Neustadt

Millionenprozess um Narkosefehler

Tim Wosnitza, dessen Frau bei einer Brust-OP starb, fordert Schadenersatz von der Klinik: das Geld, das „Sexy Cora“ mit Sex-Filmen verdient hätte

Neustadt. Tim Wosnitza trägt ein Tattoo am Hals, ein geschwungener Schriftzug, der das Wort „Vendetta“ formt. Vendetta wie Rache. Geht es ihm darum? Um Rache?

Wosnitza steht im Flur des Ziviljustizgebäudes, Kameras sind auf ihn gerichtet, er genießt soviel Aufmerksamkeit wie ein Promi. Dabei kennt man den 30-Jährigen nur, weil er Ehemann und Manager der Porno-Aktrice Carolin Wosnitza alias „Sexy Cora“ war. Die 23-Jährige starb 2011 während einer Busen-OP in der Alster-Klinik – wegen eines Narkosefehlers. Weil Wosnitza durch ihren Tod enorme Einnahmen entgangen seien, hat er die Klinik und zwei Ärzte zivilrechtlich auf Schadenersatz verklagt. Die Rede ist von fast einer Million Euro.

Jedenfalls, sagt Wosnitza am Freitag kurz vor Verhandlungsbeginn, ginge es ihm nicht um das Geld, sondern darum, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber, na klar, es werde auch um Bares gestritten. Er verdiene zwar sein eigenes Geld. Doch während er im Marketing heute „80 Stunden pro Woche“ arbeiten müsse, habe er für das gleiche Geld zu Lebzeiten seiner Frau nur zehn Stunden arbeiten müssen.

Wosnitza will vor Gericht Schadenersatz-, Schmerzensgeld- und Unterhaltsansprüche durchsetzen. Zu einem kleinen Teil sind darin die Kosten für die Beerdigung und die Behandlung seiner Frau auf der Intensivstation des UKE enthalten. Der größte Posten sind aber die Unterhaltsansprüche: Damit ist sein Zugewinn gemeint, den er durch seine besser verdienende Frau gehabt hätte, wenn sie nicht gestorben wäre.

In der Tat galt die junge Frau, die 2006 Tim Wosnitza geheiratet hatte, als Star der Amateurporno-Szene. Die 23-Jährige bot kostenfreien Sex vor laufender Kamera, im Gegenzug traten die Männer sämtliche Rechte an den Aufnahmen ab. Das Ehepaar vermarktete die Clips sodann höchst erfolgreich auf seiner Website. Carolin Wosnitzas Karriere in der Horizontalen wurde zusätzlich befeuert durch die Machart der Fummelfilme: So löste ein Dreh im Naturschutzgebiet Boberger Dünen mit zwölf Männern einen größeren Polizeieinsatz aus; für einen Fellatio-Rekordversuch auf St. Pauli wollte Wosnitza gleich 200 Männer beglücken, brach dabei aber mit einem Kreislaufkollaps zusammen. 2010 wurde das Porno-Sternchen einem noch weitaus größeren Publikum durch seinen Auftritt im „Big Brother“-Container bekannt. Das Geschäft brummte: Nach einem „Stern“-Bericht soll das Ehepaar in den Jahren 2009 und 2010 2,7 Millionen Umsatz gemacht haben.

Doch im Januar 2011 endete die Erfolgsgeschichte abrupt: Als sich „Sexy Cora“ in der Alster-Klinik zum fünften Mal die ohnehin schon sehr üppige Brust vergrößern ließ, erlitt sie einen Herzstillstand und starb wenige Tage darauf an einer Hirnlähmung. Die Narkoseärztin Marion F., der eklatante Mängel nachgewiesen werden konnten, wurde 2013 wegen fahrlässiger Tötung zu 14 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er sei von Anfang an gegen die Busen-OP gewesen, sagt Tim Wosnitza. Doch seine Frau habe sie unbedingt gewollt. Warum, wisse er nicht. „Ich glaube aber, dass das Geschäft, das sie gemacht hat, null mit der Brustvergrößerung zu tun hatte“, sagt er.

Um die Fehler bei der Operation geht es am Freitag auch im Gerichtssaal. Geladen ist – wie schon im Strafprozess – als Gutachter der Anästhesiologe Professor Georg von Knobelsdorff, der von haarsträubenden Schlampereien und Versäumnissen der Narkoseärztin berichtet: Von den Protokollen etwa, die nicht mal die essenziellen Angaben zur Sauerstoffsättigung und zur Herzfrequenz der Patientin enthielten. Wie man so arbeiten könne, sagt von Knobelsdorff, sei für ihn „schlechterdings nicht nachvollziehbar.“ Es waren gravierende Fehler, die zum Tod der eigentlich kerngesunden 23-Jährigen führten. Marion F. spritzte der jungen Frau die Narkosemittel, bediente aber das Beatmungsgerät falsch, sodass Wosnitza keine Luft bekam. Zudem hatte sie an dem Gerät den akustischen Alarm deaktiviert. Doch statt die Herzfrequenz zumindest im Blick zu behalten, drehte sich Marion F. mit dem Rücken zum Monitor. Als die Ärztin feststellte, dass etwas nicht stimmte, war es schon zu spät: Die 23-Jährige hatte einen Herzstillstand erlitten. Zwar gelang es den Ärzten, sie wiederzubeleben, doch die massive Schädigung des Gehirns durch den Sauerstoffmangel war bereits irreversibel.

Außer den Anwälten und Wosnitza ist zum Prozess nur der operierende Arzt im Gericht erschienen. Er habe damals nicht gesehen, dass die Narkoseärztin mit dem Rücken zum Monitor saß, weil sie hinter einer hohen sterilen Trennwand gesessen habe, sagt er. Im Fall der Narkoseärztin Marion F. sehe er nach Schriftlage eine Haftbarkeit gegeben, sagt der Vorsitzende Richter Hermann Antony. Er strebe eine gütliche Einigung der Parteien an, sei aber skeptisch, zumal zwischen den finanziellen Vorstellungen des Klägers und der Beklagten Welten lägen. Wosnitza fordert fast eine Million Euro, die Alster-Klinik spricht hingegen von einem Schaden in einem „hohen fünfstelligen Bereich“, um den sich die Haftpflichtversicherer kümmern würden. Wie soll man da zueinanderfinden? Bis zum 1. April können die Prozessparteien noch versuchen, sich zu einigen. Gelingt das nicht, wird weiterverhandelt. Eine Entscheidung könnte dann am 27. Mai verkündet werden.