Stressmedizin

Experte: „Ein Burn-out ist heute gesellschaftsfähig“

Prof. Stephan Ahrens vom Hamburger Fachzentrum für Stressmedizin und Psychotherapie

Prof. Stephan Ahrens vom Hamburger Fachzentrum für Stressmedizin und Psychotherapie

Foto: privat

Wer sich ausgebrannt fühlt, geht heute schneller zum Arzt. Das hilft, psychische Folgeerkrankungen wie Depressionen zu vermeiden.

Hamburg.  Ausgebrannt, müde, erschöpft – noch vor wenigen Jahren war der Begriff „Burn-out“ in aller Munde. Heute hört man nicht mehr viel davon. Dabei hat es nichts an Aktualität verloren – eher im Gegenteil. „Nach meinem Eindruck ist die Zahl der Betroffenen größer geworden. Jedenfalls kommen mehr Patienten wegen eines Burn-outs in unsere Praxis“, sagt Burnout-Experte Prof. Stephan Ahrens vom Hamburger Fachzentrum für Stressmedizin und Psychotherapie.

Sicher sei dieser Begriff auch ein Modewort, aber „ein Burn-out ist heute gesellschafts­fähig“. Diese Akzeptanz habe wesentlich dazu beigetragen, dass Menschen mit einem Burn-out mittlerweile schneller zum Arzt gehen. „Früher kamen sie meist erst dann, wenn sie bereits eine Depression hatten“, sagt Ahrens. Denn ein Burn-out ist noch keine Krankheit, sondern fällt eher unter die Bezeichnung Befindlichkeitsstörung. Typische Symptome sind Unruhe, Schlafstörungen, Unzufriedenheit.

Ganz wichtig sei das sogenannte Urlaubssymptom, so Ahrens: „Wenn jemand drei Wochen im Urlaub war und sich hinterher kein bisschen erholt fühlt, ist das ein Alarmzeichen, und der Betroffene braucht professionelle Hilfe.“ Wer solche Zeichen ignoriert, geht das Risiko ein, dass aus dem Burn-out eine psychische Erkrankung wird. „Dabei handelt es sich dann um Depressionen, Angst- und Panikstörungen oder Körperbeschwerden, für die es keine organische Ursache gibt“, so Ahrens.

Im Gegensatz zu früher sind heute Angehörige aller Berufsgruppen gleichermaßen vom Burn-out betroffen – vom Manager bis zur Putzfrau. „Besonders viele Burn-out-Patienten sehen wir, wenn es in Firmen tief greifende Umstrukturierungen gegeben hat“, sagt der Spezialist für Psychosomatik.

Wer einen Therapeuten sucht, sollte auf eine fundierte Ausbildung achten

Die Therapie reicht von einmaliger Beratung über Kurzzeittherapie bis zu einer längeren Behandlung, in der der Patient Hilfe bei der Umsetzung der therapeutischen Ziele erhält. „Schwer ist es vor allem, sich selbst zu verändern, besonders für Menschen, die gern von allen anerkannt werden möchten, nicht Nein sagen können oder sehr perfektionistisch sind“, so der Psychiater.

Prof. Bernd Löwe, Direktor der Poliklinik für Psychosomatik am UKE und Chefarzt der Psychosomatik in der Schön Klinik Eilbek, sagt, dass die Zahl der Menschen, die wegen eines Burnouts in seine Abteilungen kommen, unverändert geblieben ist. Verändert habe sich aber das Bewusstsein der Patienten: „Der Begriff Burn-out hat sich etabliert und differenziert. Er wird nicht mehr als stigmatisierende psychische Störung gesehen, sondern als Belastung wie jede andere auch.“

„Burn-out ist mittlerweile ein Türöffner“

Das sei anders bei Depressionen. Auch wenn heute mehr Menschen darüber sprechen als früher: „Über Burn-out wird von Patienten offen gesprochen, über Depressionen im Vergleich dazu eher seltener. Der Begriff Burn-out ist mittlerweile ein Türöffner für Patienten, die sonst wegen psychischer Störungen nicht zum Arzt gehen würden.“

Wer im Internet nach Informationen zum Burn-out sucht, bekommt den Eindruck, dass sich um diesen Begriff eine ganze Branche formiert hat. Man stößt auf viele Webseiten und Angebote – von Therapeuten und Kliniken, die sich auf die Therapie von Burn-out spezialisiert haben, sowie auf Einrichtungen, die Ausbildungen zum Burn-out-Berater anbieten. Welche Qualität diese Ausbildungen haben, ist nicht immer ersichtlich. Doch wenn man auf Webseiten stößt, die eine intensive Burn-out-Beraterausbildung in sieben Tagen anbieten, sind von solchen Beratern keine umfassenden Kenntnisse zu erwarten.

Das wirft auch die Frage auf: An wen soll sich jemand wenden, der sich ausgebrannt fühlt? „Man sollte sich auf jeden Fall einen qualifizierten Gesprächspartner suchen, das heißt einen Coach oder einen Therapeuten, der eine mehrjährige fundierte Ausbildung hat. Ganz wichtig ist auch: Zwischen Therapeut und Patient muss die Chemie stimmen“, sagt Ahrens .