Hamburg

Hamburger in der Minderheit

Afghanische Gemeinschaft ist die größte diesseits des Hindukuschs. Die Gründe

Hamburg.  Für gebürtige Hanseaten mag es eine betrübliche Erkenntnis sein: Sie zählen in ihrer eigenen Stadt zu einer – wenn auch großen – Minderheit. Nur rund 45,3 Prozent der hier Gemeldeten sind auch in Hamburg geboren. Und schon jetzt ist klar, dass sich dieses Verhältnis von Einheimischen und Neu-Hamburgern in den kommenden Jahren weiter zugunsten der Zuzügler verschieben wird. Denn „der Stadt gehört die Zukunft, und in den Städten wird unsere Zukunft entschieden“, prognostizieren Wissenschaftler wie der Stadtentwicklungsexperte Prof. Dieter Läpple. „Aber dazu muss die Stadt auch neu erfunden werden.“ So werde auch Hamburg in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen. 2035 soll die Stadt Hochrechnungen zufolge rund 1,85 Millionen Einwohner zählen.

Der derzeitige Zustrom von Flüchtlingen dürfte weiter beitragen ebenso wie der Sog, den die Metropole im Umland ausübt. Viele Menschen, die Hamburg einst den Rücken gekehrt haben, um eine Familie zu gründen, kehren im höheren Alter zurück, um die kulturellen, medizinischen und letztlich auch vergnüglichen Vorzüge der Großstadt zu nutzen. Doch diese Prognosen zeigen, dass Stadtentwicklung inzwischen ein weitaus komplexeres Denken erfordert als „nur“ die Fähigkeit, Stadtteile architektonisch umzumodeln, vorhandene Straßen und Wege zu verbreitern, Wohnsiedlungen zu planen oder Industrie- und Gewerbegebiete anzusiedeln. Stadtentwickler Läpple spricht daher von einem „Kosmopolis“, wo die Einwanderung und die Bekämpfung der sozialen Spaltung sowie die Begrenzung des Klimawandels die zentralen Herausforderungen darstellen.

Ein „Kosmopolis“ ist Hamburg schon heute. Das beweist der interaktive Zuzügler-Atlas, der von Montag an online auf abendblatt.de steht. Darin sind weltweit alle 1159 Orte vermerkt, aus denen mindestens 100 zugezogene Hamburger stammen – wie etwa Rochlitz in Sachsen, Choszczno in Polen oder Kadiköy in der Türkei. Die meisten Zuzügler stammen aus Deutschland, vor allem aus den Nordländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Sie kommen oftmals wegen eines Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatzes an Alster und Elbe.

Häufig bilden die Zuzügler sogenannte Communities, also Gemeinschaften, in der Fremde – vor allem diejenigen aus dem Ausland. Der relativ junge Stadtteil Neu-Allermöhe etwa ist manchem auch als „Klein Warschau“ bekannt, obwohl die Zahl der Zuzügler aus der polnischen Hauptstadt mit 875 Menschen hinter Danzig (6095) und Stettin (4299) liegt. Viele Neu-Hamburger aus Russland, Kasachstan und der Ukraine wohnen gern im Bereich Farmsen, Berne, Bramfeld und Wandsbek-Gartenstadt.

Doch am auffälligsten ist die große Zahl der Afghanen, die aus Kabul und Herat stammen, sowie die Zahl der Iraner aus Teheran. „In Hamburg gibt es die größte afghanische Community der Welt diesseits des Hindukuschs, und sie haben sich bestens integriert. Das zieht natürlich Freunde und Verwandte an“, sagt Hans-Hermann Dube aus dem Kieler Bildungsministerium, der zwölf Jahre lang für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Afghanistan arbeitete, „wo die Menschen uns Deutsche regelrecht lieben, insbesondere die Hamburger – vermutlich weil wir Norddeutschen in etwa dieselbe Mentalität besitzen“. Jetzt habe die afghanische Mittelschicht kaum Hoffnung mehr auf Besserung, da nach dem Abzug der Westmächte eine Region nach der anderen in die Hände der Aufständischen falle, was den aktuell erhöhten Zustrom afghanischer Asylbewerber erkläre. „Die Zuzügler orientieren sich in der Fremde vor allem dorthin, wo schon viele ihrer Landsleute leben.“

Die guten Beziehungen zwischen beiden Ländern gehen auf die ersten bedeutenden diplomatischen Kontakte zu Beginn des Ersten Weltkriegs zurück. 1916 kam es zu einem Freundschafts- und Handelsvertrag, in dessen Verlauf sich die Beziehungen bis heute vertieften. „Auch weil die Afghanen – wie übrigens auch die Perser – sich und die Deutschen als hochkulturelles, gebildetes Volk betrachten“, sagt Dube.

Die große iranische Community in Hamburg – die zweitgrößte in Europa nach London – lässt sich wiederum durch die intensiven Handelsbeziehungen erklären, die schon seit den 1920er Jahren zwischen Teheran und Hamburg bestehen. Im Hafen hatten sich vor allem Teppich- und Gewürzhändler niedergelassen. Die Sprache von Iranern und Afghanen ähneln sich. „Für die wohlhabenden, hochgebildeten Iraner war es gang und gäbe, die nachfolgenden Generationen möglichst in Deutschland studieren zu lassen“, sagt Entwicklungshilfeexperte Dube. So entwickelte sich Hamburg im Laufe der Jahre zu einem iranischen Zentrum auf dem europäischen Festland, das sich durch die Flüchtlingswelle nach der islamischen Revolution 1979 sprunghaft vergrößerte.

Insgesamt ist Hamburg seit Jahren international aufgestellt – was sich durch den Flüchtlingsstrom weiter verstärkt. Die Stadt ist stolz auf ihre Weltoffenheit: „Wer nach Europa, nach Deutschland, nach Hamburg kommt, der kann das tun, weil hier offene Gesellschaften aus einer tief empfundenen Liberalität heraus das Individualrecht auf Asyl gewährleisten“, sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) im Oktober in seiner Regierungserklärung. „Wir reichen Schutzsuchenden die Hand und wir tun das, weil wir in einem Land leben, das klare Werte und Regeln besitzt, die beachtet werden.“