Hamburg

Den Flüchtlingen ins Gesicht schauen

Ich kann nicht wohlgesetzte, beschauliche Worte zum Sonntag schreiben, während sie draußen vor der Tür sitzen: im Dreck, hustend, frierend, Mütter und Kinder, Männer, die immer wieder mal die Wut der Verzweiflung packt. Sie haben sich nicht aus Lust und Tollerei auf den Weg gemacht. Wie soll es weitergehen? Sie, die Menschen vor dem Zaun, wissen es nicht. Eines wissen sie und jeder, der die Augen aufmacht: So kann es nicht weitergehen, die Menschen brauchen Hilfe.

Ich bin sehr skeptisch gegenüber politisch Verantwortlichen, auch gegenüber Kommentatoren von „anständigen“ Zeitungen, die angeblich die Lösungen wissen. „Ich habe recht behalten“, sagt ein Minister. Er will immer schon gewusst haben, was zu tun ist: Die Leute stoppen, einen sicheren Zaun bauen. Rechthaberei mag dem schmeicheln, der sie für sich in Anspruch nimmt, hilft aber in der Sache überhaupt nichts. Mich empört die Attitüde, mit der die bekannten Politiker fast täglich auftreten – als ob sie eine Nebenregierung wären – und Gehör finden: Sie hätten ja schon immer lautstark auf die Fehler hingewiesen; jetzt – so verkünden sie stolz und mit Witzchen auf der Zunge – würde ja endlich Bewegung in ihrem Sinn in Gang kommen. Sehr aufmerksam verfolgen wir die Beratungen in Brüssel, hoffentlich zeigt sich doch ein gemeinsamer Weg. Ich bin ein Mann der Kirche und kein Politiker. Aber ich spreche doch nachdrücklich als Staatsbürger und als Anwalt von öffentlicher Moral, als Mahner zu Anstand und Humanität. Ich rufe uns alle auf: Lassen wir keine Stimmungsmache zu, kämpfen wir – zusammen mit unseren Nachbarn – fair um verantwortliche Wege für die Flüchtlinge. Unser Land – ohne jede Überheblichkeit – muss doch stärker sein, mehr schaffen können als die kleineren Länder auf dem Weg. Im Blick auf die Menschen in Not sind Notlösungen notwendig, mehr als alle klugen Reden.

Der Christenmensch erinnert an die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Die Klugen und Frommen sind vorbeigegangen an dem, der unter die Räuber gefallen war. Ich denke an die vielen Samariter heute. Sie helfen selbstlos, bis zur Erschöpfung, ohne frommes Reden. Ich bin ihnen sehr dankbar. Denn sie retten unsere Ehre.

Die Flüchtlinge schauen uns an. Blicken wir ihnen ins Gesicht. Gehen wir nicht vorüber!

wbjaschke@erzbistum-hamburg.de