HSH Nordbank

„Fünf Milliarden Verlust für Hamburg realistisch“

Der Bankenexperte Norbert Dieckmann ist Professor an der Wirtschaftshochschule
EBC in Hamburg

Der Bankenexperte Norbert Dieckmann ist Professor an der Wirtschaftshochschule EBC in Hamburg

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Bankenexperte Professor Norbert Dieckmann sprach mit dem Hamburger Abendblatt über die Zukunft der HSH Nordbank.

Hamburg.  Informell haben sich Hamburg und Schleswig-Holstein mit der EU auf die Rettung der HSH Nordbank verständigt: Die Garantie der Länder darf auf zehn Milliarden Euro erhöht werden, faule Schiffskredite im Wert von bis zu 6,2 Milliarden Euro darf die HSH an die Länder übertragen. Die verpflichten sich im Gegenzug, sich bis 2018 von der Bank zu trennen oder sie abzuwickeln. Bevor diese Einigung im Frühjahr auch offiziell wird, hat der Bankenexperte Norbert Dieckmann, Professor an der Wirtschaftshochschule EBC in Hamburg, ein Buch über die Geschichte der HSH veröffentlicht.

Hamburger Abendblatt: Sie haben sich über Jahre mit den deutschen Landesbanken und speziell mit der HSH Nordbank beschäftigt. Was ist aus heutiger Sicht Ihre wichtigste Erkenntnis?

Norbert Dieckmann: Im Wesentlichen bestätigt sich eine Erkenntnis, die sich schon länger abzeichnete: Die Politik war mit der Aufsicht über die öffentlich-rechtlichen Landesbanken überfordert, vor allem in der jüngeren Vergangenheit. Gerade die HSH Nordbank, die 2003 mit dem Ziel gegründet wurde, zu einer internationalen Geschäftsbank aufzusteigen, erforderte auch in den Aufsichtsgremien ein Spezialwissen, das nur teilweise vorhanden war.

Wenn Hamburg und Schleswig-Holstein in einigen Jahren eine Milliarden-Rechnung für die HSH Nordbank präsentiert bekommen, ist das aber doch nicht allein auf ein Versagen der Politik zurückzuführen?

Dieckmann: Nein, da kommen viele Faktoren zusammen. Erstens: Der Vorstand hatte die Verantwortung für die operativen Geschäfte und hätte Strukturen schaffen müssen, die dem starken Wachstum der Bank angemessen waren. Das hat er offensichtlich im Bereich Risikomanagement versäumt. Zweitens: Der Aufsichtsrat hat das zu spät bemerkt und zu spät gegengesteuert. Aber da gilt halt: Der Aufsichtsratsvorsitz einer Bank, die ein Geschäftsvolumen von etwa 200 Milliarden Euro hat, ist eigentlich ein Fulltime-Job und nichts, was zum Beispiel eine Ministerpräsidentin nebenbei machen sollte. Heide Simonis stellt in meinem Buch ja auch fest, dass sie sich als Politikerin damit überfordert fühlte.

Und die Bankenaufsicht?

Dieckmann: Die Bankenaufsicht hat auch keine glückliche Rolle gespielt. Sie konnte alle Zahlen einsehen, hat an Aufsichtsratssitzungen teilgenommen und dennoch nicht Alarm geschlagen. Und dann war es eine gewisse Tragik, dass die HSH auf dem eigentlich sinnvollen Weg, privatisiert zu werden, in Schieflage geriet.

Nun muss sie auf Druck der EU bis 2018 endgültig privatisiert werden. Die Rating-Agenturen sehen sie nur knapp über Ramschstatus, der Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Mirow nennt sie hingegen eine werthaltige Bank. Wie sehen Sie die aktuelle Lage der HSH?

Dieckmann: Es wurde eine Neuordnung der Geschäftsfelder auf den Weg gebracht, die einen Verkauf leichter machen könnte. Und dass die Bank aufgrund der Vereinbarung mit der EU ausfallgefährdete Papiere im Wert von bis zu 8,2 Milliarden abstoßen darf, davon 6,2 Milliarden an die Länder, wird sie stärken und dürfte dafür sorgen, dass das Rating wieder steigt. Aber die HSH ist natürlich in speziellen Geschäftsfeldern unterwegs, etwa Schiffsfinanzierungen oder Gewerbeimmobilien, die nur für wenige potenzielle Käufer interessant sind. Außerdem würde ich es aus heutiger Sicht als Fehler ansehen, dass die HSH nie in eine richtige Good Bank und eine Bad Bank aufgespalten wurde. Dann hätte man die gesunde Kernbank verkaufen und die Bad Bank abwickeln können.

Also ist es wahrscheinlicher, dass die HSH nur in Teilen zu verkaufen ist?

Dieckmann: Meine Befürchtung, auch als Steuerzahler, ist, dass es nur Interessenten für einzelne Geschäftsfelder geben wird. Die HSH Nordbank als Ganzes ist immer noch eine sehr große Bank mit fast 100 Milliarden Euro Bilanzsumme, und es dürfte schwer zu analysieren sein, welche Risiken sich darin noch verbergen.

In offiziellen Mitteilungen heißt es ausdrücklich, es könne sich auch eine andere Landesbank beteiligen. Man denkt spontan an die Nord LB in Hannover.

Dieckmann: Ein Zusammenschluss auf Augenhöhe, der früher mal denkbar war, ist kaum noch möglich. Aber ein Kauf der HSH durch die Nord LB hätte aus meiner Sicht den Vorteil, dass es dann für ganz Norddeutschland nur noch eine Landesbank gäbe.

Der frühere Finanzsenator und HSH-Aufsichtsratschef Wolfgang Peiner verweist in Ihrem Buch darauf, dass Nord LB und HSH völlig unterschiedliche Banken sind, die nicht zusammenpassen.

Dieckmann: Das stimmt. Ich bin da optimistischer als Herr Peiner und sehe das mehr aus der Sicht eines Professors für Bankbetriebslehre, der die Chance für eine Neuordnung des Landesbankensektors im Norden sieht.

Als einen ersten Schritt des neuen Rettungsplans haben die Parlamente in Hamburg und Kiel der Gründung einer Gesellschaft zugestimmt und ihr eine Kreditaufnahme über 6,2 Milliarden Euro genehmigt, damit sie der HSH Papiere in diesem Umfang abnehmen kann. Tatsächlich wird sie aber viel weniger dafür bezahlen – einen Marktwert, den wir noch nicht kennen. Kritiker fordern, den Kreditrahmen nach dem Ankauf umgehend abzusenken, weil es andernfalls ein Schlupfloch für die Übernahme weiterer Risiken gibt. Sie auch?

Dieckmann: Das sehe ich auch kritisch. Wenn man Papiere für, sagen wir, vier Milliarden Euro ankauft, stellt sich natürlich die Frage, warum man einen Kreditrahmen über 6,2 Milliarden benötigt. Wir reden hier ohnehin über riesige Beträge, und ich staune, wie schnell das von den Parlamenten auf den Weg gebracht wurde.

Hamburg stellt sich bereits auf Verluste von rund fünf Milliarden Euro ein. Ist das realistisch? Oder fürchten Sie, dass da noch etwas kommen könnte?

Dieckmann: Die fünf Milliarden, für die Hamburg ja schon Rückstellungen gebildet hat, scheinen mir realistisch zu sein. Darüber hinaus gilt: Die Werthaltigkeit von Bankpositionen hängt stark davon ab, ob die Bank fortgeführt wird. Insofern kann man nur hoffen, dass für alle Geschäftsbereiche der HSH ein Käufer gefunden wird und sie nicht abgewickelt werden müssen. Über diese Abwägung, welche Vorteile eine Fortführung gegenüber einer Abwicklung hat, wüsste ich gern mehr. Aber da mauern die Regierungen in Hamburg und Kiel, was aus meiner Sicht nicht geht. Wenn die Steuerzahler das Ganze bezahlen müssen, haben sie auch Anspruch auf Informationen.

Norbert Dieckmann, The Changing Face of the German Landesbanken – Die HSH Nordbank AG, 164 Seiten, ISBN 978-3-7392-8800-0. 19,80.