Ausstellung

Das andere Miniaturwunderland aus dem Grindelviertel

Franz Willy Rellmann baut Puppenhäuser und Puppenkisten und Kunstwerke , die eine vergangene Zeit widerspiegeln , z.B. alte Läden und Werkstätten im Miniaturformat

Franz Willy Rellmann baut Puppenhäuser und Puppenkisten und Kunstwerke , die eine vergangene Zeit widerspiegeln , z.B. alte Läden und Werkstätten im Miniaturformat

Foto: Michael Rauhe

Franz Willy Rellmann baut seit Jahrzehnten besondere Puppenstuben. Noch bis April sind seine Objekte in einer Galerie ausgestellt.

Hamburg.  Man muss ihn erst mal genau hier treffen, im Grindelviertel, wo eine Straße tatsächlich den Namen „Rutschbahn“ trägt. Da leben natürlich auch Erwachsene. Menschen wie Franz Willy Rellmann etwa, der mit 70 Jahren unbedingt der Kindheit entwachsen ist, in komplexeren Zusammenhängen denken kann. Und dann aber das Kleine schafft, die Miniatur, die Kopie einer vergangenen Wirklichkeit.

Franz Willy Rellmann, der ältere Herr aus Hamburg-Harvestehude, der würdevoll spricht und würdevoll Cordhose trägt, sagt: „Ich bewahre das, was war, mit meiner Kunst. Ich baue Brücken zur Erinnerung.“ Ein großes Thema, die Welt von gestern. Man kann sie verkleinern.

Öffentliche Orte, Handwerksläden und Kleintheater

Und dann sieht sie so hinreißend aus, so exakt und so nostalgisch, so ­poetisch und so retro wie in Rellmanns Miniaturhäusern. Er hat sie nach­gebaut, all die öffentlichen Orte, die Funktions- und Geschäftshäuser, die Handwerkerläden und Kleintheater, die es so heute gar oder fast nicht mehr gibt. Es sind zehn an der Zahl, er hat den über Jahrzehnte hinweg entstandenen Zyklus „Die Große Straße“ ­genannt. Fischladen, Kfz-Werkstatt, Wettbüro, Badeanstalt, Theater, Sattlerei, Tischlerei, Schlachterei, Friseur­salon, Krankenzimmer im Spital: Es sind handwerklich perfekte und rührend detaillierte Nachbildungen realer Szenerien, die Rellmann mit Schere, Kleber, Holz und vielen anderen Utensilien geschaffen hat.

Zu sehen sind sie derzeit in einer Galerie in Hamm. Bevor wir dorthin fahren, verweilen wir noch in Rellmanns Werkstatt, sie ist Bestandteil der Altbauwohnung, in der er mit seiner Lebensgefährtin lebt. Diese Werkstatt ist gleichzeitig das Privatmuseum eines Mannes, der als Künstler, Kunsthandwerker und Schöpfer eines vielfältigen Werks Jahrzehnte im Verborgenen wirkte. Bilder, Skulpturen, die meisten von ihnen aus Holz gearbeitet; wir finden zum Beispiel Rellmanns künstlerischen Kommentar zum Ende der DDR. Hammer und Sichel aus Blech und Blattgold. Meistens waren Rellmanns Objekte in Privatschauen bei Freunden oder in Anwaltskanzleien und Arztpraxen zu sehen.

Es gab auch ein paar größere Ausstellungen, im Hausflur hängen ihre Plakate. Aber Rellmann hat sich vor ­allem Absagen eingehandelt. Und sie mehr oder weniger heiter hingenommen. Überhaupt ist Rellmann der freundlichste und zurückhaltendste Mensch, den man sich vorstellen kann, was ihn zur Idealfigur aller nie im Rampenlicht stehenden Künstler macht, für die es so etwas wie Scheitern gar nicht gibt: weil der Sinn des eigenen Wirkens im Tun selbst besteht.

Arbeitete als Grafiker in der Werbebranche

Franz Willy Rellmann sagt: „Mir hat die Tatsache, dass ich mit meinen künstlerischen Projekten noch etwas anderes neben der Arbeit hatte, dabei geholfen, nicht allzu traurig aus dem Beruf zu scheiden.“ Sein Beruf, der seit seiner Ausbildung als Grafiker zur Werbebranche gehörte. Rellmann, der am 8. Mai 1945 – „Ich will mir immer einbilden, meine Geburt hätte den Krieg zum Ruhen ­gebracht.“ – in der thüringischen Theaterstadt Meiningen geboren wurde, kam Mitte der 60er-Jahre nach Hamburg.

Knapp ein Jahrzehnt war er als Artdirector in Werbeagenturen tätig, ­danach arbeitete er freiberuflich. Und dann, sagt Rellmann, „kamen die bösen Geräte, die Laptops und Grafikprogramme“. Er lacht. Überzeugt manueller Mensch, der er ist, dachte er sich: Das legt sich wieder. Tat es aber nicht. Es sei am Ende schwer gewesen, noch mitzuhalten, erinnert sich Rellmann.

Und es begab sich, dass er lieber zu früh als zu spät aufhörte mit der Werbung, er hatte ja die Kunst, so wie jeder etwas hat, ein Talent, das einen manchmal vielleicht herausreißt, aus Krisen oder auch nur Ratlosigkeit. Jeder Mensch, sagt Rellmann, ist von Geburt an kreativ.

Nur ist es halt oft so, dass die Kreativität, die Befähigung zur Kultur, im Laufe eines Lebens bei den meisten „in einer Schublade verschwindet“, wie Rellmann es ausdrückt. Er selbst hat seine Kreativität gepflegt – und mit der Erinnerung kurzgeschlossen. Nachdem er einer Freundin vor 30 Jahren auf deren Wunsch hin ein Puppenhaus baute, kam er zu seiner Form, zu dem Objekt, in das seine schöpferische Kraft und seine ­Geschicklichkeit am besten fließen: der Miniaturausgabe von häuslichen Innenwelten.

Vier Jahre Arbeit an einem Puppenhaus

Es steht ein riesiges Puppenhaus in seinem Werkstattzimmer, auf das er vier Jahre Arbeitszeit verwendet hat. Es umfasst 24 Zimmer, sie entstammen unterschiedlichen Epochen und passen auf geheimnisvolle Weise doch zusammen. Historismus, Einblicke in eine alte venezianische Welt, eine insgesamt eher herrschaftliche, mindestens aber gediegen bürgerliche Innenausstattung, wie man sie aus alten realistischen Romanen kennt.

Mit dem „Meininger Zimmer“ hat Rellmann einen Raum seiner Kindheit nachgebaut. Samt Grammofon; ­damals ein wertvoller Gegenstand, da durfte er als Junge nicht dran. Der ­Vater starb früh, die Mutter verließ mit ihrem einzigen Sohn 1956 die DDR und siedelte in den Westen über.

Es sei alles in seiner „Birne“, sagt Rellmann, und er meint damit seine Arbeitsweise, aus dem Gedächtnis Raumwelten zu modellieren: Sie haben eine Seele, und sie stehen natürlich nicht zu knapp für die Verklärung der Vergangenheit.

Rellmann hat Tonnen von Kleber verwendet („Uhu sollte mein Sponsor werden“), um bis ins Kleinste die Billard- und Musikzimmer nachzugestalten, und nicht zuletzt, weil er so viel Mühe walten lässt, wenn er sich an die Gestade des Retro begibt, hat ihn die Künstlerin und Galeristin Friederike Ahrens für ihre Galerie Schichtwechsel entdeckt. Dort sind die meisten seiner Modelle zu sehen, und als der NDR vor einigen Wochen über die Ausstellung und das Puppenhaus Rellmanns ­berichtete, kamen Hunderte nach Hamm, um seine Arbeiten zu sehen. Sogar aus Berlin reisten Besucher an. Es seien vor allem Frauen da gewesen, die sich an die Puppenhäuser ihrer Kindheit erinnerten, erzählt Rellmann.

Rellmann beklagt Rückgang kleiner Geschäfte

Gott sei Dank waren sie nicht allzu enttäuscht, dass das Puppenhaus in der Galerie gar nicht zu bewundern ist. Dort geht es ganz um die Vergänglichkeit der Geschäfte, um das, was einmal war und jetzt nicht mehr ist. Oder ­zumindest ganz anders. „Eine ganze Welt löst sich auf, wieso gibt es die kleinen Geschäfte nicht mehr?“, fragt Rellmann.

„Fische Schmidt“, das er so hinreißend gestaucht hat, gibt es allerdings immer noch am Eppendorfer Baum. Der Fischladen hat sich jedoch sehr verändert, „und er ist einer von wenigen, die überhaupt geblieben sind“, sagt Rellmann, den man sich im Übrigen nicht als Hardcore-Melancholiker vorstellen muss.

Eher als staunenden ­Beobachter, der sieht, wie die Gesellschaft mal gemacht war, als noch niemand in Internetuniversalkaufhäusern bestellte. Als man sein kaputtes Auto, wenn es ein Franzose war, noch zum Peugeot-Spezialisten nach Barmbek brachte. Auch den Friseur-Salon Trautmann in der Fuhlsbüttler Straße, den Rellmann getreulich nachgebildet hat, gab es wirklich. Auf seine Weise ist Rellmann ein Hobby-Historiker. Seine Häuser sind wie ein Geschichtsband.

Rellmann sucht bislang erfolglos einen festen Ort für seine Arbeiten, eine Stiftung, noch besser ein Museum. Zum Schluss gibt er uns ein Buch mit, es zeigt Fotos, die in sein Miniaturwunderland zoomen. Er hat es auf eigene Kosten drucken lassen.

Franz Willy Rellmanns Miniaturarbeiten Fr 16 bis 19 Uhr, Galerie Schichtwechsel, Eiffestraße 426, Eintritt frei; die Ausstellung ist noch bis zum 2. April, täglich außer an Sonn- und Feiertagen jeweils von 16 bis 19 Uhr zu sehen.