Ohlsdorf

Labskaus an Schmidts Grab

Auf der letzten Ruhestätte des Ehrenbürgers liegen erstaunliche Trauerbekundungen. Manche finden das unpassend

Ohlsdorf. Gut 200 Meter entfernt von der Kapelle 10 und gerade mal 20 Schritte abseits der breiten Mittelallee liegt er seit dem 23. November des vergangenen Jahres an der Seite seiner Frau Hannelore, genannt Loki, begraben, die ihm bereits im Oktober 2010 vorausgegangen war: Helmut Schmidt, fünfter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (von 1974 bis 1982), seit 1983 Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Hamburg (und von weiteren vier Städten) sowie Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Doch den Hamburgern wird er wohl vor allem wegen seines Krisenmanagements während der Sturmflut im Februar 1962 bis in alle Ewigkeit in Erinnerung bleiben, vielleicht aber auch ein bisschen wegen seiner geradezu militanten Zigarettenqualmerei – was durch einen Besuch seiner letzten Ruhestätte durchaus plausibel erscheint.

Das Grab der Familien Koch und Schmidt (Helmut Schmidts Mutter Ludovica war eine geborene Koch) ist von den Familiengräbern der Hamachers zur Rechten und der Blicks zur Linken flankiert. Der alte weiße Grabstein ist von zwei Rhododendren eingerahmt, davor liegt eine neue Grabplatte aus weißem Marmor, auf der die Namen und die Lebenszeiten der Eheleute eingraviert sind.

Die Bodendecker besitzen jetzt, Anfang März, noch die blassbraune Schlammfarbe des Winters. Birkenlaub hat sich in ihren zarten Verästelungen verfangen, aber der Frühling fängt ja gerade erst an.

Man sollte annehmen, dass die letzte Ruhestätte eines solch bedeutenden und verehrten Zeitgenossen eine gewisse Eleganz ausstrahlt, vielleicht sogar einen Hauch von gepflegter Gediegenheit oder gar staatsmännischer Würde, aber dem ist nicht so, im Gegenteil: Auf dem Grab haben Unbekannte zwei grün-weiße Packungen seiner Lieblings-Filterzigarette (Marlboro Menthol, noch im Cellophan-Papier eingeschweißt) drapiert; dazwischen steht eine 825-Milliliterdose Labskaus vom Old Commercial Room gegenüber vom Michel. Mehrere frische Grablichter brennen, an einem der flackernden Lichter lehnt eine Schwarzweiß-Fotografie aus den 80er-Jahren, die Helmut Schmidt und den damaligen Vorsitzenden der IG Bergbau und Energie, Adolf Schmidt, während eines Gewerkschaftskongresses zeigt.

In loser Anordnung finden sich auch mehrere verblühte Blumengestecke und ein knackfrischer, gelber Tulpenstrauß auf dem Grab (was Loki Schmidt jedoch mit Sicherheit nicht gutgeheißen hätte, denn Schnittblumen lehnte sie vehement ab). Hinter den Tulpen liegt ein Plastikdöschen mit Schnupftabak (Gletscher-Prise), darauf eine – noch trockene – Filterzigarette, und da es in den vergangenen drei Tagen nicht geregnet hat, ist ihr Zustand ebenfalls Beweis dafür, dass sie erst kürzlich abgelegt worden sein muss. Und dass Helmut Schmidt öfter Besuch bekommt.

Lutz Rehkopfs in 16 Jahren Öffentlichkeitsarbeit für den Friedhof Ohlsdorf geschulte Augen registrieren anhand dieser doch recht ungewöhnlichen Gaben „mindestens 20 Personen, die in den vergangenen Tagen an Herrn Schmidts Grab waren. Aber Sie glauben nicht“, fügt der Sprecher des Friedhofs hinzu, „was in den ersten Tagen nach seiner Beisetzung los war: Da haben bis zu 100 Menschen pro Stunde bei uns in der Verwaltung angerufen, um sich nach der Lage seiner Grabstätte zu erkundigen.“ Neulich, nach Roger Willemsens Beisetzung, sei es übrigens fast ähnlich gewesen.

Die Friedhofsverwaltung hat darauf mit einem aktuellen Lageplan reagiert, der als Faltblatt im Hauptgebäude kostenlos ausliegt. Und selbstverständlich, so Rehkopf, seien Helmut Schmidts und Roger Willemsens letzte Ruhestätten bereits in die bereits bestehenden, langen Listen der „Prominentengräber“ aufgenommen worden, die alphabetisch nach den Familiennamen angeordnet sind und die sich jeder Interessierte im Internet anschauen kann (www.friedhof-hamburg.de/ohlsdorf/). Dieses Koordinatensystem ist zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber ohne würde man auf dem größten Parkfriedhof der Welt (seine Fläche von 391 Hektar entspricht etwa der Größe von 548 Fußballfeldern) vermutlich nicht weit kommen, sondern sich mit Sicherheit verlaufen. „Selbst ich kann auch nach so vielen Jahren auf dem Gelände immer wieder etwas Neues entdecken“, sagt Lutz Rehkopf. Schließlich sei der Friedhof Ohlsdorf die bedeutendste Begräbnisstätte für Hamburg, auf der zahlreiche Bürgermeister, Senatoren, Dichter, Musiker, Schauspieler und andere Künstler ihre letzte Ruhestätte gefunden hätten.

Dass jedoch ausgerechnet Helmut Schmidt noch in seiner ewigen Ruhe rauchen oder gar Labskaus verspeisen soll, stört anscheinend einige Gemüter, die ihre Empörung über das Sammelsurium auf der Grabstelle U 33 244-249 unter anderem auch dem Abendblatt gegenüber geäußert haben. Der Tenor: Sowas gehe ja nun mal gar nicht – Kippen auf einem Kanzlergrab!

Lutz Rehkopf schüttelt den Kopf. „Wie ein Grab gestaltet wird, obliegt allein den Angehörigen oder dem Verstorbenen selbst, wenn er vor seinem Ableben bereits entsprechende Anweisungen gegeben hat. Wir machen da gar nichts.“

Was wiederum nicht ganz richtig sei, korrigiert er sich jedoch schon im nächsten Satz, denn als Ehrenbürger der Stadt ruhe Helmut Schmidt zum einen kostenlos in Hamburgs Erde, und gleichzeitig sei in der Ehrenbürgerschaft auch eine zumindest rudimentäre Grabpflege enthalten, die sich in diesem Fall allerdings bereits mit dem Harken und Entfernen von Laub erschöpft. „Bisher haben wir weder von der Familie noch von irgendeiner anderen Institution einen Auftrag zur Grabpflege erhalten“, sagt Lutz Rehkopf, „aber wir wollen in der nächsten Zeit ein Hinweisschild an der Mittelallee aufstellen, aus Schmiedeeisen, mit Ranken.“ Er gehe zurzeit davon aus, dass die Angehörigen vermutlich vor allem Loki Schmidts immerwährenden Wunsch nach einem möglichst naturbelassenen Lebensumfeld respektierten. Und der Tod gehöre zum Leben des Menschen nun einmal dazu. Wenn auch gemeinerweise.