Porträt

Freddy Quinn wurde vor 60 Jahren mit einem Schlag zum Star

Mit fast 90.000 Besuchern des Hafengeburtstags singt Freddy Quinn 2004 den Welthit „La Paloma“ – Rekord fürs Guinnessbuch

Mit fast 90.000 Besuchern des Hafengeburtstags singt Freddy Quinn 2004 den Welthit „La Paloma“ – Rekord fürs Guinnessbuch

Foto: dpa Picture-Alliance / Ulrich Perrey / picture-alliance / dpa

Lang ist es her: Freddy Quinn springt für Kollegen ein und nahm mit „Heimweh“ seinen Durchbruch auf – acht Millionen mal verkauft.

Die Herren, die an diesem Wintermorgen zu Schallplattenaufnahmen im ungeheizten Großen Saal der Musikhalle erwartet werden, sind ungewöhnliche Typen, aber typische Kinder ihrer Zeit. Der Sachse Horst Wende nennt sich „Roberto Del Gado“ und spielt mit seinen Tanz-Solisten in der Tarantella-Bar an der Esplanade. Seinen Gitarristen Ladi Geisler aus Prag kennt er aus seinem englischen Kriegsgefangenenlager. Als Sänger für das Projekt „H50181“ der Plattenfirma Polydor ist René Carol („Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“) vorgesehen. Er heißt eigentlich Gerhard Tschierschnitz und ist nach eigenem Bekunden „völlig verrückt auf Autos, Alkohol und Frauen“.

Zwei davon hindern den lebensfrohen Berliner, an diesem 22. Februar 1956 zur Arbeit zu erscheinen: Die Polizei hat ihn mal wieder blau am Steuer erwischt. Zum Glück kennt Wende einen Ersatz: Der heißt Franz Quinn, nennt sich „Freddy“, ist 24 Jahre alt und singt in der Washington-Bar auf St. Pauli zur Gitarre.

Die Radiosender boykottierten zunächst das Lied: zu schmalzig

Die Platte ist nicht nur die erste des jungen Sängers, sie wird auch die meistverkaufte des Jahres und macht ihn zum Star: In den nur zwölf Jahren bis 1968 schafft Freddy Quinn zehn Nummer-eins-Hits und 23 Top-Ten-Platzierungen. Er verkauft 60 Millionen Tonträger und wird Deutschlands erster Schallplattenmillionär.

Die Schlager auf „H50181“ sind US-Hits mit neuem Text. Auf der A-Seite erklingt das Seemannslied „Sie hieß Mary-Ann“. Die Melodie stammt von der sozialkritischen Kohlenbergwerksballade „Sixteen Tons“ des Countrysängers Tennessee Ernie Ford. Doch noch viel besser trifft das Lied auf der B-Seite den Nerv der Zeit: „Heimweh“, nach dem Welthit „Memories Are Made of This“ des Hollywoodstars Dean Martin.

Der Wilhelmshavener Chansonschreiber Peter Moesser hat der lieblichen Melodie schwermütige Verse verpasst: „Dort wo die Blumen blüh’n, / dort, wo die Täler grün, / dort war ich einmal zu Hause. / Wo ich die Liebste fand, / da liegt mein Heimatland. / Wie lang bin ich noch allein?“

Der Kritik ist das zu schmalzig: Die Radiosender boykottieren das Lied, und die 20.000 Schellack-Platten liegen monatelang wie Blei im Lager. Im April spielt sie der Münchner Radiomoderator Werner Götze höhnisch als „Schnulze des Jahres“ ab und bricht sie danach vor offenem Mikrofon entzwei. Doch seine Hörer reagieren anders als erwartet: Sie stürmen die Plattenläden. Im Mai steht „Heimweh“ in der Hitparade, im Juli auf Platz eins – für volle 14 Wochen. Bis Ende 1958 wird der Titel über drei Millionen Mal, bis heute über acht Millionen Mal verkauft.

Der Text trifft viele Deutsche ins Herz: Millionen Landser haben die Nachtwachen unter fremden Sternen, Millionen Vertriebene die verlorene Heimat nicht vergessen, und für Millionen Urlaubsreisende sind ferne Strände wieder ein Ziel. Sie alle auch haben eine besondere Antenne für Schicksale wie das von Freddy Quinn: Sohn eines irischen Kaufmanns und einer österreichischen Journalistin. Mit dem Vater in die USA, nach Sorgerechtsprozess zurück nach Wien. Der Junge muss ins Deutsche Jungvolk und hasst seinen adeligen Stiefvater. Im Krieg Kinderlandverschickung nach Ungarn. Flucht vor der Roten Armee, in den USA abgewiesen, stattdessen ins Heim für Schwererziehbare in Antwerpen.

Als Teenager trampt er durch Italien, Frankreich, Nordafrika. Ein Zirkusleben: Saxofonspieler, Seiltänzer, Akrobat. Und er singt zur Klampfe: Edelkitsch für deutsche Fremdenlegionäre in der Sahara. Hillbilly für US-Soldaten in Franken. Seemannslieder für Touristen auf St. Pauli.

„Heimweh“ ändert alles. Deutschland schickt ihn zum Grand Prix de la Chanson der Eurovision. Jürgen Roland holt ihn für seine Krimi-Serie „Stahlnetz“ vor die Kamera. Freddy heiratet Lilli Blessmann, erfolgreiche Hockeyspielerin und Tochter aus reichem Hamburger Kaufmannshaus, hält die Ehe aber geheim. Er dreht Buntes mit Heinz Erhardt, Grethe Weiser, Gustav Knuth. Bert Kaempfert und James Last komponieren für ihn.

Die Titel sprechen seinen Zeitgenossen aus der Seele: „Heimatlos“, „Der Legionär“, „Die Gitarre und das Meer“, „Unter fremden Sternen“, „Junge, komm bald wieder“. Pfadfinder singen sie am Lagerfeuer. In Kneipen mit Musikbox weinen alte Männer in ihr Bier. Und die Frauen lieben den Naturburschen mit dem tiefen Bariton, der wie kein anderer Berge und See, Heim- und Fernweh, Abenteuerlust und mannhafte Treue verbindet.

Mit dem Song „Wir“ provozierte Freddy 1968 die Studentenbewegung

Dann aber siegt doch noch die Verachtung der kulturellen Eliten. Die strengen Richter sind die studentenbewegten Gesellschaftsveränderer von 1968. Freddy Quinn hat sie mit dem zeitkritischen Titel „Wir“ als faule Gammler provoziert. Auszug: „Denn jemand muss da sein, der nicht nur vernichtet, / der uns unseren Glauben erhält, / der lernt, der sich bildet, sein Pensum verrichtet, / zum Aufbau der morgigen Welt!“

Der Text ist von Fritz Rotter. Der jüdische Antifaschist hat im US-Exil mit Franz Werfel, Fritz Kortner und Fritz Lang gearbeitet. Das hilft nichts. Die linke Musikszene empört sich über die „unfassbar konservativ-muffigen“ Verse. Erst recht als Provokation nimmt es die linke Szene auf, dass Freddy die andere Seite der umstrittenen Platte mit „Eine Handvoll Reis“ über den Vietnamkrieg füllt – aus amerikanischer Sicht: „Wir kämpften in uns’rer Kolonne für Freiheit und Demokratie / Und hinter uns rollte die Tonne mit dem Whisky der Kompanie.“

Den Text liefert der Ostpreuße Lotar Olias, der einst Nazi-Titel wie „Braun und grau“ oder den „SA-Totenmarsch“ schrieb. Freddy Quinn muss sich entschuldigen und darf weitersingen, hat aber nie wieder einen Nummer-eins-Hit. 2009 zieht er sich für immer aus dem Rampenlicht zurück.