Schifffahrt

China bleibt Risiko für den Hamburger Hafen

Der Containerfrachter „CSCL Europe“ der Reederei China Shipping liegt am Eurogate-Terminal
in Hamburg. Der Umschlag im Hafen geht zurück

Der Containerfrachter „CSCL Europe“ der Reederei China Shipping liegt am Eurogate-Terminal in Hamburg. Der Umschlag im Hafen geht zurück

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Containerhandel mit der Volksrepublik stockt. Und auch die Prognosen der Experten sind nicht besonders positiv.

Hamburg. Das Geschäft im Hamburger Hafen ist massiv eingebrochen. Von Januar bis Ende September sank der Umschlag mit Containern um 9,2 Prozent auf nur noch 6,7 Millionen Boxen. Das Abendblatt hat bei Experten und Betroffenen nachgehakt. Wie geht es weiter in Deutschlands größtem Seehafen? Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was sind die Gründe für den Rückgang des Umschlags?

China ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner des Hamburger Hafens. Das Land befindet sich in einem wirtschaftlichen Umbruch, das Wachstum fällt geringer aus. Die Warenmenge, die aus der Volksrepublik nach Hamburg kommt, hat sich in den vergangenen neun Monaten im Vergleich zum Vorjahr um knapp 15 Prozent verringert. „Der Rückgang ist sehr stark produktbezogen. Die Konsumgüter, Elektronik, Spielzeug aber vor allem die typischen Billig-Produkte werden zur Zeit erheblich wenig verladen“, sagt Willem van der Schalk, Geschäftsführer der Spedition a.hartrodt. Im Investitionsgütermarkt sei das Volumen stabil. „Auch die Haushaltswaren sind auf einem erfreulichem gleichen Niveau. Der Markt für billige Güter ist offenbar gesättigt“, so van der Schalk.

Der zweitwichtigste Handelspartner Hamburgs ist Russland. Mit dem Land bestehen aber aus politischen Gründen erhebliche Handelsbeschränkungen. Hier beträgt das Minus im Containerverkehr 36 Prozent. Und noch etwas spielt eine Rolle: Im dritten Quartal steigt das Transportaufkommen in der Regel deutlich an. Dann werden nämlich im Hinblick auf das Gesamtjahr die Lager gefüllt. Dieser Effekt ist in diesem Jahr ausgeblieben. „Das Weihnachtsgeschäft ist weggefallen. Der russischen Bevölkerung fehlt wegen der Rezession im eigenen Land in diesem Jahr die Kaufkraft für Waren aus China, die sonst üblicherweise bei uns umgeschlagen und dann weitertransportiert werden“, sagt Axel Mattern, Geschäftsführer der Hafen Hamburg Marketing, dem Abendblatt.

Welche Auswirkungen hat der Rückgang auf die Beschäftigung im Hafen?

Der Umschlagsverlust bei den Containern trifft die HHLA. Das Unternehmen will jetzt sparen. Der Hafenbetrieb hatte sich auf größere Umschlagsmengen eingestellt und sitzt deshalb auf hohen Fixkosten. Es wird aber keinen Stellenabbau wegen des Mengenrückgangs geben, sagte ein Konzernsprecher: „Die HHLA denkt aber mit ihren Beschäftigten darüber nach, wie sie flexibel auf die Situation reagieren kann.“ Der Hamburger Konkurrent Eurogate hat in den vergangenen drei Quartalen ein leichtes Plus erwirtschaftet. Hier ändere sich bei der Beschäftigung nichts, sagte eine Sprecherin.

Führt der geringere Umschlag zu weniger Steuereinnahmen für die Stadt?

Nicht direkt. Aber wenn sich aufgrund des Mengenrückgangs die Erlöse reduzieren, sinken natürlich die Gewerbesteuerzahlungen der Unternehmen. Zudem ist die Stadt mit einem Anteil von 68,4 Prozent Hauptaktionär der HHLA. Macht das Unternehmen geringere Gewinne, schmilzt auch die Dividende an die Stadt.

Wie sind die Aussichten für die Welt-konjunktur – und damit den Hafen?

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat jüngst seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft im Jahr 2015 von 3,3 auf 3,1 Prozent nach unten korrigiert. Für 2016 gehen die Experten von einem Plus in Höhe von 3,6 Prozent aus – vor allem getragen von einer positiven Wirtschaftsentwicklung in den USA. Deutschland und die Euro-Zone würden danach in diesem und nächsten Jahr im Gleichschritt um 1,5 beziehungsweise 1,6 Prozent zulegen. „Das hehre Ziel eines kräftigen und gleichlaufenden globalen Wachstums bleibt schwer erreichbar“, sagte vor wenigen Wochen der neue IWF-Chefvolkswirt Maurice Obstfeld.

Vor allem China bleibt ein ökonomisches Risiko – auch für den Hamburger Hafen. Bereits in diesem Jahr wird die Wirtschaft im Reich der Mitte nach IWF-Schätzungen um lediglich 6,8 Prozent zulegen. Für ein Land, das lange Zeit zweistellige Wachstumsraten gewohnt war, ist dies ein schwerer Schlag. 2016 dürfte das chinesische Bruttoinlandsprodukt nach IWF-Einschätzung nur um 6,3 Prozent wachsen. Ein wenig Licht am Horizont sehen die Ökonomen dagegen für Russland. Während die dortige Wirtschaft 2015 noch um 3,8 Prozent schrumpfen dürfte, könnte der BIP-Rückgang 2016 mit minus 0,6 Prozent deutlich geringer ausfallen.

Das Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI sieht im kommenden Jahr keine grundlegenden Veränderungen beim weltweiten Wirtschaftswachstum. „Die Situation wird 2015 sehr ähnlich zum laufenden Jahr sein“, sagt Expertin Anja Rossen. Der Hafen kann folglich nicht auf einen positiven Umschwung getragen von der weltweiten Konjunktur hoffen.

Benötigt Hamburg jetzt überhaupt noch die Elbvertiefung?

„Selbstverständlich“, heißt es aus der Wirtschaftsbehörde. „Die langfristigen Prognosen weisen auf deutlich höhere Umschlagsmengen in Hamburg hin“, so ein Behördensprecher. Infrastrukturmaßnahmen seien immer nach langfristigen Prognosen auszurichten, nicht nach konjunkturellen Effekten. „Die jetzt zu beobachtende schwächere Umschlagsentwicklung ist auch eine Konsequenz der noch nicht realisierten Vertiefung und Verbreiterung der Elbe“, so der Sprecher

Die Umweltverbände sehen das anders. „Unsere Haltung ist nicht von wirtschaftlichen Schwankungen im Containerhandel abhängig“, sagt Paul Schmid, Sprecher des BUND. „Wir sind grundsätzlich gegen die Elbvertiefung, weil die ökologischen Schäden nicht auszugleichen sind, und weil es einen leistungsfähigen Tiefwasserhafen für große Schiffe in Wilhelmshaven gibt.“