Hamburg

Geistliche unterm Hakenkreuz

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Edgar S. Hasse

Eine Ausstellung in der Hauptkirche St. Jacobi zeigt die kirchliche Verdrängung und Bagatellisierung der NS-Verbrechen

Hamburg. Wenn der Hamburger Pastor Franz Tügel für die Nationalsozialisten als Redner auftrat, kam er schnell auf den Punkt. „Ich bin seit meiner Jugend Antisemit“, tönte der Geistliche. Seit 1931 gehörte der glühende Verfechter der Judenverfolgung der NSDAP an. Und 1934 ließ sich der Hauptpastor von St. Jacobi in NSDAP-Uniform zum evangelischen Landesbischof Hamburgs wählen. An dieses Amt klammerte sich Tügel bis nach Kriegsende.

Sein Amtsbruder Pastor Friedrich Lensch trommelte derweil als Direktor der damaligen Alsterdorfer Anstalten für die Zwangssterilisation von behinderten Menschen. Die diakonische Einrichtung war unter seiner Leitung sogar mitverantwortlich für die Ermordung („Euthanasie“) von mehreren Hundert Menschen. Während anderswo Nazi-Schergen später verurteilt wurden, kam der Geistliche nach dem Krieg zu neuen Würden. 1947 wurde er als Pastor an der Christianskirche Othmarschen eingeführt. „Dort fand er viele Jahre lang hohe Anerkennung und Beliebtheit. Aber er war nicht bereit, sich zu seiner Schuld zu äußern“, sagt der Experte für kirchliche Erinnerungskultur, Pastor Ulrich Hentschel. Zudem sei ein vom damaligen Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt vorbereitetes Verfahren gegen Lensch nicht eröffnet worden. „Später stellte sich heraus, dass der für die Nichteröffnung verantwortliche Richter Gemeindemitglied bei Lensch war“, so Hentschel.

Die beiden braunen Karrieren in Kirche und Diakonie sind kein Einzelfall. Dass die „Deutschen Christen“ mit der Nazi-Ideologie konform gingen, ist weithin bekannt. Dass aber hochrangige Kirchenleute unbehelligt davonkamen und in der Bundesrepublik neue Führungspositionen bekleiden konnten, wurde lange Zeit tabuisiert. „Es gab in den evangelischen Kirchen Nordelbiens nach 1945 eine weit verbreitete Unfähigkeit, sich kritisch mit dem eigenen Verhalten vor und während der NS-Zeit auseinanderzusetzen“, sagt Stephan Linck. Der Historiker und Studienleiter an der Evangelischen Akademie hat die kirchliche Verdrängung und Bagatellisierung der NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit intensiv erforscht. Daraus entstanden ist jetzt eine bundesweit einzigartige Ausstellung, die noch bis zum 21. Februar in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi zu sehen ist. Die Exposition unter dem Motto „Neue Anfänge nach 1945?“ wird danach in weiteren Kirchen gezeigt. Landesbischof Gerhard Ulrich: „Die schuldbeladene Geschichte der nordelbischen Landeskirchen und den Umgang nach 1945 aufzuarbeiten bleibt eine Aufgabe auch für uns als Kirche der nachfolgenden Generation.“

Selbst jene leitenden Geistlichen, die der nazikritischen „Bekennenden Kirche“ angehörten, waren nicht frei vom Rassenwahn. Wilhelm Halfmann erwarb sich von 1946 bis 1964 als Bischof von Holstein bleibende Verdienste bis heute. Doch Halfmann war eine ambivalente Persönlichkeit: Als Flensburger Pastor hatte er 1936 eine antijüdische Schrift veröffentlicht. Unter dem Titel „Die Kirche und der Jude“ schreibt der Theologe, dass Juden ein „Zersetzungsstoff für die christlichen Völker“ seien. Nach Ansicht von Pastor Hentschel, der Mitinitiator der Ausstellung ist, widersprach Halfmann zwar dem ideologischen Totalitätsanspruch der Nazis. „Aber dem Nazi-Staat gestand er das Recht zur Judenverfolgung zu“, so Hentschel. Bischof Halfmann hat sich später nicht von seinem Antisemitismus distanziert. Im Gegenteil – der Bischof lehnte sogar die „Stuttgarter Schulderklärung“ der Evangelischen Kirche 1945 rundweg ab.

Während die Ausstellung breit über die Verstrickung von Kirchenoberen in das NS-Regime informiert, fehlt darin der Hinweis auf eine Kollaboration an der Basis, die Hentschel für besonders erschütternd hält: Fast in ganz Deutschland beteiligte sich die Kirche an der Vorbereitung der antijüdischen Maßnahmen und damit am Holocaust. „Sie half den Nazis, über ihre Kirchenbuchämter Gemeindemitglieder jüdischer Herkunft zu identifizieren. Dieser Vorgang wurde nach 1945 einfach geleugnet.“

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