Stadtentwicklung

Hamburg wird immer grauer: Wo die Grünflächen verschwinden

In Hamburg verschwinden Biotope. Die Stadt investiert dafür in Parks und Naturschutzgebiete. Ein gerechter Ausgleich?

Hamburg.  Die Kleingärten im Pergolenviertel, die Bahngärten an der Tarpenbek, der naturnahe Wald im Gleisdreieck Alsterdorf und Gehölzbestände in Langenhorn, Barmbek und Dulsberg – im Bezirk Hamburg-Nord werden in den nächsten Monaten bis zu 6000 Bäume gefällt.

Fast die Hälfte, nämlich 2800, sollen noch diese Woche für den neuen Busbetriebshof der Hochbahn in Alsterdorf abgeholzt werden. Das hatte die rot-grüne Bezirksregierung gegen den Widerstand der Opposition, des Naturschutzverbands Nabu und mehrerer Bürgerinitiativen am 11. Februar beschlossen. Ganz in der Nähe werden derzeit Hunderte weitere Bäume sowie zahlreiche Kleingärten für das Neubauquartier Pergolenviertel gerodet.

„Alle Welt redet vom Klimawandel, und gleichzeitig werden unsere letzten Klimaschutzzonen versiegelt. Dabei hat Hamburg schon jetzt nach Stuttgart bundesweit die höchsten Luftschadstoffwerte“, sagt Benny Rimmler von der Initiative Dieselstraßenland. Zudem gehe durch das Fällen des Waldes eine wichtige Verbindung zwischen den Biotopen Stadtpark, Ohlsdorfer Friedhof und Alsterlauf verloren.

Grünflächen erfüllten eine wichtige Klimafunktion, da sie kühlend wirkten, betont auch Prof. Kai Jensen, Leiter der Abteilung Angewandte Pflanzenökologie an der Universität Hamburg. Gerade wegen des Klimawandels müsse noch mehr darauf geachtet werden, Biotope nicht durch Baumaßnahmen zu zerschneiden. „Nur dann können Tiere und Pflanzen neue Räume erobern.“

Durch den in den vergangenen Jahrzehnten überproportional stark angestiegenen Flächenverbrauch stehe der Pflanzenwelt in Hamburg immer weniger Raum zur Verfügung, sagt auch Hans-Helmut Poppendieck, Biologe und Vorsitzender des Botanischen Vereins zu Hamburg. „Seit der Veröffentlichung des Hamburger Pflanzenatlasses im Jahre 2010 sind viele Arten deutlich seltener geworden.“ Die früher so artenreiche Flora im Hafen verschwinde zunehmend, weil Brachflächen planiert würden.

Auch die typische Stadtflora auf Bahnhöfen und Industrieanlagen sei sehr stark im Rückgang. „Zum Beispiel sind fast alle früheren Güterbahnhöfe, etwa jene in Barmbek und Bahrenfeld, inzwischen bebaut“, sagt Poppendieck. Beim Güterbahnhof Lokstedt stehe die Bebauung bevor. Der spontanen Stadtflora stehe immer weniger Platz zur Verfügung, Parks und Gärten böten dafür keinen Ersatz.

Umso wichtiger seien funktionierende Ausgleichsmaßnahmen. Doch: „Niemand kontrolliert, ob der geschaffene Ausgleich tatsächlich den Naturhaushalt ins Lot bringt“, so Nabu-Geschäftsführer Bernd Quellmalz. „Wer prüft schon, ob sich wirklich Amphibien ansiedeln oder ob sie eine Straße überqueren müssen und dabei ums Leben kommen?“ Tatsächlich gibt es dafür bei der Umweltbehörde nur die Personalressource von einer zehntel Stelle. „Das reicht, da die Vorhabensträger verpflichtet sind, die Fertigstellung ihrer Ausgleichsmaßnahmen schriftlich zu dokumentieren“, so Sprecher Jan Dube. „Vor-Ort-Kontrollen sind nur in Einzelfällen erforderlich.“

Stadt investiert in Nachpflanzung von Bäumen

Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen gebe es hin und wieder in innerstädtischen Bereichen, bei denen die Bezirke für die Umsetzung der Ausgleichsmaßnahmen zuständig sind. „Hier ist es aufgrund der knappen Personalausstattung der Bezirke nicht immer möglich, die erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen unverzüglich nach Beschluss des B-Plans umzusetzen“, so Dube.

Um die Lebensqualität in der Stadt trotz der aktuellen Nachverdichtung zu erhalten, werde in die Pflege von Parks und Naturschutzgebieten investiert, ebenso in die Nachpflanzung von Bäumen. Ein Verlust an ausgewiesenen Grünanlagen und Naturschutzgebieten sei damit also nicht verbunden. Im Gegenteil: „Gerade erst hat der Senat beschlossen, dass Hamburg rund 350 Hektar neue und zusätzliche Naturschutzgebiete bekommen soll.“

Der Anteil der Naturschutzgebiete an Hamburgs Gesamtfläche liege dann bei 8,9 Prozent – gegenüber einer versiegelten Fläche von 38 Prozent (Stand 2010). In den Jahren zwischen 1999 und 2010 habe der Anteil der versiegelten Flächen im Hamburger Stadtgebiet um etwa zwei Prozent zugenommen.