St. Pauli

Internet-Werber feiern sich selbst

Mehr als 16.000 Besucher machen Treffen der „Online Marketing Rockstars“ in der Hamburg Messe zu einer großen Party

St. Pauli.  Das ist natürlich pure Absicht. Dieser „Wow“-Effekt, wenn man die Halle betritt. Die sportplatzbreite Bühne, die kolossalen Videowände, die bis aufs letzte Lux austarierte Beleuchtung, der allumfassende Sound, die vielen Tausend gut gelaunten Leute – alles wirkt so gigantisch und perfekt, als würden hier gleich Beatles und Stones gemeinsam auf die Bühne springen oder wenigstens der neue US-Präsident seine Inauguration feiern.

Dabei haben sich hier nur die Typen versammelt, die die nervigen Banner, Werbefilmchen und Pop-ups auf den Internetseiten vermarkten. Die aber sind mittlerweile die wahren Rockstars der neuen Welt, jedenfalls sehen sie sich selber so und feiern sich selbst entsprechend.

Fast 16.500 Besucher sind laut Veranstalter Philipp Westermeyer in diesem Jahr zum Festival der „Online Marketing Rockstars“ (OMR) gekommen: mehr als 15.000 zur Messe am Donnerstag und fast 5000 zur Konferenz am Freitag, viele von ihnen kamen an beiden Tagen. Damit sind die OMR, die vor fünf Jahren mit 200 Gästen begonnen haben, eine der am schnellsten wachsenden Veranstaltungen – und zugleich der größte Online-Werber-Treffpunkt Deutschlands, längst größer als die bekannte Berliner Internet-Konferenz re:publica oder die Münchner Medientage. Dabei sind die Kartenpreise mit 415 Euro auch nichts für Kleinkrämer. All das zeigt: Knapp bei Kasse ist man in dieser Branche – anders als bei den alten Medien – offenbar nicht.

Der Boom der OMR hat wohl vor allem zwei Ursachen. Erstens ist diese Veranstaltung so perfekt durchinszeniert wie kaum eine andere, hat sich dabei aber dennoch die charmante Lässigkeit der Start-up-Szene bewahrt. Und zweitens werden in diesem immer weiter wachsenden Internet mit Werbung mittlerweile Milliarden und Abermilliarden verdient – und zwar nicht nur von Google und Facebook.

Prominente Digital-Werber, Social-Media-Profis und Selfmade-Internet-Stars aus aller Welt hat der 36 Jahre alte Philipp Westermeyer, der einst bei Gruner + Jahr als Vorstandsassistent begann, mit seiner Firma Ramp 106 auch in diesem Jahr eingeladen. Das Spektrum reicht von Christian Schmalzl, der den Außenwerber Ströer gerade in den größten deutschen Vermarkter für Online-Werbung verwandelt, über den Skater und genialen Selbstvermarkter Tony Hawk bis zu der Französin Fany Péchiodat, die mit einem kleinen Mode-Newsletter begann und heute mit ihrer Firma „My Little Paris“ 100 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von 30 Millionen Euro erwirtschaftet.

Natürlich kommen die vielen Besucher auch, weil sie erfahren wollen, wie das funktioniert, weil sie selbst von einem digitalen Tellerwäscher-Märchen träumen. Ein generelles Rezept gibt es auch hier nicht. Aber Instagram-Ikone Angie etwa, die mit ihrer Community „The Shade Room“ fast drei Millionen Follower mit Promi-Geschichten unterhält und auch pikante Geheimnisse aufdeckt, hat ein paar Tipps parat. Wichtig sei ein regelmäßiges Bespielen der Plattform, außerdem Exklusivität und eine gemeinsame kulturelle Definition der Community. „Bei uns bestimmen unsere Mitglieder den Tonfall. Wir reden wie sie“, sagt die Afroamerikanerin, die „The Shade Room“ als „Black Twitter“ bezeichnet.

Bonin Bough, Media-Chef bei Mondelez International und einer der einflussreichsten Online-Werbeprofis überhaupt, macht in seinem ebenso witzigen wie aufgedrehten Vortrag klar, wie altbacken PCs sind und wie wichtig das Bespielen von Mobilgeräten für Werber und Medien heute ist. Man weiß nicht genau, woher er die Zahlen nimmt, aber er behauptet, mittlerweile besäßen weltweit 5,1 Milliarden Menschen ein Handy, aber nur 4,2 Milliarden eine Zahnbürste. Woran das liegt? „Smartphones machen süchtiger als Kokain.“

„Bild“-Online-Chef Julian Reichelt und „Bild“-Krisenreporter Paul Ronzheimer zeigen schließlich, wie alte Medien die neuen Kanäle nutzen können. Ronzheimer habe mittlerweile auf dem Live-Video-Account Periscope mit seinen Livereportagen aus Syrien und von der Flüchtlingskrise eine höhere Reichweite als prominente CNN-Reporter, sagt Reichelt. Ronzheimer betont dabei, wie wichtig die Rückkopplung mit Lesern und Zuschauern sei. „Gerade in den Zeiten der Lügenpresse-Vorwürfe müssen Reporter auf Fragen zu ihren Reportagen antworten.“

Deutlich wird bei der Konferenz, wie wichtig angesichts der Schwemme an Inhalten Empfehlungen von Freunden oder durch anerkannte Marken sind. Ein Drittel der Online-Zeit verbrächten die Menschen mit dem Konsum von Inhalten (Videos, Texte, Musik), aber immerhin 21 Prozent mit der Suche danach, sagt Yaron Galai, Gründer des Empfehlungsdienstes Outbrain, der mittlerweile 400 Mitarbeiter in elf Ländern beschäftigt und jetzt auch in Deutschland aktiv wird.

Zur Perfektion dieses Festivals gehört bei all den Erfolgsgeschichten aber auch, dass Westermeyer & Co. wissen, wann es nach so viel Digitalrock Zeit für die analoge Party ist. Als zur Kaffeepause Jan Delay und Udo Lindenberg auf die Bühne stürmen, hält selbst die Nerds nichts mehr auf ihren Klappstühlen. Und das sollte erst der Anfang sein. Bei der After-Show-Party rockte das Werbervolk dann auch noch die Große Freiheit 36. Ein Ende war bei Redaktionsschluss nicht absehbar.

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