Schauspieler

Helmuth Gmelin – der Mann mit dem Zimmertheater

Helmuth Gmelin als Kürassier-Kommandeur im „Hauptmann von Köpenick“ aus dem Jahr 1956, neben ihm Maria Sebaldt

Helmuth Gmelin als Kürassier-Kommandeur im „Hauptmann von Köpenick“ aus dem Jahr 1956, neben ihm Maria Sebaldt

Foto: ullstein bild

Vor 125 Jahren wurde der Schauspieler Helmuth Gmelin geboren. Er gründete 1947 in seiner Wohnung eine Spielstätte für 50 Zuschauer.

Der Zuschauerraum ist ein Wohnzimmer. Die 50 Besucher sitzen auf einem hölzernen Podium. Die Wand zu einem zweiten Zimmer ist abgebaut, es dient nun als Bühne. Einen Vorhang gibt es nicht, die Schauspieler treten nach rechts in den Flur ab. Eine weiß gekalkte Wand verstellt den Blick auf Couch und Bücherregal im dritten Zimmer, das dem Hausherrn zum Wohnen geblieben ist.

Es ist die ungewöhnlichste Spielstätte Deutschlands, und sie macht Geschichte. Das Theater im Zimmer wird zum berühmtesten seiner Art, sein Gründer zu einem der profiliertesten Theaterleute der jungen Bundesrepublik: Helmuth Gmelin.

Die Pioniertat des Schauspielers, Regisseurs, Schauspiellehrers und Theaterleiters fällt in die Zeit des kulturellen Wiedererwachens nach der Nazi-Zeit. Viele Künstler sind ermordet, andere im Exil, die Bühnen zerbombt, die Interessen der Menschen vom täglichen Kampf ums Überleben gebunden. Die Briten haben fast alle Industriebetriebe demontiert, 42.000 Hamburger sind ohne Arbeit. Im Winter sind 85 Menschen erfroren, viele Familien haben kaum noch etwas zu essen.

Doch auch der Hunger nach geistiger Nahrung ist groß, und eingefleischte Theaterfreunde drängen sich bald in die kleine Wohnung im vierten Stock des Mietshauses Alsterchaussee 5.

Der Gastgeber serviert keine leichte Kost. Helmuth Gmelin, vor 125 Jahren – am 21. März 1891 – in Karlsruhe als Sohn einer badischen Gelehrtenfamilie geboren, hat früh den Weg zur Hochkultur eingeschlagen. Sein Bruder Otto Gmelin war Doktor der Philosophie und schrieb historische Romane. Der fünf Jahre jüngere Helmuth hat sein Bühnenhandwerk an der Reicherschen Hochschule für dramatische Kunst in Berlin gelernt.

Boy Gobert, Helga Feddersen, Hans Irle starteten ihre Karrieren bei Gmelin

Bis 1946 sehen ihn die Hamburger in vielen Rollen am Deutschen Schauspielhaus. Jetzt lädt der Mann, den der „Spiegel“ damals als „den Ästheten mit den langen grauen Haaren und den großen Augen hinter der Hornbrille“ beschreibt, das Publikum in seine Wohnung ein. Nicht etwa, weil es ihm an einer richtigen Spielstätte fehlte: Gmelin will ein Theater ohne Trennung von Bühne und Zuschauern, keine Rampe, sondern das, was man heute „Barrierefreiheit“ nennt.

Der Theatergründer möchte die Zuschauer noch näher an die Darsteller heranbringen, sie noch mehr ins Geschehen verwickeln, „ohne jeden vergröbernden Realismus des Bühnenbildes und ohne jedes darstellerische Pathos“. Das Hamburger Abendblatt beschreibt Gmelins „Traum von einem rampenlosen Theater“ als „neue Interpretationsmöglichkeit erhöhter Erlebnisnähe“.

Drei Tage vor der ersten Aufführung sieht es in der Wohnung noch aus wie auf einer Baustelle. Ein Schreiner zieht mächtige Balken aus Papp­maschee ein. Die anderen, die da hämmern und pinseln, sind junge Schauspieler aus Gmelins Schule.

Als erster tritt bei der inoffiziellen Eröffnung im Juli 1947 der Sohn eines Hamburger Kultursenators vor das Publikum: Boy Gobert. Sein Vater Ascan Klée Gobert war im Jahr zuvor kurzzeitig von der britischen Besatzungsmacht in den „Ernannten Senat“ berufen worden. Der Sohn ist 22 Jahre alt und spielt den geisteskranken Maler Osvald in Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama „Gespenster“. 22 Jahre später wird er als Intendant das Thalia Theater leiten.

Zur eigentlichen Premiere am 24. März 1948 gibt es Hebbels bürgerliches Trauerspiel „Maria Magdalena“ um den Selbstmord einer schwangeren Tischlerstochter. Die Hauptrolle spielt die junge Maria Stahm, als tragischer „Meister Anton“ steht Gmelin selbst auf seiner Bühne. „Kein Zufallstreffer, sondern planvolle, sehr gewissenhafte Arbeit“, lobt ein Kritiker.

In den nächsten vier Jahren sieht das Einraumtheater den Start oder Neustart großer Karrieren. Hans Irle debütiert 1948 als Truffaldino in dem Goldoni-Klassiker „Diener zweier Herren“. Später spielt er mit Gustaf Gründgens, aber auch in Edgar-Wallace-Krimis und Jürgen Rolands Thriller „Polizeirevier Davidswache“. Die Hambur-gerin Mita von Ahlefeldt tritt 1948 als Generalin in George Bernard Shaws Dreiakter „Major Barbara“ und 1950 als „Tante Martha“ in Joseph Kesselrings Kriminalkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ auf.

Die große Volksschauspielerin und spätere „Ulknudel“ Helga Feddersen gibt ihr Debüt 1949 mit 19 Jahren als Eleonora in Strindbergs Passionsspiel „Ostern“. Eduard Marks, von 1937 bis 1945 am Hamburger Schauspielhaus, macht bei Gmelin eine Zwischenstation, ehe ihn Gründgens 1955 auf die große Bühne zurückholt.

Hubert Fichte tritt schon mit elf Jahren als Kinderdarsteller auf. 1950 beginnt er bei Gmelin ein Schauspielstudium. Später schreibt er Bestseller wie „Das Waisenhaus“.

„Ein bohèmehaftes Original, dem zu begegnen in unseren Zeiten so wohltut“

Dann wird die Wohnung endgültig zu klein, und Gmelin zieht um – auf die andere Straßenseite, in eine klassizistische Villa an der Alsterchaussee 30. Im 19. Jahrhundert wohnte hier der Kapitän und Reeder Victor von Graefe. Jetzt spielen dort vor 120 Zuschauern Hans Daniel, 1945 als Fliegeroffizier Hassdenteufel Partner von Curd Jürgens in „Des Teufels General“, oder Utz Richter, 1960 als „Leutnant Mitlöhner“ beim Serienklassiker „Am grünen Strand der Spree“ dabei. Auch große Regisseure machen mit: Günter Rennert, Intendant der Hamburger Staatsoper, inszeniert 1950 Becketts „Warten auf Godot“.

Gmelin arbeitet auch für Film und Fernsehen, spielt mit Heinz Rühmann im „Hauptmann von Köpenick“, übernimmt Hauptrollen in Hörspielen, wird Synchronsprecher. Für den Abendblatt-Kritiker ist er „ein bohèmehaftes Original, dem zu begegnen in unseren nivellierenden Zeitläufen so wohltut“.

1957 erkrankt Gmelin so schwer, dass seine Tochter und spätere Nachfolgerin Gerda den größten Teil seiner Arbeit übernehmen muss. Nach vorübergehender Erholung stirbt der große Theatermann am Nachmittag des 18. Oktober 1959 im Krankenhaus Barmbek. Der Nachruf im Abendblatt ehrt eine „im Kulturbetrieb der Hansestadt unübersehbare Persönlichkeit, deren künstlerische Ausstrahlung in Zukunft bitter fehlen wird“.

Gmelins „Theaterchen“ stellt 1999 den Betrieb ein, nachdem Subventionen gestrichen wurden und die inzwischen 80-jährige Gerda Gmelin keinen Nachfolger findet. 2004 folgt eine kurzzeitige Wiedereröffnung, seit 2009 dient das Gebäude der Hochschule für Musik und Theater als Aufführungs-, Probe- und Seminarraum.