Prozess in Hamburg

Verurteilter Nacktbild-Erpresser war ein Serienbetrüger

Halina Löffler wurde von einem Mann mit Nacktfotos erpresst

Halina Löffler wurde von einem Mann mit Nacktfotos erpresst

Foto: Daniel Herder / HA

Mike M. gab sich im Chat als Millionär aus, bekam von seinem Opfer Nacktfotos und verlangte dann 45.000 Euro.

Neustadt.  Auf dem Gerichtsflur begegnet Halina Löffler dem Mann, den sie vor nicht allzu langer Zeit noch liebte, zum ersten Mal. Mike M., klein und untersetzt, wird von Justizbeamten in Handschellen an ihr vorbei in einen Saal des Amtsgerichts Barmbek geführt. Löffler schaut ihm gerade ins Gesicht, Mike M. schaut weg, als sei ihm gerade ein böser Geist erschienen. „Ihn so zu sehen, das ist schon eine Genugtuung“, sagt die 47-Jährige. Rachegelüste empfinde sie aber nicht, eher „Verachtung für diesen kleinen Mann.“

Der kleine Mann hat Halina Löffler die Würde genommen und außerdem viel Geld. Auf Facebook war die 47-Jährige im August 2012 auf ihn hereingefallen. Erst erschlich er sich ihr Vertrauen, dann – zusammen mit seiner Ehefrau – ihr Geld. Am Ende der nur viereinhalb Monate dauernden virtuellen Liaison erpresste er sie mit Nacktfotos, die sie ihm von sich geschickt hatte. 45.000 Euro verlor die ehemalige Prokuristin und Mutter eines kleines Sohnes an den Mann. Um die Summe aufzubringen, musste sie einen Kredit aufnehmen, den sie noch heute mit monatlich 1600 Euro abbezahlt.

Vor dem Amtsgericht Barmbek hat die Staatsanwaltschaft, die 500 Din-A4-Seiten Chat-Protokolle auswerten musste, Mike M. am Donnerstag wegen Erpressung angeklagt. Bis dahin war es ein langer Weg. Mehrere Verhandlungstermine platzten, wenigstens einmal aus gesundheitlichen Gründen. Beim letzten Termin im Juni dieses Jahres wusste nicht einmal sein Anwalt, wo sich sein Mandant aufhielt. Im November dann spürte die Polizei den zur Fahndung ausgeschriebenen Mann auf. Seither verbüßt er wegen einer früheren Verurteilung eine 18-monatige Gefängnisstrafe in der JVA Billwerder.

Ex-Frau: Er manipuliert Menschen

15 Verurteilungen hat der 44-Jährige bereits angehäuft, die meisten wegen Betrugs. Auch sonst hat Mike M. in seinem Leben viel verbrannte Erde hinterlassen. Schon vor dem Prozess kochen die Emotionen hoch. Neben seiner leicht überdrehten Ex-Vermieterin aus der Nähe von Detmold, die auf einem Flyer mit hetzerischen Parolen gegen den Angeklagten wettert, verfolgt ein weiteres Opfer den Prozess – eine junge Frau, die 10.000 Euro an Mike M. verloren haben will.

Längst in Ungnade gefallen ist der 44-Jährige auch bei seiner Ex-Frau Manuela, die am Donnerstag zunächst als Zeugin geladen war. Sie waren sechs Jahre verheiratet, zwei seiner vier Kinder hat er mit ihr. Ihr Ex sei jemand, der Menschen nach Belieben manipuliere, sagt Manuela M. Einer, der absolut skrupellos sei, der auf ihren Namen Waren im Wert von 35.000 Euro bestellt habe. „Auf den Kosten bin ich nach der Trennung sitzengeblieben“, sagt sie. Halina Löffler und die drei anderen Frauen haben eines gemeinsam: Sie wünschen sich eine möglichst hohe Strafe für Mike M.

Angeklagter räumt die Taten ein

Doch der Prozess beginnt holprig. Zunächst muss ein Mediziner den herzkranken Mann durchchecken, Ergebnis: verhandlungsfähig. Trotzdem kann die Staatsanwältin die Anklage nicht verlesen, weil der Verteidiger der ebenfalls angeklagten Noch-Ehefrau von Mike M. im Stau steckt. Als er zwei Stunden später noch immer nicht auftaucht, trennt die Amtsrichterin das Verfahren gegen Nadine M. ab. Mike M. hingegen räumt die Taten sogleich „wie angeklagt“ ein. Das Opfer, Halina Löffler, soll trotzdem gehört werden.

Die 47-Jährige tippelt auf Pfennigabsätzen zum Zeugenstuhl. Sie legt Wert auf ihr Äußeres, das sieht man, sie ist gertenschlank, hat auffallend volle Lippen, sehr lange Haare, gemachte Nägel und einen perfekten Teint. „Leider Gottes“ habe sie sich in den Mann verliebt, von dem sie im August 2012 auf Facebook „so charmant und nett“ angeschrieben worden war – und der sich dann auch noch als Multimillionär ausgab. Dass sie für Avancen im Internet überhaupt empfänglich gewesen sei, lastet sie „Stress auf der Arbeit“ und „Beziehungsproblemen“ an.

Mike M. sei ein „moderner Heiratsschwindler“

Mike M. und Halina Löffler chatteten damals täglich, die 47-Jährige verfing sich im Spinnennetz seiner Schmeicheleien und „herzzerreißenden Geschichten“. Zu Tränen rührte sie etwa die Geschichte über seine zu früh geborenen Kinder. Kaum war eine emotionale Abhängigkeit entstanden, ließ M. die Maske fallen. „Er wurde manchmal aggressiv und sperrte mich bei Facebook“, sagt Löffler. In schwierigen Situationen sei sie häufig von Nadine M., seiner angeblich nur noch mit ihm befreundeten Ex-Frau, angeschrieben worden. Nadine habe dann zwischen ihnen vermittelt. „Sie war eine Art Katalysator“, sagt Löffler. „Irgendwann hatte er mich dann soweit, dass ich ihm Nacktbilder geschickt habe.“

Nachdem sie ihm im Dezember eine kurze Romanze mit einem anderen Mann gestanden habe, sei Mike M. völlig ausgerastet, er habe gedroht, ihrem Ex-Lebensgefährten, mit dem sie damals noch in einer Wohnung lebte, und den Boulevardmedien ihre Nacktbilder zu schicken, sie könne sich aber mit 45.000 Euro „freikaufen“. Ihr gegenüber wollte M. die Summe indes als eine Art Sühneleistung für die Affäre, als „Strafe“ für ihr Missverhalten, verstanden wissen. Löffler: „Angeblich wollte er das Geld ja spenden“. Zudem habe sie sich massiv von ihm bedroht gefühlt. „Mein Kopfkino spielte verrückt.“ Nervlich am Ende habe sie das Geld überwiesen. Kurz danach wachte Löffler auf und zeigte Mike M. an.

Die Amtsrichterin verurteilt Mike M., den sie „einen modernen Heiratsschwindler“ nennt, zu 16 Monaten Haft ohne Bewährung – doppelt so viel wie Staatsanwaltschaft und Verteidigung beantragt haben. Halina Löffler ist mit dem Urteil zufrieden: „Hauptsache, er sitzt jetzt erst einmal im Gefängnis.“