Hugo Alffcke

Die Raubzüge eines Hamburger Polizisten

Ein biederer Mann mit Manieren: Hugo Alffcke auf der Anklagebank zwischen zwei Justiz­beamten

Ein biederer Mann mit Manieren: Hugo Alffcke auf der Anklagebank zwischen zwei Justiz­beamten

Foto: SZ Photo

Vor 50 Jahren wurde der Hamburger Beamte Hugo Alffcke zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er hatte sechs Jahre lang Banken überfallen.

Hamburg. Darauf war der Bankräuber nicht vorbereitet: Während er mit einer Pistole drohte und so viel Geld in seine Tasche raffte, wie er in der Eile greifen konnte, schlug ihm der Kassierer plötzlich die Waffe aus der Hand. Andere Mitarbeiter stürzten herbei, setzten ihn mit Handkantenschlägen außer Gefecht und drückten ihn zu Boden, bis die Polizei eintraf. Dann die zweite Überraschung: Der Räuber war selber Polizist.

50 Jahre ist es her, dass die Karriere eines der erfolgreichsten Bankräuber der Nachkriegszeit, wie es damals hieß, jäh beendet wurde. Tatort war die Filiale der Oldenburgischen Landesbank in Delmenhorst, Täter der 51-jährige Hamburger Polizeimeister Hugo Alffcke. Am 1. März 1966 begann in Oldenburg der Prozess, tags darauf fiel bereits das Urteil: zwölf Jahre Zuchthaus, Verlust der Pensionsansprüche, Führerscheinentzug auf Lebenszeit.

Verhaftung und Verurteilung von Alffcke erregten die Gemüter im ganzen Norden. Ein Polizist als Schwerverbrecher: Das war doch eher die Ausnahme – und ein Segen für die Medien. In Kreisen der Hamburger Polizei machte man sich eher Sorgen ums Image. „Er trug die Uniform, die ich noch lange tragen muss und auf die viele Menschen jetzt mit Fingern zeigen werden“, klagte ein Beamter dem Hamburger Abendblatt. Ein anderer fürchtete: „Das ist ein Tiefschlag für die gesamte Polizei. Wir werden uns nur schwer davon erholen.“

Die Pistole hatte er einem Kollegen aus dem Spind gestohlen

Die Hamburger Öffentlichkeit trieb eine andere Frage um: War Hugo Alffcke womöglich jener seit vielen Jahren gesuchte Räuber und Mörder, den man aufgrund einer Phantomzeichnung nur „Spitznase“ nannte? Der sollte zwischen 1952 und 1964 in und um Hamburg mehr als ein Dutzend Kassen überfallen und beim Raub in der Postfiliale Nienstedten sogar einen Beamten erschossen haben. Rasch stellte sich aber heraus, das Alffcke nicht „Spitznase“ sein konnte.

Dennoch war die Liste seiner Raubzüge beachtlich: neun vollendete und zwar gescheiterte Banküberfälle seit 1960 – begangen unter anderem zweimal in Reinbek, zweimal in Aumühle, in Bardowick, Neumünster, Hannover-Langenhagen und Bad Oeynhausen. Die Gesamtsumme der Beute: 240.000 Mark. Dazu kamen zwei Überfälle auf Juweliergeschäfte in Reinbek und Wentorf. Insgesamt vier Kraftfahrzeuge, die er für seine Verbrechen benutzte, hatte er gestohlen, ebenso die Pistole, die man ihm in Delmenhorst aus der Hand schlug; es handelte sich um die Dienstwaffe eines Kollegen, die 1960 aus dessen Spind verschwunden war.

All das bekamen die Ermittler per Geständnis serviert. „Ich will endlich reinen Tisch machen und euch alles aufschreiben“, hatte er den ehemaligen Kollegen versprochen. Und das tat er. Das Bild, das sich daraus ergab, war das eines Profis, der mit Geduld und Akribie seine Raubzüge vorbereitete. In seiner Wohnung fanden die Beamten unter anderem Autokennzeichen mehrerer Städte und diverse Stadtpläne. So hatte er auch den Tatort in Delmenhorst vorher ausgekundschaftet. Zwischen Weihnachten und Silvester 1965 reiste Alffcke einige Male dorthin. Bankangestellte erinnerten sich später, den grünen Volkswagen mit dem Kennzeichen HH-Z 878 mehrfach auf dem Kundenparkplatz gesehen zu haben.

Dieser VW parkte am Morgen des Überfalls in einer Nebenstraße in der Nähe der Bank, allerdings mit dem Delmenhorster Kennzeichen DEL-T 645. Laut Augenzeugen betrat Alffcke in einem grauen Mantel und mit einer Aktentasche unterm Arm um 8.20 Uhr den Schalterraum und bat den Kassierer, ihm einen 1000-DM-Schein zu wechseln. Während der sich umdrehte und Wechselgeld zählte, machte Alffcke einen sportlichen Satz über den Tresen und griff sich selbst bündelweise Banknoten. Aber er kam ja nicht mehr weit ...

Die Frage, welche nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch und vor allem die Kollegen umtrieb, war die nach dem Motiv. Warum überfällt ein Polizeibeamter zwischen zwei Dienstschichten kaltblütig Banken? Einer, der mit ihm gearbeitet hatte, beschrieb Alffcke so: „Er war ein ruhiger Beamter, der sich stets absonderte und mit keinem Freundschaft schloss. Aus seinem Privatleben ist uns nur bekannt, dass er Campingfreund war. Aufgefallen ist er nie, weder im positiven noch im negativen Sinne. Er war weder geizig, noch führte er einen aufwendigen Lebensstil.“

Nachbarn erklärte er seinen plötzlichen Wohlstand mit einer Erbschaft

Das mit dem Lebensstil sollte sich als Irrtum erweisen. Alffcke lebte mit seiner Frau Brunhilde und seinen drei Töchtern in einer bescheidenen Dachgeschosswohnung am Gojenbergsweg 24 in Bergedorf – wie es bei einem Monatsgehalt von 1253 Mark angemessen war. Doch eines Tages begann Alffcke Anschaffungen zu machen, über die sich die Nachbarn wunderten. Plötzlich stand ein neuer Wagen vor der Tür, und Brunhilde Alffcke trug im Herbst einen Pelzmantel. Auch die Kinder zeigten sich am laufenden Band mit neuer Kleidung, und immer öfter parkte vor dem Haus ein Möbelwagen, aus dem teure Stücke ausgeladen wurden. Alffcke erklärte das so: „Ich habe Geld von meinen Verwandten geerbt.“ Nicht einmal seine Frau will von seinem Doppelleben gewusst haben.

Als die Nachbarn schließlich die Wahrheit erfuhren, wollten sie trotzdem nicht den Stab über Alffcke brechen. „Er war ein vorbildlicher Ehemann“, versicherte eine Frau von nebenan. „Er hat seiner Frau jeden Wunsch von Augen abgelesen. Er hielt die Wohnung in Ordnung, putzte und sorgte für die Wäsche.“

Nach Alffckes Lesart waren es die hohen Ansprüche seiner Frau, die ihn zum Bankräuber gemacht hatten. Von der Gesamtbeute wurden übrigens nur noch 59.000 Mark gefunden – in Alffckes Kohlenschuppen. Und der Rest? „Ich habe alle Gelder unauffällig meiner Familie zufließen lassen.“