Hamburg

Dem Erbgut von Kriegsopfern auf der Spur

Studenten nehmen
1966 in Hanoi an
einer Militärübung
teil. Millionen
Menschen starben
im Vietnamkrieg.
Hamburger Firmen
helfen bei der
Identifizierung

Studenten nehmen 1966 in Hanoi an einer Militärübung teil. Millionen Menschen starben im Vietnamkrieg. Hamburger Firmen helfen bei der Identifizierung

Foto: picture alliance / AP Images

Der Vietnamkrieg liegt 40 Jahre zurück. Hamburger Unternehmen helfen nun dabei, die DNA von Toten zu entschlüsseln.

Hamburg.  Der Vietnamkrieg (1964–1975) forderte Millionen Opfer auf beiden Seiten des geteilten Landes. In dem Land gelten heute noch 350.000 Menschen als vermisst. Sie wurden hastig in Massengräbern bestattet, andere starben auf Reisfeldern oder im Dschungel. Angehörige warten noch immer auf die Aufklärung der Schicksale. Viele von ihnen sind Buddhisten und glauben an die Wiedergeburt – sie fordert von den Lebenden Zuwendung für die Toten.

Die vietnamesische Regierung will nun ein Großprojekt „zur Identifikation der Märtyrer“ starten: Mit Hilfe von Resten der Erbsubstanz DNA aus aufgefundenen Knochen sollen die Opfer identifiziert werden. Die dazu nötige Technik und das Know-how für das weltweit größte DNA-Identifikations-Projekt liefern Experten aus Hamburg.

Drei Firmen aus der Metropolregion haben sich für das mindestens auf zehn Jahre ausgelegte Projekt zusammengetan: Der Umweltexperte Olaf Jüttner ist mit seinem Beratungsunternehmen RES (Resources, Ecology, Services, Sitz: Escheburg bei Geesthacht) seit 2009 im Auftrag der vietnamesischen Regierung in dem Entwicklungsland tätig. Er hat Kontakt mit den dortigen Behörden und einen vietnamesischen Partner: der Firma AIC mit 1200 Mitarbeitern.

In Hamburg suchte sich Jüttner hochklassige Mitstreiter. Professor Wolfgang Höppner ist mit seinem Labor BioGlobe Spezialist für diagnostische Erbgutuntersuchungen und arbeitet eng mit dem Universitätsklinikum Eppendorf zusammen. Er hat in seinem Labor die DNA-Untersuchungen weitgehend automatisiert, um viele Proben preiswert bearbeiten zu können – eine Voraussetzung für das vietnamesische Projekt, bei dem täglich rund 1000 Proben analysiert werden.

Der Dritte im Bunde ist Andreas Zucker, Geschäftsführer der Firma Biontis. Sie liefert Testsysteme (Geräte und Chemikalien) für Analysen von Flüssigkeiten, die viele verschiedene Substanzen enthalten. Bei solchen Proben ist es sehr schwierig, den einen gesuchten Stoff zu isolieren – auch dieses Know-how ist bei der Spurensuche nach Erbgut in mehr als 40 Jahre alten Knochen gefragt. Die Hanseaten liefern Spitzentechnologie für das umgerechnet mindestens 120 Millionen Euro teure Projekt.

Sie werden unterstützt von weiteren Mitgliedern des Konsortiums, etwa vom weltweit führenden Labortechnik-Hersteller Qiagen in Hilden (Nordrhein-Westfalen) und vom Hamburger Medizintechnik-Unternehmen Eppendorf. „Angesichts eines Staatshaushalts der Volksrepublik von umgerechnet 60 Milliarden Euro ist das Projekt eine Riesenausgabe“, sagt Jüttner. Sie sei dem seit 2006 amtierenden Premierminister Nguyen Tan Dung zu verdanken, der auch auf Druck der Bevölkerung gehandelt habe.

Schon heute arbeiten in dem 90 Millionen Einwohner zählenden Vietnam mehrere Labore an der Identifikation der Toten mit Hilfe der DNA-Analyse. Aber die Labore sind nicht optimal ausgestattet und konnten innerhalb von zehn Jahren nur 4000 Menschen identifizieren. Dies ist angesichts der 350.000 offiziell Vermissten nicht viel, zumal inoffiziell die Zahl von einer Million anonymen Toten kursieren.

„Zur Identifizierung muss das DNA-Material eines Toten seinen noch lebenden Angehörigen zugeordnet werden können. Je nach Verwandtschaftsgrad müssen zwei bis vier Angehörige gefunden und deren DNA-Muster gespeichert worden sein, um die Knochen-DNA sicher zuordnen zu können“, sagt Olaf Jüttner. Für jede Analyse der Knochen-DNA brauchen die Experten also eine Vielzahl von Proben aus der heutigen Bevölkerung, mit denen sie das Erbgutmuster des Toten vergleichen können. Mit Aufrufen in Zeitungen, im Radio und Fernsehen werden Menschen, die Angehörige vermissen, aufgefordert, spezielle Büros der Sozialbehörde aufzusuchen. Diese sind in allen 63 vietnamesischen Provinzen vertreten. Den Verwandten wird dann ein Blutstropfen für die Erbgutanalyse abgenommen.

Mindestens 1000 Mitarbeiter werden in Vietnam an dem Projekt arbeiten. Die Erbgutanalyse der lebenden Personen sei ungleich einfacher durchzuführen als die Analyse der DNA-Reste aus den alten Knochen, sagt Wolfgang Höppner. „Die Knochen lagerten Jahrzehnte im Schlamm. Die in ihm enthaltenen Huminsäuren stören die Analyse stark und müssen zuvor her­ausgefiltert werden. Das tropische Klima setzte der Erbsubstanz stark zu. Untersuchungen von so geringen DNA-Spuren, wie wir sie aus manchen Knochen gewinnen, waren vor zehn Jahren noch gar nicht möglich.“

Wie empfindlich diese Untersuchungen inzwischen sind, zeigt auch die Tatsache, dass mit Wattestäbchen entnommene Speichelproben genug DNA liefern, um damit heute im großen Stil Vaterschaftstests durchführen zu können. „In Vietnam müssen wir die beste Technologie einsetzen, um jedes Prozent Erbmaterial aus den Proben herauszuholen“, sagt Andreas Zucker.

Um die Vielzahl der Erbgutdaten miteinander vergleichen zu können, bedienen sich die Experten einer speziellen niederländischen Software, die auch bei der Identifizierung der Toten des Abschusses der Malaysia Airlines-Maschine über der Ukraine zum Einsatz kam. „Nur mit dieser Software ist es möglich, auch entferntere Verwandte zuzuordnen“, sagt Höppner.

Drei Laboreinheiten mit den in Hamburg zusammengestellten Spitzentechnologien sollen bis Mitte 2017 nacheinander in Vietnam ihre Arbeit aufnehmen. Das Equipment für das erste Labor ist bereits auf dem Seeweg nach Südostasien. Es soll in der Hauptstadt Hanoi aufgebaut werden. Im Fe­bruar werden die ersten sechs vietnamesischen Experten nach Hamburg reisen, um sich bis Ende Mai im BioGlobe-Labor am Grandweg (Lokstedt) schulen zu lassen. Höppner: „Es sind leitende Wissenschaftler, die dann ihre Mitarbeiter in Vietnam ausbilden und die Arbeit im ersten Labor aufnehmen.“ Die Fernostreise des Labors Nummer zwei und die Schulung von weiteren sechs Experten sind für das zweite Halbjahr 2016 vorgesehen. Das dritte Labor wird dann im Frühjahr 2017 betriebsbereit gemacht.

Für Wolfgang Höppner ist die Massenidentifikation ein „Projekt ohne Ende“. Es biete eine Chance, die über die derzeitige Mammutaufgabe hinaus reiche. Das vietnamesische Projekt könnte ein Vorbild für weltweit ähnliche Vorhaben sein.