Prozess in Hamburg

Die Türsteher und ihr Opfer: Vor Gericht herrscht Harmonie

Zwei Türsteher eines Kiezlokals sind wegen Körperverletzung eines Gastes angeklagt. Doch vor Gericht verstehen sich alle prächtig.

Neustadt.  Zwischen emotionalem Höhenflug und harter, schmerzhafter Landung lagen nur wenige Augenblicke. Eben war er noch im siebten Himmel, nur Fingerspitzen entfernt von einer schönen Tänzerin in einem Hauch von Nichts und umwölkt von einem Touch von Ballermann-Prominenz – und nun fand der Mann sich mit blutendem Gesicht auf dem mit Kunstrasen aufgemotzten Bürgersteig vor seinem Lieblingslokal auf dem Kiez wieder. Wie war Dominik L. (alle Namen geändert) dort hingekommen? War es eine Verkettung unglücklicher Umstände, oder hatten die Türsteher des Etablissements den 22-Jährigen bei einem Rausschmiss viel zu hart angefasst?

Extrabreite Schultern, kräftige Körper in schwarzen Lederjacken und kantige Gesichter: Die beiden Männer, die wegen der Ereignisse auf der Reeperbahn vom Juni auf der Anklagebank im Amtsgericht sitzen, wirken ganz so, als könnten sie kräftig zupacken. Mit der gleichen Energie weisen Anton P., 35, und Ahmet H., 26, den Vorwurf der Körperverletzung von sich. Nein, er habe den Gast mitnichten grob zur Tür herauskomplimentiert und ihn zu Boden gestoßen, versichert der 26-Jährige. Und der 35-Jährige, angeklagt, weil er dem Liegenden Schläge und Tritte verpasst haben soll, bestreitet dies mit Nachdruck.

Er habe den Gast noch nicht einmal berührt, betont Anton P. Er sei im Gegenteil noch fürsorglich gewesen und habe „die Leute, die reinwollten, aufgehalten, damit sie nicht über ihn rübertreten.“ Der Verletzte sei „Stammgast“, erzählen die Angeklagten. „Er ist immer da, wenn es Auftritte gibt. Unsere Kneipe ist ein Schlagerladen, in dem Promis auftreten, die auch im Ballermann auf der Bühne stehen“, sagt Anton P. Und Besucher Dominik L. kenne „die Promis alle. Vielleicht dachte er im Brausebrand, er dürfe mit in den Backstage-Bereich.“

Der 26-Jährige ergänzt, er habe die Anweisung gehabt, beim extrem freizügigen Auftritt der Tänzerin speziell die männlichen Besucher von der Bühne fernzuhalten. „Der Gast brüllte und wollte rein. Ich habe ihn zurückgehalten.“ Als der sich dann gewehrt habe, „habe ich ihn mit den Armen auf dem Rücken fixiert und rausgebracht“. Gestürzt sei er, weil er „extrem voll“ gewesen sei. „Wahrscheinlich ist er über irgendwelche Füße gestolpert. Er riss mich mit. Schließlich ist er nicht gerade der Schlankste.“

Auch der Verletzte, in der Tat ein Mann von üppiger Statur, bestätigt als Zeuge, er sei von dem Security-Mann aus dem Laden herausgebracht worden, weil „ich etwas Unerlaubtes gemacht hatte“. Er sei „ziemlich alkoholisiert gewesen und plötzlich gestolpert“. Von Schlägen oder Tritten gegen ihn könne keine Rede sein. „Nein, ich hatte leichte Brandverletzungen, sag ich mal, weil ich mit dem Gesicht auf dem Kunstrasen vor der Tür gerutscht bin“, erklärt er mit einer wegwerfenden Geste. „Ein paar Schürfwunden, aber nichts Schlimmes.“

Die Aussagen anderer Zeugen bleiben vage: „Auf einmal lag er zu unseren Füßen“, sagt einer. „Er muss über irgendwelche Beine gestolpert sein. Ein Schubsen kann ich nicht bestätigen.“ Zwei andere Männer schildern es ähnlich. Auch ein 38-Jähriger, der damals die Polizei alarmiert und unter anderem von Schlägen erzählt hatte, sagt jetzt vor Gericht nur noch, dass ein Mann „plötzlich auf dem Boden gelegen“ habe. Vorausgegangen sei „eine unverhältnismäßige Härte. Aber was genau passiert ist, weiß ich beim besten Willen nicht.“ Und die Tänzerin formuliert als Zeugin, dass der 22 Jahre alte Besucher „rausgebeten“ wurde, weil jemand behauptete, „er habe mich unsittlich berührt, was aber nicht der Fall war. Mir gegenüber war der Gast sehr zuvorkommend.“

Am Ende wird der Angeklagte, der vor der Tür zugeschlagen haben soll, freigesprochen; der Vorwurf gegen den anderen Türsteher wird gegen Zahlung einer Geldbuße von 600 Euro eingestellt, entscheidet der Amtsrichter. „Es ist schon merkwürdig, dass ein Zeuge früher von massiven Tätlichkeiten berichtet und dies hier nicht bestätigt“, wundert er sich aber. Auch die anderen Zeugen hätten die Angeklagten nicht belastet. „Ob da eine Alkoholisierung eine Rolle spielte oder eine Aussage­unlust, weil man dort auf dem Kiez noch mal feiern gehen und mit den Türstehern keinen Ärger haben will – das Gericht weiß es nicht.“

Allerdings müssten Türsteher eine „besondere Sorgfaltspflicht“ walten lassen, insbesondere, wenn einem alkoholisierten Besucher die Arme fixiert werden und man wisse, dass er straucheln kann, „muss man vorsichtig sein. Vor allem auch, wenn man gehört hat, dass der Mann laut der Tänzerin überhaupt nicht renitent war. Da kann man ihn auch pfleglicher behandeln.“ Pfleglich oder nicht: Dem verletzten Gast scheint das nichts mehr auszumachen. In trauter Eintracht steht er nach dem Prozess mit den Türstehern zusammen, offenbar in bester Stimmung.