Schifffahrtskrise

Nikolaus W. Schües: „Die Elbe ist unser Schicksal“

Nikolaus W. Schües unter dem Gemälde von Carl
Laeisz, Sohn des Gründers der Reederei F. Laeisz,
deren Gesellschafter Schües ist

Nikolaus W. Schües unter dem Gemälde von Carl Laeisz, Sohn des Gründers der Reederei F. Laeisz, deren Gesellschafter Schües ist

Foto: Mark Sandten

Der Reeder und Altpräses der Handelskammer, Nikolaus W. Schües, über die Schifffahrtskrise und mehr Zivilcourage.

Nikolaus W. Schües gehört zu den anerkanntesten Persönlichkeiten der Hamburger Wirtschaft. Der Gesellschafter der traditionsreichen Hamburger Reederei F. Laeisz ist Alt-Präses der Handelskammer und ist seit Jahrzehnten in verschiedenen kulturellen und karitativen Gremien in der Stadt engagiert. Morgen wird Schües 80 Jahre alt. Als bescheidener Hanseat feiert er im engsten Familienkreis. Im Gespräch mit dem Abendblatt prophezeit er, dass die Schifffahrtskrise noch lange dauert, Schües kritisiert Angela Merkel und ruft die Hamburger zu mehr Mut und Zivilcourage auf.

Hamburger Abendblatt: Herr Schües, seit sieben Jahren erlebt die Schifffahrt eine schwere Krise. Haben Sie ihre Berufswahl irgendwann einmal bereut?

Nikolaus W. Schües: Nicht eine Sekunde. Ich kann mich gut erinnern, wie meine Leidenschaft begann. Als ich etwa zwölf Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater an der Elbe spazieren. Ich zeigte auf die Schiffe und sagte zu ihm: „Das wird mein Beruf, ich will in die Schifffahrt.“ Er antwortete: „Wenn das Dein Wunsch ist, dann musst Du viel lernen.“ Damals erschien schon das Hamburger Abendblatt mit viel maritimer Berichterstattung, und ich begann die Fotos von den Schiffen auszuschneiden und zu sammeln. Und so legte ich mir ein Archiv an – ich wollte ja viel lernen.

Haben Sie das Archiv noch?

Schües: Nein, das habe ich inzwischen leider weggeschmissen. Aber es war der Start meiner Leidenschaft, und ich bin nie wieder davon abgekommen.

Wenn Sie sich an 1956 zurückerinnern, haben Sie jemals eine so tiefe Krise erlebt wie derzeit?

Schües: Oh ja, mehrfach. Es gab Krisen, bei denen sehr viele namhafte Firmen vom Markt verschwanden. Und das haben wir in dieser Krise noch nicht erlebt. Das wird schnell übersehen.

Aber diese Krise dauert jetzt schon extrem lange ...

Schües: Das liegt daran, dass sie sich aus zwei Quellen speist: Zum einen ist das natürlich die Knappheit an Ladung, die jede Art von Frachter trifft und die einfach auf den schwachen Markt reagiert, zurzeit trifft es extrem die Massengutfrachter. Zum zweiten gibt es das System Containerschiffe, das eine Umstrukturierung auf immer größere Schiffe erlebt, während gleichzeitig die Nachfrage sinkt. Es werden noch immer wöchentlich größere Schiffe bestellt, obgleich der Bedarf dafür eigentlich fehlt. Im Grunde genommen ist das Irrsinn. Die Branche versucht das Feuer mit Benzin zu löschen.

Und wie bekommt man das in den Griff?

Schües: Ich fürchte es wird noch Jahre dauern.

Wie bitte?

Schües: Sie haben richtig gehört. Man muss die Krise ausbrennen lassen, und das wird noch einmal viele Jahre dauern. Es geht nicht anders. In den kommenden drei Jahren werden die Containerriesen ausgeliefert, die derzeit bestellt werden. Solange wird sich schon mal gar nichts ändern. Und dann wird es noch einmal möglicherweise drei Jahre dauern bis sich die Lage wieder normalisiert und sich die Kapazitäten dem Wachstum der Wirtschaft angleichen.

Wird Ihre Firma das „ausbrennen lassen“ der Schifffahrtskrise überstehen?

Schües: Das weiß ich nicht, ich bin ja kein Hellseher. Wir geben uns aber große Mühe, so zu wirtschaften, dass wir die allgemeine Lage überwinden. Wir stehen auf mehreren geschäftlichen Standbeinen und versuchen durch Maß halten und Bescheidenheit die Situation zu überstehen.

Und wie soll Hamburg durch diese Situation hindurchkommen?

Schües: Das Herz der maritimen Wirtschaft schlägt zur Zeit nicht besonders kraftvoll. Im Hafen haben wir Umschlagsrückgänge, die Elbvertiefung stockt, den Reedern geht es schlecht und sogar die Schiffsfinanzierung geht den Bach runter, wenn ich an die HSH Nordbank denke.

Wird die Stadt bei einer andauernden Krise die maritime Bedeutung einbüßen?

Schües: Ganz sicher nicht. Die Fahrrinnenproblematik muss gelöst werden, weil wir nicht zulassen dürfen, dass Partikularinteressen über Gemeinschaftsinteressen obsiegen. Ich bin zuversichtlich: das Problem wird gelöst. Man muss es allerdings so lösen, dass die zum Teil berechtigten Forderungen für Flora und Fauna berücksichtigt werden. Dabei darf nicht getrickst werden. Die Elbe ist unser Schicksal. Außerdem geht es nicht nur in Hamburg im Moment etwas weniger gut sondern weltweit. Und wenn es insgesamt wieder aufwärts geht, werden auch wir das merken.

Und die HSH Nordbank?

Schües: Egal, wem sie in zwei, drei Jahren gehört, diese Bank sollte erhalten bleiben. Sie ist wesentliche Säule des maritimen Clusters. Das besteht nicht nur aus Reedereien sondern auch aus Dienstleistern und Zulieferern, in Bayern, Baden-Württemberg oder wo sie sonst noch sitzen. Deshalb ist der Erhalt dieser Bank nicht nur im Hamburger sondern im nationalen Interesse.

Hat das „Nein“ zur Olympia-Bewerbung Hamburg zurückgeworfen?

Schües: Eindeutig ja. Das ist insofern bedauerlich, weil diejenigen, die dagegen gestimmt haben, sehr emotional abgestimmt haben und sich trotz aller Kampagnen nicht ausreichend informiert fühlten. Es ist nicht gut, solche Entscheidungen aus Emotionen zu treffen. Deshalb stimme ich mit dem Präses der Handelskammer überein, dass man solche Themen nicht durch Volksbefragung entscheiden lassen sollte.

Und wer hat den Informationsmangel verschuldet?

Schües: Das Zusammenspiel zwischen Hamburg und Berlin war nicht optimal. Es hat nicht ausgereicht, dass sich die Hamburger Politik entschieden hinter das Projekt gestellt hat, das wäre auch Berlins Aufgabe gewesen. Dort war die Unterstützung nur halbherzig. Das haben die Leute gemerkt.

Manche kritisieren, dass den Bürgern auch der Mut fehlt, sich auf Neues einzulassen. Es ist immer leichter gegen etwas zu stimmen als Neues zu wagen. Fehlt der Gesellschaft der Mut?

Schües: Ja, das ist wohl so. Die Niedergeschlagenheit ist schon groß. Das muss nicht so sein. Wir haben allen Grund glücklich zu sein, dass wir in diesem schönen Land, in dieser schönen Stadt mit dieser prächtigen Entwicklung leben dürfen. Also mehr Mut!

Das klingt ein bisschen wie der Ausspruch von Bundeskanzlerin Angela Merkel „Wir schaffen das!“

Schües (abwehrend): Nein, nein. Diesen Satz kritisiere ich sehr, vor allem den majestätischen Plural. Was ist „das“, und wer ist mit „wir“ gemeint? Der Satz ist falsch, aber das ist letztlich kein Grund für Pessimismus.

Dennoch haben viele Hamburger Sorgen wegen der Flüchtlingsproblematik ...

Schües: ... weil wir uns übernommen haben. Mit der unkontrollierten Einwanderungspolitik kriegen wir das nicht in den Griff; wer etwas anderes sagt, leidet unter Realitätsverlust. Aber das ist kein Grund, jetzt die Hände in den Schoß zu legen, und zu sagen, alles wird schlecht. Es gibt viele Bürgerinnen und Bürger, die sich in vorbildlicher Weise bei der Bewältigung des Flüchtlingszustroms einsetzen.

Die maritime Branche ist ausgesprochen international. Müsste sie nicht als Vorbild bei der Integration der Flüchtlinge vorweg gehen?

Schües: Da ist etwas dran. Integration müssen wir lernen. Das ist keine Grundfertigkeit einer Gesellschaft. Wir müssen beispielsweise lernen von „Afrika-Deutschen“ und später von „Syrien-Deutschen“ zu reden. Das Wort gibt es noch nicht bei uns. Aber die Integration kann gelingen; die Schifffahrt hat es vorgemacht. Wir haben etwa vor 40 Jahren angefangen, ausländische Besatzungen auf unseren Schiffen einzusetzen. Das war für die Schiffsleitungen am Anfang sehr schwer. Sprachbarrieren, unterschiedliche Essgewohnheiten, und sonstige kulturelle Unterschiede mussten in dem streng funktionalen System „Mannschaft“ berücksichtigt werden. Heute ist es kein Problem mehr, dass wir philippinische Kapitäne mit russischen Offizieren an Bord haben, oder umgekehrt. Wir Schifffahrtsleute haben das lernen müssen. Das Wissen geben wir gerne weiter.

Im Moment geht es aber in die andere Richtung. Schaut man sich die Pegida-Bewegung an, so steigt der Fremdenhass.

Schües: Intoleranz und Gewaltbereitschaft sind nicht zu dulden. Ich habe im Jahr 2000 als Präses der Handelskammer nach der Schändung jüdischer Gräber zu einem „Hamburger Bürgerbekenntnis für Zivilcourage“ aufgerufen. Der erste Satz lautet: „Wir wollen, dass alle Menschen in unserem Land in Frieden und sicher in ihrer Religion leben können.“ Die Kammern, die Kirchen, die Gewerkschaften, die Theater – alle gesellschaftlichen Institutionen machten damals mit. Wir hatten innerhalb weniger Wochen 70.000 Unterstützungsunterschriften zusammen. Dieser Aufruf lässt sich heute noch so unterschreiben. Damit können sich Hamburgs Bürgerinnen und Bürger sehen lassen. Die Kammer will übrigens demnächst den Text auf einer Votiv-Tafel in ihrem Eingangsbereich verewigen.

Die Kammer erlebt ja nun schwere Zeiten. Eine Gruppe von Rebellen opponiert gegen die alten Strukturen. Leiden Sie mit Ihren Nachfolgern mit?

Schües: Zu diesem Thema möchte ich eigentlich nichts sagen, ich kenne die Kammer-Rebellen nicht persönlich. Nur soviel grundsätzlich: Nach meinem Eindruck verwechseln die Rebellen die Funktion eines Verbandes und die einer Kammer. Die Kammer basiert auf gesetzlicher Mitgliedschaft. Der Vorwurf der „Zwangsmitgliedschaft“ ist Unsinn, es gibt keinen Zwang sondern ein Gesetz. Alle Firmen sind also gesetzliches Mitglied der Kammer. Warum? Weil die Kammer die Gesamtheit der Wirtschaft vertritt. Verbände vertreten hingegen Partikularinteressen. Das Motto der Rebellen, „Die Kammer sind wir“ ist also falsch. Die Kammer vertritt nämlich alle Unternehmen. Wenn jemand sagt, er brauche die Kammer nicht, dann weiß er nur noch nicht, dass er sie braucht. Sie sorgt nämlich dafür, dass die Kundenparkplätze vor seinem Laden nicht durch Poller ersetzt werden, hat mitzureden, wenn die U-Bahnstation vor dem Haus geschlossen werden soll, und und und. Wir brauchen eine starke Kammer, die parteipolitisch unabhängig ist.

Wenn Sie zurückblicken: Gibt es eine Sache, die Sie heute anders machen würden?

Schües: Nicht direkt, aber ich hätte gerne mehr Zeit gefunden, besser Französisch und Spanisch zu lernen.

Und was ist Ihnen gut gelungen?

Schües (lacht): Meine Ehe. Ich bin seit 54 Jahren glücklich mit der gleichen Frau verheiratet.