Neue Freiheit

Digitaler Nomade: Ich bin dann mal weg

Thorsten Kolsch im Gemeinschaftsbüro „Places“ in der Hamburger Altstadt. Zu seinen Jobs gehört es, Firmen bei der richtigen Internetpräsenz zu helfen

Thorsten Kolsch im Gemeinschaftsbüro „Places“ in der Hamburger Altstadt. Zu seinen Jobs gehört es, Firmen bei der richtigen Internetpräsenz zu helfen

Foto: Mark Sandten / HA

Sie arbeiten dort, wo andere Urlaub machen. An Stränden, in Cafés und in den Bergen. Medienmacher erzählt in Hamburg von seinem Leben.

Die Zehen spielen im warmen Sand, der Blick fällt auf das Meer. Dazu Stille, nur die Wellen gluckern unter dem Holz der Fischerboote. Eine Szene wie aus dem Reisekatalog. Während sich Millionen Deutsche monatelang auf zwei Wochen Ferien und Faulenzen freuen, entscheiden sich immer mehr Menschen für ihr persönliches Paradies als Arbeitsplatz. Sie wollen Jobs erledigen, wo andere Urlaub machen. Mal hier, mal da.

Digitale Nomaden nennen sich die meist jungen Leute, die die neue Freiheit leben. Sie arbeiten am Wasser, im Café in Florenz, in den Schweizer Bergen. Und entfliehen auf diese Weise dem Alltag im Büro. So wie Thorsten Kolsch. Während seine gute Freundin ein Jahr um die Welt tourte, weilte der Daheimgebliebene in ihrer Wohnung in Blankenese und goss Blumen. Draußen zogen die Schiffe auf der Elbe vorbei, hinter dem Fenster erwachte sein Fernweh. Was wäre, wenn auch er sich auf die Reise machen könnte, jederzeit?

Zwei Jahre ist es her, dass Thorsten Kolsch zum erste Mal daran dachte, sein Leben zu verändern. Damals arbeitete er für eine Werbeagentur in Bahrenfeld. Heute lebt auch er als digitaler Nomade ohne festen Wohnsitz. Hat sein Apartment an der Reeperbahn aufgegeben, seinen Hausstand verkauft bis auf eine Kiste mit alten Fotos. Er reist um die Welt, verdient ungefähr 4000 Euro netto im Monat. Mit Jobs, die er überall annehmen kann. Sein Laptop reicht dazu.

„Heute möchte ich nicht mehr tauschen“, sagt Thorsten Kolsch, in Kapuzenshirt und Jeans, noch immer leicht gebräunt von Thailand, wo er ein paar Wochen zum Jahreswechsel verbracht hat, in Apartments für zehn bis 30 Euro die Nacht. Zuvor reiste er nach Budapest und Tallinn. Die Städte hätten ihm Freunde empfohlen, sagt der Freiberufler. Am Strand zu arbeiten, bediene zwar das Klischee, aber dort werde man mit dem Computer auf den Knien manchmal auch nur bemitleidet, von den „echten Urlaubern“, sagt Kolsch, „da fehlen dann die Gleichgesinnten“.

Gemeinschaftsbüros für Freelancer findet man immer häufiger

An diesem Tag sitzt er im Coworking Space „Places“ in der Hamburger Altstadt, ein typischer Platz, wo sich Selbstständige ohne eigenes Büro treffen. Nur einen Steinwurf entfernt, am Rödingsmarkt, entsteht mit Mindspace übrigens ein weiteres Gemeinschaftsbüro, für 800 Freelancer. In solchen Büros entstehen die Träume, die der 36-Jährige realisiert hat. Im Places sitzen junge Leute mit einem Kaffee auf der Couch und lesen Ratgeber zum ortsunabhängigen Arbeiten. Sie schauen im Internet unter www.earthcity.de, eine von etlichen Webseiten, die erklären, wie man Geld verdienen kann, ohne sich an Raum und fixe (Arbeits)-Zeit zu binden. Nebenan philosophieren sie über die Thesen des Bestsellerautors Timothy Ferriss, der den Traum vieler frustrierter Firmendrohnen formuliert: nur vier Stunden in der Woche arbeiten – und den Rest der Zeit mit der Verwirklichung der eigenen Wünsche verbringen. Kitesurfen gehen, einen Tauchkurs machen, temporär als Skilehrer arbeiten.

Einige Hundert Menschen leben nach Schätzung von Arbeitsforschern derzeit im engeren Sinne als digitale Nomaden. Den Wunsch, zumindest zeitweise so zu leben, verspüren aber offenbar viel mehr Angestellte. Schon im Jahre 2010 haben sich in einer Umfrage 70 Prozent der Befragten dagegen ausgesprochen, jeden Tag an den Schreibtischstuhl gefesselt zu sein. Auch wenn bereits 17 Prozent der Beschäftigten die innere Kündigung vollzogen haben – die wenigsten schaffen den Absprung. Mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen gehen derzeit einer geregelten Büroarbeit nach. Thorsten Kolsch kann die Hemmungen der Betroffenen verstehen, ihre Lage zu ändern. Er ist Realist, kein Tagträumer.

„Man muss dem Konformismus abschwören, die Komfortzone verlassen“, sagt der gebürtige Dortmunder, der auch selber schon die negativen Seiten seiner Lebensweise erlebt hat. Gerade ist seine Beziehung in Hamburg zerbrochen, vielleicht hat auch die Freiheit, die er für sich beansprucht, eine Rolle bei der Trennung gespielt. „Viele sehen uns als egoistische Selbst-Optimierer“, sagt Kolsch über Reaktionen in seinem sozialen Umfeld, das er heute hauptsächlich auf Wochenendbesuchen und beim Skypen pflegt. Auch sein Vater musste erst mal schlucken, als er von seinen Plänen erfuhr – in 45 Berufsjahren wechselte er zweimal die Firma, 28 Jahre war er bei einer Brauerei im Finanzwesen angestellt. Die Mutter, früher mit einer Boutique selbstständig, sieht es sportlich: „Wir können dich ja überall besuchen.“

Auf Treffen wie „Digitale Nomaden Konferenz DNX“ in Berlin oder Bangkok tauschen sich Globetrotter wie Kolsch über ihre Erfahrungen aus. Zu ihren Referaten über die Licht- und Schattenseiten ihrer Unabhängigkeit kommen Hausfrauen, Familienväter oder Blogger, die das Abenteuer suchen und in den Nomaden ihre Vorbilder gefunden haben. Thorsten Kolsch kennt die Szene, er hat unter dem Titel „Deutschland zieht aus“ einen Film über den Trend gedreht und mehrere Leute interviewt, die die Welt zu ihrem Büro gemacht haben.

Wie Felicia Hargarten, die früher im Eventmanagement gearbeitet hat, aber ihre Reiselust in diesem Beruf nie ausleben konnte. Als sie merkte, dass sie so nicht glücklich werden würde, hat sie ein Gewerbe angemeldet, ihr Leben minimalisiert, wie sie sagt, und ihren Briefkasten digitalisiert. Heute ist sie per Mail zwar jederzeit erreichbar, aber zugleich in der ganzen Welt unterwegs, in Panama, Tansania oder Myanmar. Sie lebt wie Kolsch in Wohnungen, die sie über Sharing-Plattformen wie airbnb findet. Ihr Reiseblog Travelicia hat monatlich über 35.000 Leser und mehrere Tausend Newsletter-Abonnenten. Geld verdient sie durch Werbung auf der Seite und so genanntes Affiliate Marketing. Ein Beispiel: Sie empfiehlt einen tropentauglichen Rucksack und verlinkt die genannte Marke in ihrem Text mit einem Onlineshop. Wann immer Klicks und Kunden über ihre Seite auf das Portal des Herstellers gelangen, zahlt dieser Anbieter Provisionen an Travelicia. Allein der Blog bringt Felicia Hargarten nach eigenen Angaben etwa 2500 Euro im Monat ein, sie investiert dafür monatlich rund 20 Stunden ihrer Zeit.

Von solchen Blogs leben viele Nomaden. Einige arbeiten auch als Softwareentwickler, Webdesigner oder Administratoren, bieten sich als Texter an oder geben Online-Kurse. Meist setzen sie auf mehrere Talente, um ihre Risiken zu minimieren. Zu 90 Prozent aber ist es das Internet, das den Laptop-Arbeitern die Geldquellen liefert. Thorsten Kolsch hilft Firmen dabei, sich im Netz zu präsentieren, er verbessert ihre Sichtbarkeit bei Google und arbeitet journalistisch. Kunden wie die Deutsche Bahn, Warner Music oder Lufthansa Technik verlassen sich auf die Dienste des Kaufmanns für audiovisuelle Medien.

Klassische Karriereberufe wie Anwalt oder Arzt fallen bei den Lebenswegen der Nomaden dagegen meist durchs Raster. Ein junger Mann erzählt auf der DNX, dass er auf einer Elite-Uni Rechtswissenschaften studierte, als er das Vagabundenleben für sich entdeckte. Er schmiss das Studium, sehr zum Leidwesen seines Vaters, selber ein Jurist, der wenig Verständnis für die Vorstellungen seines Sohnes aufbringen konnte und verärgert fragte: „Wovon willst Du leben?“ In Praxen und Kanzleien überrascht dieser Konflikt der Generationen kaum, denn hier ist die Digitalisierung der Arbeit längst noch keine Selbstverständlichkeit.

In der Industrie ist die Lage eine andere. Gewerkschaften beobachten, dass Auto- oder Maschinenbauer immer mehr Aufgaben outsourcen, die früher die eigenen Beschäftigten erledigt haben. „Ob Programmieren, Designs erarbeiten oder Produktteile entwickeln, die Firmen schreiben immer mehr Aufträge extern aus und nutzen dafür das Internet“, sagt Robert Fuß, im Vorstand der IG Metall verantwortlich für das Projekt „Crowdworking“. Der Gewerkschafter beobachtet den Trend mit gemischten Gefühlen. Einerseits biete Projektarbeit am Computer vielen Menschen die Chance, zu Hause zu arbeiten. Damit genießen heute immer mehr Angestellte größere Freiheiten, etwa in der Pflege von Angehörigen, bei der Kinderbetreuung oder der Freizeitgestaltung. Wenn aber Werkverträge die tarifvertraglichen Regeln unterlaufen, wenn Rechte beschnitten werden, die dem Schutz der Menschen dienen sollen, hört für Fuß der Spaß auf. Was passiert im Krankheitsfall, wie sind die Arbeitszeiten geregelt, habe ich Anspruch auf Urlaub?

Der mögliche Wegfall all dieser Arbeitsrechte, von denen sich die digitalen Nomaden freiwillig lossagen, beflügelt eine neue Form von Projektbörsen. Rund um das Outsourcing wittern Hunderte Vermittler gute Geschäfte. Plattformen im Internet, wie Appjobber, Clickworker oder designenlassen.de präsentieren sich als Mittler zwischen Firmen und Freiberuflern. Sie listen Aufträge von Konzernen wie Sony, Honda oder der Telekom auf ihren Seiten auf. Doch dabei, kritisiert Metaller Fuß, zähle oft nur eines: Die Fachkraft, die das Projekt am schnellsten und billigsten anbieten kann, bekommt den Job. Jeder kämpft für sich, der Wettbewerb umspannt die Welt, der Nerd aus Bangalore konkurriert mit dem IT-Studenten aus Aachen. Willkommen im Turbo-Kapitalismus.

Was für die Gewerkschaft der Horror in der schönen, neuen Arbeitswelt ist, trifft andererseits offenbar die Interessen der jungen Generation. Das Fraunhofer Institut beschreibt die Wünsche gut ausgebildeter Nachwuchskräfte in seiner Studie „Arbeit der Zukunft“ wie folgt: Selbstbewusste Arbeitskräfte im Bereich der Wissensarbeit stellten hohe Anforderungen an ihr Arbeitsumfeld, aber auch an sich selbst, sie wollten und könnten mehr Eigenverantwortung übernehmen. Sie arbeiteten nicht nur für Geld und Status, sondern suchten in ihrer Arbeit Sinn, der zur eigenen Identität passe. Und: Sie wollten Arbeit und Freizeit, Arbeit und Familie, Arbeit und andere Interessen besser vereinbaren können.

Thorsten Kolsch genießt bei seinem digitalen Nomadentum diese Freiheiten – und den Vorteil, dass er unterwegs „kreativer und inspirierter“ arbeiten kann als im Großraumbüro. Im Zug zu sitzen, andere Menschen beobachten zu können, aber nicht zwischendurch vom Chef gerufen zu werden oder in ein Meeting hetzen zu müssen, biete ihm das ideale Umfeld.

Auch bei Microsoft gibt es für die Beschäftigten keine Präsenzpflicht

Diese Erkenntnis nutzen auch immer mehr Firmen, die schließlich an der Effizienz ihrer Mitarbeiter interessiert sind. So ist beispielsweise bei ­Microsoft die Flexibilisierung und Virtualisierung von Arbeit längst Alltag. Die Softwarefirma schreibt ihren Angestellten weder eine Kernarbeitszeit vor, noch ist die Präsenz im Büro Pflicht. „Diese Regelung bewerten 95 Prozent unserer Beschäftigten als höchstes Gut“, sagt eine Microsoft-Sprecherin. Die Work-Life-Balance sei auf diese Weise besser zu erreichen, es bildet sich ein Klima der Zufriedenheit und Innovationskraft. Und noch ein Argument für Controller: Im neuen Amsterdamer Büro konnten die Immobilien-Kosten durch flexible Arbeitsplätze um 30 Prozent gesenkt werden.

Auch beim Businessnetzwerk Xing ist die Anwesenheit von Beschäftigten im Büro kein ständiger Zwang. Selbst Manager mit Personalverantwortung können über ihren Einsatzort mitentscheiden. So leitet ein Xing-Mitarbeiter, der hauptsächlich im Home-Office in Madrid sitzt, ein Team mit Kollegen aus Barcelona, Madrid, Valencia und Hamburg.

Thorsten Kolsch kennt alle diese Möglichkeiten, die moderne Firmen ihren Mitarbeitern heute bieten. Als Angestellter möchte er aber vorerst nicht wieder arbeiten. Im Gegenteil. Er plant, eine Eigentumswohnung zu kaufen, um seine Reisen zum Teil mit den Mieteinnahmen finanzieren zu können, und als Altersvorsorge. Das nächste Fernweh-Ziel? „Wahrscheinlich Koh Phangan“, überlegt Kolsch. Auf der Insel im thailändischen Golf gibt es sogar ein Coworking Space, „Koh space“, direkt im Dschungel.