70. Geburtstag

Die wechselvolle Geschichte der Kammerspiele

Ida Ehre war von 1945 bis 1989 Die Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele

Ida Ehre war von 1945 bis 1989 Die Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele

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Hamburger Theater und Prinzipalin Ida Ehre brachten kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder Leben in die hanseatische Kultur.

Hamburg.  70 Jahre (und einen Monat) ist es her, dass sich der Vorhang an den Hamburger Kammerspielen das erste Mal öffnete. So kurz nach Kriegsende erblühte das Theater zu neuem Leben. Unter der Leitung der Prinzipalin Ida Ehre bot es berühmten Schauspiel- und Regiegrößen wie Gert Fröbe, Hilde Krahl, Eduard Marks, Helmut Käutner und Wolfgang Liebeneiner ein künstlerisches Zuhause.

Man spielte Stücke, die in Hitler-Deutschland verboten waren sowie Zeitgenössisches, das das Lebensgefühl der Kriegsgeneration beschrieb. „Wir waren hungrig und unsere Herzen waren heiß“, erklärte Ida Ehre einmal die Lust und die Faszination am Theater, die die Menschen auf der Bühne gleichzeitig mit dem Publikum empfanden. Ehre wollte in diesem Haus „menschliche Probleme und Probleme der Welt“ vorführen, „von denen wir zwölf Jahre lang nichts wissen durften“.

Einst war das Theater Mittelpunkt des jüdischen Lebens am Grindel

Dabei wurde 1945 bereits das zweite Leben der Hamburger Kammerspiele eingeläutet. Zum ersten Leben war das Theater nach dem Krieg 1918 erwacht. Am Besenbinderhof, zwischen Hauptbahnhof und Berliner Tor, hatte Erich Ziegel mit seiner Frau Mirjam Horwitz die Hamburger Kammerspiele gegründet. Nichts ist davon geblieben.

Für ein paar Jahre war das Theater eine der spannendsten Avantgarde-Bühnen Deutschlands. Hier wurden Stücke von Wedekind, Brecht und Horvàth gespielt, Schauspieler wie Gustaf Gründgens, Victor de Kowa, Fritz Kortner und Erich Engel wuchsen zu Stars heran. Vom erst 19-jährigen Klaus Mann wurde das Stück „Anja und Esther“ aufgeführt. Mann, seine Schwester Erika, deren Freundin Pamela Wedekind und Erikas Ehemann Gründgens feierten Skandalerfolge. Das Publikum stürmte die Aufführungen.

Auch das Gebäude in der Hartung­straße blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. 1863 war es von einem jüdischen Kaufmann errichtet worden, 1904 von der jüdischen Freimaurerloge erworben. In der Weltwirtschaftskrise wurde es verkauft, die Loge hatte aber weiterhin Heimrecht. So wurde es zum Mittelpunkt jüdischen Lebens am Grindel. Noch 1938 wurde es mit Hilfe des Bankiers Max Warburg zum Theater umgebaut. 1941 wurde das Theater geschlossen, zwangsverkauft und diente von 1942 an als Sammelpunkt für Deportationen. „Ganz und gar unvergesslich sind mir die uralten Pärchen, die sich gleich neben dem Haus in der Hartungstraße mit ihrem grell gelben Stern in den Schatten der Mauern und Bäume drückten“, hat der Theaterkritiker Werner Burkhardt einmal geschrieben, der im Viertel aufgewachsen war.

Ida Ehre, deren Mutter und Schwester die Nationalsozialisten ermordet hatten, war im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert gewesen. Die mährisch-österreichische Schauspielerin hatte es in ihrer Bühnenkarriere bis nach Berlin geschafft, hatte Auftrittsverbot bekommen und war schon per Schiff auf dem Weg nach Chile, als der Krieg ausbrach und das Schiff zurück nach Hamburg beordert wurde. So landete sie in unserer Stadt und wollte nach Kriegsende zurück auf die Bühne. Im August 1945 war sie in der Johanniskirche im „Jedermann“ zu sehen. „Weshalb machen Sie kein Theater auf?“, fragten sie Kollegen. Dann traf sie den englischen Theateroffizier John Olden, der ihr die Kammerspiele mit Genehmigung der Militärregierung zur Verfügung stellte. Olden war später Ehemann von Inge Meysel und Oberspielleiter beim NDR.

Zur Eröffnung wurde ein Stück von Robert Ardrey gespielt, „Leuchtfeuer“, das auch zum zehnjährigen Bestehen des Hauses inszeniert wurde. 1945 gab es kein elektrisches Licht – nur Aggregate –, keine Heizung und keine Kostüme oder Dekoration. „Wir haben uns Kostüme aus Kartoffelsäcken gemacht“, erzählte Ida Ehre, „alles hat gekratzt und man wusste nicht, wie man sich darin bewegen sollte.“

Der Spielplan sollte aufregend sein. „Ich habe mich an alles herangetraut“, hat Ida Ehre erzählt, „habe nie gesagt, das ist mir zu gewagt.“ Gespielt wurden O’Neill, Thornton Wilder, Tennessee Williams, Max Frisch, Sartre, Ibsen, Shaw, Shakespeare. Den größten Erfolg feierte das Haus mit der Uraufführung von Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“. Große Schauspielerkunst traf unkonventionelles Denken. Das prägte das Haus.

Mit der Währungsreform kam ein Wandel. Die staatlichen Bühnen konnten wieder bessere Gehälter zahlen, viele Schauspieler gingen dort ins Ensemble. Ida Ehre kämpfte resolut für ihr Haus, das finanziell stets zu gering ausgestattet war. Deshalb gestaltete sie in den 1960er-Jahren viele Spielzeiten mit Unterhaltungsstücken von Autoren, die heute zu Recht vergessen sind. Allerdings konnte Ida Ehre auch immer wieder große Schauspieler für das Theater gewinnen: Michael Degen, Uwe Friedrichsen, Elisabeth Schwarz.

Als Ida Ehre 1989 starb, geriet das Theater ins Trudeln. Das Haus war nicht bestellt. Weder war die Nachfolge geregelt, noch die Finanzbücher ordentlich geführt worden. Mit Ursula Lingen wollte das Haus an große Tage anknüpfen, sie lud Regisseurin Andrea Breth ein und den Intendanten Kurt Hübner. Nicole Heesters stand auf der Bühne, die spätere Burgschauspielerin Andrea Clausen oder Sylvester Groth. Doch das Theater ging in Konkurs, eine Altlast aus der Ehre-Ära.

Es folgte Stefan Barbarino, der einen Neubeginn wagte und deftige Operetten präsentierte, aber auch den großartigen Ulrich Wildgruber. Doch Barbarinos Zeit als Chef war kurz. Wieder erdrückten Schulden das Theater, der Unternehmer Jürgen Hunke sprang 1994 ein, sanierte, baute um, wollte allerdings auch „Erlebniskultur“ durchsetzen. Der ehemalige Betriebsdirektor des Schauspielhauses, Gerd Schlesselmann, leitete kommissarisch. Ihm gelang es, einige der Schauspielhaus-Künstler an das mit 500 Plätzen gar nicht mal so kleine Haus in der Hartungstraße zu holen.

Seit mehr als zehn Jahren leitet Axel Schneider das Haus mit Erfolg

Im Jahr darauf übernahmen Ulrich Waller und Ulrich Tukur die Kammerspiele. Waller, ehemals Regieassistent am Schauspielhaus, und Tukur, dort zum Star geworden, prägten das Theater durch Engagements großer Stars. Zur Eröffnung 1995 wurde noch einmal „Draußen vor der Tür“ gespielt, mit Tukur in der Hauptrolle. In den Folgejahren inszenierten Nicolas Stemann, Falk Richter und Peter Zadek. Auf der Bühne standen Barbara Nüsse, Hannelore Hoger, Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Monica Bleibtreu, Herbert Knaup oder Ulrich Wildgruber. Dominique Horwitz, Christian Redl und Ulrich Tukur brillierten in Yasmina Rezas „Kunst“. Viel Kabarett gab es. Erich Ziegel und Ida Ehre hätten ihre Freude gehabt.

Seit mehr als zehn Jahren leitet nun Axel Schneider die Kammerspiele. Mit Erfolg. Hier spielen große Schauspieler wie Markus Boysen, Werner Rehm, Roland Renner, Katharina Wackernagel. Bekannte Stoffe wie „Ziemlich beste Freunde“, „Laurel und Hardy“ oder „Fettes Schwein“ gibt es zu sehen. Mehr als 100.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr in die Kammerspiele. Das Haus kann stolz sein und feiert an diesem Sonnabend seine Geschichte (und Geschichten) mit einer Matinee. Es blickt auf eine lange, bedeutende Tradition im deutschen Theater zurück.