Stadtgeschichte

1976 erlebte Hamburg die höchste Sturmflut

Die überflutete Elbchaussee bei Teufelsbrück am 3. Januar 1976

Die überflutete Elbchaussee bei Teufelsbrück am 3. Januar 1976

Foto: dpa Picture-Alliance / Cornelia Gus / picture-alliance / dpa

1976 überstieg das Wasser die Pegelstände von 1962 bei Weitem und richtete Milliardenschäden an. Ein Rückblick auf dramatische Stunden.

Heftige Windböen rütteln an der Stadt, ein paar Bäume knicken um, einige Dächer werden abgedeckt – was bei einem ganz gewöhnlichen Sturm eben passiert. Niemand ahnt an diesem Sonnabendmorgen, dass Tief „Capella“ noch ganz anderes vorhat. Die Behörden berechnen die Höchstwerte der Flut in Hamburg für 18.17 Uhr auf drei bis dreieinhalb Meter über dem mittleren Hochwasser. Da kann eigentlich nicht viel passieren.

Ein schwerer Irrtum, wie sich schon am Mittag herausstellen soll. Denn der Sturm dreht plötzlich mehr und mehr auf Nordwest, wodurch Unmengen von Nordseewasser flussaufwärts gedrückt werden, und er legt an Stärke noch einmal mächtig zu. Jetzt schwillt die Elbe so rasant an, wie man es kaum für möglich hielt. Bald ist klar: Sie wird mindestens jene Höhe erreichen wie bei der Flutkatastrophe von 1962. Tatsächlich steht abends das Wasser am Pegel St. Pauli bei NN + 6,45 m – 75 Zentimeter höher als 14 Jahre zuvor. Eine solche Flut wie an diesem 3. Januar 1976 ist in Hamburg niemals zuvor gemessen worden!

Um 14.07 versetzt Innenstaatsrat Frank Dahrendorf Bereitschaftspolizei und zwei Einsatzzüge der Bundeswehr in Alarmbereitschaft. Zu diesem Zeitpunkt sind der St.-Pauli-Fischmarkt und die Elbchaussee bei Teufelsbrück schon nicht mehr passierbar. In aller Eile müssen 150 polnische Aussiedler aus dem Lager Neßpriel in Sicherheit gebracht werden. Nicht einmal eine Stunde später ist Land unter im gesamten Hafengebiet.

In Övelgönne schoss das Wasser plötzlich aus Toilette und Ausguss

Henry Krey aus Övelgönne schildert damals seine und die Not vieler Menschen in seiner Umgebung im Abendblatt so: „Wir haben Sand und Sandsäcke vor die Türen geschleppt. Anfangs konnten wir das Wasser abwehren. Doch plötzlich schoss es aus der Toilette und dem Ausguss. Das Haus wurde von innen her unter Wasser gesetzt.“ Und sein Nachbar Stein Skraastad, ein Ingenieur aus Norwegen, sagt, am Mittag hätten seine Familie und er das Ganze noch locker gesehen. Aber dann sei das Wasser so schnell gestiegen, dass „nicht einmal mehr Zeit zum Erschrecken war“.

Im Hafen stehen Hunderte Indus­trie- und Gewerbebetriebe bis zu eineinhalb Meter tief im Wasser. Die Anlagen der Hafenbahn sind über viele Kilometer nicht mehr befahrbar. Texaco und Shell müssen ihre Produktion einstellen. Bei MBB auf Finkenwerder steht die Flut bis an die Triebwerke der Airbus-Flugzeuge.

Schwer getroffen ist auch Wedel. Im Hamburger Yachthafen zerfetzt der Orkan mehr als 100 aufgeslipte Boote. Den sogenannten Kommunaldeich, der erst ein Jahr zuvor zum Schutz der Innenstadt errichtet wurde, zerstört der blanke Hans innerhalb von Minuten. Die Flut kann ungehindert ins Zen­trum eindringen.

Dramatische Stunden erleben auch die Menschen in der Haseldorfer Marsch. Der neue, acht Meter hohe Deich von Wedel bis Haseldorf ist noch nicht ganz fertig. Er gehört zum Deichbauprogramm, mit dem man nach den Erfahrungen von 1962 die Elbanrainer besser schützen will. Als er bei Hetlingen dem Druck nicht standhält und an zehn Stellen absackt, überspült die Flut eine Fläche von 4000 Hektar.

Längst hat der Führungsstab des Heeres per Radio und Fernsehen Soldaten in die Kasernen zurückbeordert, die sich während des Wochenendurlaubs im Norden aufhalten. Insgesamt 2500 Mann machen sich daran, zu helfen, wo es am brenzligsten ist. Vor allem sind es Pioniere und Panzergrenadiere, die mit Sandsäcken versuchen, Deiche zu schützen und zu stopfen, und es sind Heeresflieger, die mehrere Hundert Eingeschlossene in der Marsch aus der Luft versorgen, 55 Menschen aus dem Gebiet ausfliegen, Sandsäcke transportieren und Pumpen zu den Halligen vor der nordfriesischen Küste bringen.

In ganz Europa fordert Orkan „Capella“ 82 Todesopfer, davon 17 in Deutschland. Auf Finkenwerder stirbt ein Schlosser von BP, weil er nach einem Herzanfall nicht schnell genug ins Krankenhaus gebracht werden kann. In Stade stirbt ein 80-Jähriger ebenfalls nach einem Herzanfall, den er vermutlich vor Aufregung auf der Flucht vor der Flut erleidet. Und in Tarp wird ein Bahnmitarbeiter von einem einstürzenden Bahnhofsdach erschlagen.

Unermesslich sind die materiellen Schäden, vor allem im Hamburger Hafen. Sie gehen in die Milliarden D-Mark­. Als Bürgermeister Hans-Ulrich Klose sich die Zerstörungen anschaut, findet er auch Unternehmen vor, die so schwer getroffen sind, dass sie vor dem Ruin stehen. Viele von ihnen wurden seit 1962 schon siebenmal von Überflutungen heimgesucht, und schon lange ist keine Versicherung mehr bereit, dieses Risiko zu tragen.

Der Senat spielte die Gefährdung für die Hafenbetriebe per Gutachten herunter

Einmal mehr zeigt sich: Die Maßnahmen, die seit der Katastrophe von 1962 mit ihren 340 Todesopfern zum Schutz der Menschen entlang der Elbe getroffen wurden, haben auch eine Kehrseite. Die Erhöhung der Deiche, der Bau von Sperrwerken an den Nebenflüssen und die Errichtung von Mauern vor Hamburgs Innenstadt schnüren das Strombett derart ein, dass das Wasser bei Sturmfluten erheblich schneller und höher steigt als früher und sich erst im Hafengebiet ungezügelt ausbreiten kann.

Ein Gutachten, von Hunderten Hafenbetrieben 1973 gemeinsam in Auftrag gegeben, bestätigt die Gefahren. Doch der Senat ließ in einem Gegengutachten feststellen, dass die Auswirkungen des verengten Flussbetts auf die Hafenwirtschaft „unerheblich“ seien. Jetzt, Anfang Januar 1976, heißt es in den Behörden kleinlaut, diese extremen Wasserstände seien „unvorhersehbar“ gewesen. Und erklärten nicht auch Wissenschaftler nach der Katastrophe von 1962, es habe sich um eine „Jahrhundertflut gehandelt, die sich in den nächsten 100 Jahren wohl kaum wiederholen werde?