Hamburg

Vermieter haben eine Meise

Bettina Mittelacher

Die lieben Kleinen schienen einen perfekten Start ins Leben zu haben. Eltern, die sich abmühen, damit es dem Nachwuchs niemals an Nahrung mangelt, und dazu noch ein schickes Eigenheim mit allem Komfort, den eine junge Familie so braucht. Doch dann geschah das Unglück, und ein Nesträuber plünderte das Häuschen der Vogelfamilie. Übrig blieben nur ein paar zerrupfte Federn – und wir menschlichen Gastgeber als traurige Zeugen eines tierischen Dramas.

Das war vor drei Jahren, und wir haben Konsequenzen aus dem Unheil gezogen. Seitdem haben wir mehrere weitere Vogelhäuser angeschafft, jeweils mit einer ganz besonderen Ausstattung. Der kleine runde Eingang ist mit einem stabilen Gummiring verstärkt und soll so gegen hungrige Angreifer schützen, insbesondere solche mit spitzen, kräftigen Schnäbeln, wie Spechte sie haben. Es schien zu funktionieren und die neuen gefiederten Mieter seitdem rundum zufrieden mit ihrer Bleibe der Extraklasse.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Seit Tagen beobachten wir einen Interessenten an einem der kleinen Häuser, der mit dem gepanzerten Eingang ganz und gar nicht einverstanden zu sein scheint. Offenbar schon zum Einzug in die gemütlichen vier Wände entschlossen, sitzt die Meise in der Immobilie und hackt von innen emsig wie ein Specht, ausgerechnet ihr Fressfeind, an dem Gummiring herum. Glaubt sie unerschütterlich an ihre eigene Wehrhaftigkeit? Oder wünscht sie schlicht ein repräsentativeres und großzügigeres Entrée, womöglich, um auch bei anspruchsvolleren Vogeldamen als potenzieller Partner in die engere Wahl zu kommen?

Wir haben uns jedenfalls entschlossen, die angestrebten Umbaumaßnahmen nicht zu unterstützen. Ein sicheres Heim ist allemal wichtiger als ein schickes, ist unsere Überzeugung. Die Erfahrung der kleinen Bewohner vom Vorjahr ermutigt uns, konsequent zu bleiben. Bei denen durften wir zufällig miterleben, wie immerhin sechs Jungtiere flügge wurden und das gemachte Nest verließen. Wir waren überwältigt – und fühlten uns ein klein bisschen wie die Geburtshelfer.