert. „Etwa zehn Prozent davon verkaufen sich in großen Auflagen und über mehrere Jahre“, schätzt Müller-Mätzig.

Er ist überzeugt, dass es ein wachsendes Bedürfnis gibt, sich einerseits zurückzuziehen, diese Zeit aber zugleich in der Familie oder im Freundeskreis intensiv zu erleben. An Spieleabenden schätzt Müller-Mätzig auch die Gespräche, die sich abseits des Spielbretts entwickeln. „Man entdeckt gemeinsam neue Welten und tritt auch in Wettbewerb miteinander, ohne die Härten der Realität zu erleben.“

Auf YouTube gibt es ein Video zum Spiel

Anders als bei den Klassikern wie „Monopoly“, „Risiko“ oder „Mensch ärgere Dich nicht“, geht es bei modernen Spielen zumeist nicht darum, die Mitspieler total zu besiegen und ganz aus dem Spiel zu werfen. „Militärische Strategiespiele waren in den 70er- und 80er-Jahren groß, das hat deutlich nachgelassen“, sagt Müller-Mätzig. Bei seinem „Da Yunhe“ geht es darum, den vor 2500 Jahren tatsächlich erbauten Kaiserkanal in China zu renovieren. Je größer der Abschnitt des Kanals ist, den einer der Spieler wieder herrichtet, desto höher ist sein Ansehen am Kaiserhof. Zwar kann man den Konkurrenten die Aufgabe erschweren und sie ein bisschen ärgern, aber „am Ende haben alle an Ansehen gewonnen und einer am meisten. Das findet vor allem meine ältere Tochter gut“, sagt der Familienvater lächelnd.

Produziert wird „Da Yunhe“ beim größten deutschen Brettspiel-Hersteller in Süddeutschland, den Vertrieb an den stationären Fachhandel übernimmt eine Genossenschaft von 24 Verlagen. Auf YouTube gibt es ein Video zum Spiel, einen eigenen Onlineshop will Müller-Mätzig noch aufbauen. Bislang 22.000 Euro aus eigenen Rücklagen hat er in die Entwicklung seines ersten Spiels gesteckt. Dazu zählt das Honorar für den Illustrator, nicht aber die eigene Arbeitszeit.

Die verbringt der Jungunternehmer zum Teil spielend, denn bevor die Entscheidung fällt, ob ein Spiel tatsächlich auf den Markt kommen soll, wird es ausgiebig getestet. Müller-Mätzig tut das mit seinen Prototypen unter anderem beim Spielwerk Hamburg, einem Zusammenschluss von Spiele-Autoren. -Illustratoren und -Enthusiasten, zu dessen monatlichen Treffen oft mehr als 30 Menschen kommen.

Die Kontakte in der Szene sollen auch dem Verlag zum Erfolg verhelfen. Denn nach dem Start mit seinen eigenen Spielen will Müller-Mätzig möglichst bald auch andere Autoren unter Vertrag nehmen und deren Spiele herausbringen. Vielversprechende Kontakte hat er vor Kurzem bei den Internationalen Spieleerfindertagen in Bayern zu einem schwedischen Autor geknüpft.

Dass deutsche Spieleverlage auch ausländische Märkte im Blick haben, ist durchaus üblich. Schätzungen zufolge erzielen sie mit Lizenzausgaben für andere Länder bis zu 50 Prozent ihres Umsatzes. In Frankreich, Großbritannien und den USA gibt es eine große Nachfrage nach in Deutschland entwickelten Spielen, in denen es mehr um ein Miteinander als um ein Gegeneinander geht. International nennen Kenner diesen Typus ein „German Game“ oder „German Style Game“, also ein Spiel im deutschen Stil.

Björn Müller-Mätzigs Vorbild für den Aufbau seines Spieleverlags hat seinen Sitz ebenfalls in Hamburg. Auch die Firma Eggertspiele in Harburg fing einst als Verlag für selbst entwickelte Spiele an. 2014 verlegte Eggertspiele mit Camel up das „Spiel des Jahres“, das es mittlerweile sogar in einer chinesischen Version gibt. Mitte Februar gab das Harburger Unternehmen eine strategische Partnerschaft mit einem großen Verlag in den USA bekannt. Er wird Eggert-Spiele auf dem heimischen Markt vertreiben. „Ich wäre froh, wenn ich in einigen Jahren so weit wäre“, sagt der Jungverleger aus Langenhorn. Einen ersten Fuß im US-Markt hat Müller-Mätzig schon. 50 der Vorbestellungen für „Da Yunhe“ kommen von einem Spielehändler in den USA.