Hamburg

Josef Feldhoffer und die Arbeit in der Stille

Der Tischler Josef Feldhoffer in seiner Werkstatt in Hamburg

Der Tischler Josef Feldhoffer in seiner Werkstatt in Hamburg

Foto: Roland Magunia

2300 Hamburger sind laut Statistik gehörlos. Einen Job zu finden, ist für viele unmöglich. Josef Feldhoffer hat sich selbstständig gemacht.

Hamburg. Es ist das Telefon. Es stört. Irritiert. Passt irgendwie nicht ins Bild. Vielleicht, weil es nicht auf dem Schreibtisch steht und vom Arbeitsplatz aus unerreichbar ist. Vielleicht, weil es staubig ist. Weil es so aussieht, als ob es nicht benutzt wird. Schon lange nicht mehr. Die Nummer ist zwar eingetragen, aber angerufen wird Josef Feldhoffer, 58, fast nie. Fast noch nie, seit er seine Tischlerei eröffnet hat. Fast noch nie, seit er sich vor neun Jahren selbstständig gemacht hat. Auf dem Telefon-Display könnte er sehen, wenn jemand anruft. Hören könnte er es aber nicht. Denn Josef Feldhoffer ist nahezu taub.

Mediziner sprechen von einer an Taubheit grenzenden Hörfähigkeit. Von Gehörlosigkeit. Josef Feldhoffer selbst spricht von Schicksal. Nüchtern, emotionslos. „Es ist so, wie es ist. Ich mache das Beste daraus“, sagt er. Josef Feldhoffer sitzt im Büro seiner Tischlerei, am Schreibtisch, leicht nach vorne gebeugt. Nicht, damit er besser hört. Sondern damit er besser von den Lippen ablesen kann. Das hat er als Kind gelernt. Als Kind, das immer viel beobachtet hat. Aber nie gesprochen. Das still war. Stumm. Bis er mit zwei Jahren sein erstes Hörgerät „verpasst bekam“, wie er es nennt. Die Batterie, groß wie eine Zigarettenschachtel, binden ihm seine Eltern morgens um den Bauch.

Mehr als 50 Jahre ist das jetzt her. Ein halbes Jahrhundert voller Veränderungen. Fortschritte. Forderungen. Forderungen, Behinderte nicht als Kranke zu betrachten, sondern als gleichberechtigte Menschen, die an der Gesellschaft teilhaben sollen. Und die ein Recht auf Arbeit haben. Festgelegt in Artikel 27 der UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­tion. Doch obwohl immer mehr Betriebe Menschen mit Behinderung beschäftigen, wird die rechtlich vorgeschriebene Beschäftigungsquote von fünf Prozent immer noch nicht erfüllt. In Hamburg liegt sie derzeit bei 4,1 Prozent. Damit steht die Hansestadt im Ranking weit unten. Auf den ersten Plätzen liegen Berlin und Hessen mit 5,3 Prozent. In konkreten Zahlen heißt das: 422 Hamburger Firmen (mit mindestens 20 Mitarbeitern) müssen laut Gesetz insgesamt 35.747 Pflichtarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen. Davon wurden aber rund 10.000 nicht besetzt.

Es sind Zahlen, die nachdenklich machen. Betroffen. Weil hinter jeder Zahl ein Mensch steht. Ein Leben. Eine Geschichte. Geschichten wie die des Kampftrainers Benjamin Piwko, der als Kind gehörlos wurde und heute ein eigenes Kampfstudio betreibt. Wie die der Hamburger Rechtsanwältin Judith Hartmann: Deutschlands erste gehörlose Rechtsanwältin. Die der Zahnärztin Marianela von Schuler Alarcón, die in einem bundesweit einmaligen Projekt gehörlose Arzthelferinnen ausbildet. Es sind Menschen, über die oft geschrieben wird. Weil sie Vorbilder sind, Mut machen. Und dann gibt es da diese Menschen, um die es still ist.

Josef Feldhoffer ist einer von ihnen. Einer von 2294 schwerbehinderten Menschen in der Hansestadt mit dem Merkzeichen Gl. für gehörlos. Er hat sich beim Versorgungsamt registrieren lassen, einen Antrag auf Feststellung einer Behinderung gestellt. Da das aber nicht alle machen, gibt es wesentlich mehr Betroffene. Schätzungen gehen von 80.000 Gehörlose in Deutschland aus. Andere sprechen von 300.000 gehörlosen und an Taubheit grenzend schwerhörige Bundesbürgern.

Wenn er als Kind zappelte, schlugen ihm die Nonnen zur Strafe auf die Finger

An Taubheit grenzend. Das heißt bei Josef Feldhoffer, dass er erst Geräusche ab 80 oder 90 Dezibel wahrnimmt. Dass er keine Nähmaschine und keinen Rasenmäher hören kann. Keinen Fernseher. Und kein Telefon. Von einem direkt an ihm vorbeifahrenden Lastwagen nimmt er zuerst den Luftdruck wahr, dann erst das Geräusch. Wenn er in der Werkstatt an der Kreissäge arbeitet, trägt er keinen Hörschutz. Er kann die Maschine kaum hören. Nur das Vibrieren des Bodens spüren.

Er hat zwei Hörgeräte, die Geräusche verstärken. Die es ihm auch ermöglichen, Vokale sowie Laute herauszufiltern. Die ihm beim Lippenlesen helfen. „Mit dieser Kombination kann ich zwar viel verstehen, trotzdem kommt es natürlich ständig zu Missverständnissen“, sagt Josef Feldhoffer. Er nennt das die Leitplanken seiner Kommunikations-Straße.

Josef Feldhoffer beherrscht die Lautsprache nahezu perfekt. Lautstärke und Aussprache sind ausgeglichen. Obwohl er sich selbst nicht hören kann. „Das hat mein Vater mit mir geübt“, sagt er und erzählt, wie sein Vater ihm das Sprechen beigebracht hat. Und das Lippenablesen. Mit einem Memory-Spiel. Jeden Tag nach dem Abendbrot, eine Stunde lang. Sein Vater Josef, nach dem er benannt wurde, der ein einfacher Schlosser und Schweißer war. Der keine höhere Schulbildung hatte, kein Pädagoge war. Und der seinen Sohn trotzdem besser als jeder andere verstanden hat. Auch ohne Worte.

Ohne Worte. Wenn Josef Feldhoffer von seiner Kindheit spricht, fehlen ihm manchmal die Worte. Nicht, weil er sie nicht gelernt hat. Sondern weil es manchmal einfach keine passenden Worte gibt. Die beschreiben können, wie er sich als taubes Kind in einer hörenden Welt gefühlt hat. Wie verzweifelt er als Vierjähriger im katholischen Kindergarten war, wo es jeden Tag einen Stuhlkreis mit Erzählzeit gab. Wo er immer gezappelt und gestört hat, weil er nichts verstanden hat. Und wo die Nonnen ihm zur Strafe auf die Finger gehauen oder sein Hörgerät so laut gestellt haben, bis es übersteuert ist. Bis die Geräusch im Kopf explodierten.

Josef Feldhoffer winkt ab. Verstummt. War nicht schön damals, sagt er schließlich und erzählt, wie er auf die Schwerhörigenschule nach Nürtingen nahe Stuttgart gekommen ist. 100 Kilometer von zu Hause entfernt. Ein Auto haben seine Eltern nicht. Er kommt zu einer Pflegefamilie, kann vier Jahre lang nur in den Ferien nach Hause. An den Tag, als sein Vater ihn mit der Bahn wegbringt, kann er sich genau erinnern. Es ist der Geburtstag seiner kleinen Schwester Maria. Josef Feldhoffer ist damals sieben Jahre alt. Als sein Vater wieder nach Hause fährt, winkt er ihm hinterher.

Es ist das Telefon. Es stört. Irritiert. Josef Feldhoffer spürt das Vibrieren seines IPhones in der Hosentasche. Der Ton ist abgestellt. Immer. Josef Feldhoffer hat eine Nachricht bekommen, aber antworten wird er später. Jetzt will er sich auf das Gespräch konzentrieren. Zwei Stunden hat er sich dafür Zeit genommen. Es ist viel Zeit für einen Selbstständigen. Für jemanden, der seit zwei Monaten keine Aufträge mehr annimmt. Der mehr Arbeit als Zeit hat. Und trotzdem, oder gerade deswegen, will Josef Feldhoffer seine Geschichte erzählen, Mut machen. Weil er zeigen will, dass man es auch als Behinderter schaffen kann. Dass behindert nicht heißt, an einem Hindernis zu scheitern. Sondern es zu meistern. Josef Feldhoffer ist eine Ausnahme. Ein Einzelfall. Die Bundesvereinigung der tauben Selbstständigen und Unternehmer schätzt, dass es in Deutschland nur rund 100 Hörgeschädigte mit einem eigenen Unternehmen gibt. 100 von insgesamt 4,34 Millionen Selbstständigen in Deutschland.

Josef Feldhoffer ist eine Ausnahme. Und will es gar nicht sein. Er will kein Einzelfall sein. Kein Sonderfall. Kein Fall. Sondern ein Mensch. Wie jeder andere. Der mit anderen kommunizieren kann. Und zwar mit allen anderen, nicht nur mit Gehörlosen. Deswegen hat er mühsam das Lippenablesen und Sprechen gelernt. Zuerst bei seinem Vater, dann bei Fräulein Zeller. Sie zeigt ihm, wie man Laute fühlen kann. Sie lässt ihn Wasser gurgeln, um R-Laute im Mund zu spüren. Sie ist Lehrerin für Taubstumme. Taubstumm. So hat man Betroffene damals noch genannt. Damals, als es das Vorurteil gab, dass Taube auch stumm sind. Dumm. Denn das Wort „stumm“ lässt sich etymologisch von dem Wort „dumm“ herleiten.

Josef Feldhoffer hat das auch erlebt. Das ihn manche Leute für dumm halten. Weil er weniger mitbekommt. Lange Zeit hat er das selbst gedacht. Dass die Hörenden schlauer sind, gebildeter. Besser. Bis er in der Berufsschule die Ordner der anderen beschriften musste. Weil niemand so eine gute Schrift hatte wie er. Da hat er angefangen umzudenken.

Es ist das Telefon. Es hilft. Erleichtert die Kommunikation. Überwindet Barrieren, die es lange gab. Wenn er heute mit einem Kunden Kontakt hat, dann per E-Mail, SMS oder WhatsApp. Damit es keine Missverständnisse gibt. Keine Probleme. So wie bei seinem ersten Job, direkt nach der Schule, als er immerzu telefonieren musste. Und es nicht konnte. Weil er die Anrufer nicht verstanden hat.

Hören. Verstehen. Verständnis. Josef Feldhoffer reicht es nicht, gehört zu werden. Er möchte auch verstanden werden. Akzeptiert, Angenommen. Integriert? Nein! Er will nicht als Behinderter wahrgenommen werden, den man integrieren muss. Sondern als Mensch. Als Schreiner. Tischlermeister. Holztechniker. Fachmann. 18 Jahre war er bei der Hamburger Firma Carl A. Sägebrecht, hat mehr als 30 Lehrlinge ausgebildet. Bis der Chef in Rente gegangen ist und der Betrieb eingestellt wurde. Bis er arbeitslos wurde – und keinen neuen Job fand. Weil die Vorbehalte gegenüber seiner Gehörlosigkeit groß waren. Nur ein einziges Angebot hat er bekommen. Die Bezahlung wäre die eines Gesellen gewesen. „Nur weil ich gehörlos bin, heißt das doch nicht, dass ich weniger gut arbeite“, sagt er. Nicht ärgerlich oder nachtragend. Eher verwundert. Irritiert. Irritiert, dass es auch in der heutigen Zeit noch so große Vorurteile gibt. Dass viele Arbeitgeber immer noch lieber eine Ausgleichsabgabe, eine „Strafe“ zahlen, als einen Behinderten zu beschäftigen.

Seine Kunden bekommt Josef Feldhoffer über Mundpropaganda

Ein Jahr lang war er arbeitslos. Eine schlimme Zeit. Weil er nicht nur die Arbeit verloren hatte, sondern auch seine Aufgabe, seinen Mut, seine Hoffnung. Bis er für den Freund seines Schwagers einen Wohnzimmerschrank gebaut hat. Und dieser ihn auf die Idee mit der Selbstständigkeit gebracht hat. Es ist das Jahr 2006. Es ist das Jahr, in dem die Vereinten Nationen die UN-Behindertenrechtskonvention verabschieden. Josef Feldhoffer beantragt ein Gründerdarlehen in Höhe von 10.000 Euro bei der Hamburger Sparkasse – und bekommt es sofort. Weil er dank seiner jahrelangen Tätigkeit bei Sägebrecht als einer der letzten in der Hansestadt die fachgerechte Reparatur und Wartung von Handaufzügen beherrscht.

Mit dem Geld mietet er sich in einer großen Tischlerei ein. Dort kann er die Werkstatt nutzen, bekommt ein Büro gestellt. Und ein Telefon. Er macht keine Werbung. Seine Kunden bekommt er über Mundpropaganda. Kunden, für die er neue Möbel baut oder alte aufarbeitet. Für die er Maßanfertigungen macht oder kaputte Schiebetüren repariert. Oder auch mal nur ein paar Leisten für einen Drachen zum Kindergeburtstag zurechtsägt. Es sind viele Privatpersonen, vor allem ältere, aber auch Firmen und Vereine. Und drei Hausverwaltungen.

Er hat so viel zu tun, dass er es alleine oft nicht schafft. Dann hilft ihm sein Sohn Tobias, 28. Er ist Fachinformatiker, springt im Notfall aber in der Tischlerei ein. Dann greift Josef Feldhoffer zum Handy und schickt ihm eine SMS. Auf seinem Schreibtisch steht eine billige Plastikente. Aus einem Überraschungsei. Tobias hat sie ihm geschenkt, als Josef Feldhoffer das erste Mal in seine eigene Firma gegangen ist. Tobias kann hören. Anders als sein Vater und seine Mutter.

Sobald Josef Feldhoffer abends nach Hause kommt, legt er die Hörgeräte ab. Wenn er mit seiner Frau Christine, 60, spricht, braucht er sie nicht mehr. Sie ist komplett gehörlos, die beiden können nur über Gebärden kommunizieren. Für Josef Feldhoffer ist das die schönste Zeit des Tages. Manchmal gucken sie Fernsehen. Mit Untertiteln. Den Ton schalten sie aus.