Hamburg

Ungewöhnliche Einblicke in die Kunst der Fotografie

| Lesedauer: 4 Minuten
Katja Engler
Eine Aufnahme aus Aras Göktens Serie  „Arkanum“

Eine Aufnahme aus Aras Göktens Serie „Arkanum“

Foto: Aras Gökten

Im Haus der Photographie ist die Nachwuchs-Ausstellung „Gute Aussichten“ zu sehen. Sie zeigt die neue Bandbreite des Mediums.

Hamburg.  Lange Zeit haben Fotografen überwiegend die klassischen Bildgattungen wie Landschafts- oder Porträtfotografie bedient, darüber hinaus spielten Reportage- und Straßenfotografie eine gleichbleibend große Rolle. In der neuen Ausstellung „Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie“ im Haus der Photographie erkennt man jetzt vor allem ein wachsendes Reflektieren über das Medium und den Wunsch, die Möglichkeiten der Fotografie zu erweitern.

Seit inzwischen zwölf Jahren bewegt sich die jährliche Wettbewerbs-Schau am Puls der Zeit, weil sie unter deutschen Studienabsolventen die interessantesten Tendenzen aufspürt. Ein Teil dieser jungen Fotografen ist zu Erfindern geworden; es fällt auf, dass sechs von neun Preisträgern in einer anderen als der deutschen Kultur verwurzelt sind. Dieser biografische Bruch scheint Kreativität besonders zu befördern.

Kyung-Nyu Hyun bewegt sich zwischen dokumentarischer und konzeptueller Fotografie

Am Anfang des Rundgangs hängen Arbeiten von Maja Wirkus. Ihre zwischen Fotografie, Malerei und Objekt changierende, vielschichtige Kunst setzt sich collagenartig aus modernen Architektur-Fragmenten zusammen, die Wirkus in ihrer Warschauer Heimat fotografiert hat. Teilweise überträgt sie deren Formen dann wieder ins Dreidimensionale. Dabei handelt es sich um Bauten der polnischen Konstruktivisten, die in den 1920er- und 1930er-Jahren eng mit den Avantgardisten etwa vom Bauhaus verbunden waren. Das Fragmentarische ist hier Analogie für die zerbrochene Erinnerung an den einstigen europaweiten Zusammenhalt.

An der gesamten linken Hallenwand begegnet der Besucher einer Art Essens-Tagebuch. Die junge Koreanerin Kyung-Nyu Hyun bewegt sich zwischen dokumentarischer und konzeptueller Fotografie; 365 Tage lang fotografierte sie all ihre Mahlzeiten mit dem Mobiltelefon: „Ich wollte damit nicht das Phänomen der ,Foodies‘ kritisieren, sondern das Medium Fotografie benutzen, um den Konsum von Nahrung und den von Medien miteinander in Beziehung zu setzen“, sagt die Fotografin. In den entsprechenden Internet-Foren werden die schön dekorierten Mahlzeiten zwar „geliked“, aber Kyung-Nyu Hyun zeigt auch die Wahrheit dahinter – lauter einsame Menschen, die allein vor ihrem Teller sitzen und in einen Bildschirm starren.

Ähnlich kritisch, wenn auch mit völlig anderen Mitteln hat Aras Gökten das Schwinden von Menschlichkeit im Blick. Er fotografiert analog und ohne Manipulationen rein funktionale Stadt-Areale, in denen sich Menschen zwar bewegen, aber fremd fühlen. Taugen die künstlichen Shoppingmalls, Flughäfen, Verkehrsknotenpunkte dazu, die friedliche Begegnung von Menschen zu fördern? Fragen, mit denen sich Gökten in seinen Fotografien wortlos, aber aussagestark beschäftigt.

Gregor Schmidt: Moderne contra Mittelalter

Jenseits des westlichen Wahrnehmungsspektrums haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zahlreiche Strömungen entwickelt, von denen man hier wenig weiß. Jewgeni Roppel ist in seine sibirische Heimat gereist, um dort eine verstreute Community von Naturmystikern, Theosophen und anderen Aussteigern zu finden, die sich nicht mehr um Status oder Besitz scheren, sondern ihr Glück in der uralten Verbindung mit Natur und Gestirnen gefunden haben. Roppel gruppiert in einer Rauminstallation seine Fotos, vom magisch leuchtenden Wald des Altai-Gebirges bis zum Guru.

Moderne kontra Mittelalter: Gregor Schmidt bewegt sich innerhalb der engen Grenzen des Erlaubten im wegen seiner Menschenrechtsverletzungen umstrittenen Wüstenstaat Qatar. Hier versuchte er – leider ziemlich unkritisch –, die Atmosphäre eines Landes auf Fotos zu bannen, das bis 2030 zu einer „Wissensgesellschaft“ werden will.

Pure Poesie sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kamil Sobolewski: ein blinder Zug-Gaul im Dampf seines Schweißes, Hände, die behutsam ein Schneefeld betasten. Gegen ihn ist Kolja Linowitzki ein Technikfreak, denn er befasst sich mit kamerafreien Methoden der analogen Bilderzeugung in der Dunkelkammer mit Hilfe digitaler Technik, etwa seines Handys. Das Ergebnis: geometrische Lichtmalerei.

„Gute Aussichten“ bis 17.4., Di–So 11.00–18.00, jeden ersten Do 11.00-21.00, Deichtorhallen/Haus der Photographie (U Messberg), Deichtorstr. 1, Eintritt 10, erm. 6 Euro; www.deichtorhallen.de

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