Stadtgeschichte

Hamburgs Helfer sind die Soldaten der Bundeswehr

Freiwillige Helfer
und Soldaten
retten 1962
Sturmflutopfer mit
Hubschraubern

Freiwillige Helfer und Soldaten retten 1962 Sturmflutopfer mit Hubschraubern

Foto: dpa

60 Jahre Bundeswehr in der Stadt – ihr Bild ist noch geprägt von der Hilfe bei der Flut 1962. Heute sind Flüchtlinge das Thema.

Die Hansestadt Hamburg und die Bundeswehr – das war „keine Liebe auf den ersten Blick“, wie der ehemalige Verteidigungsminister und spätere Kanzler Helmut Schmidt mal bemerkte. Mag sein, dass sich der freie Bürgersinn dieser Stadt nicht leicht mit dem Prinzip Befehl und Gehorsam verträgt. Seit genau 60 Jahren gibt es nun die Soldaten der Bundeswehr in der Hansestadt. Ende 1955 sichtete ein fünfköpfiges Vorauskommando des Verteidigungsministeriums an der Sophienterrasse 14 (Harvestehude) die Räum-lichkeiten für eine Annahmestelle für Freiwillige.

Die größte Zahl an Soldaten hatte die Hansestadt 1989, also kurz vor dem Ende des Kalten Krieges. Damals waren es 21.000 Mann in zehn Kasernen. Damit war Hamburg nach Koblenz der zweitgrößte Garnisonsstandort in der Bundesrepublik. Dass sich die Hamburger mit ihren Soldaten ausgesöhnt haben, liegt auch an Helmut Schmidt. Als die Wellen der Sturmflut 1962 Teile der Stadt überspülten und mehr als 1000 Todesopfer befürchtet wurden – 315 waren es am Ende – da zerschnitt der junge Polizeisenator und Hauptmann der Reserve Schmidt das lähmende Kompetenzwirrwarr wie einen gordischen Knoten und schwang sich als „Herr der Fluten“ zum Befehlshaber über die 40.000 Rettungskräfte auf, darunter auch 8000 Soldaten der jungen Bundeswehr.

Mit ihrem selbstlosen Einsatz, der zwei ihrer Kameraden das Leben kostete, erwarb sich die Bundeswehr den Respekt der Hamburger. „Ich liebe sie mit Wehmut, denn sie schläft, meine Schöne ...“, schrieb Schmidt auch unter dem Eindruck der Katastrophe später über seine Heimatstadt. Die nach dem verheerenden Großen Brand von 1842 noch 30 Jahre diskutiert hatte, ob man eine Berufsfeuerwehr brauche. Die Bundeswehr in Hamburg, das ist sicher, schläft nicht.

Auch wenn die Zahl der Soldaten in der Hansestadt aufgrund der veränderten politischen Großwetterlage und diverser Strukturreformen inzwischen auf unter 4400 in 18 Dienststellen gefallen ist. Echte Kasernen gibt es nur noch drei. Militärisch ist Hamburg inzwischen nur noch „kopfgesteuert“ Früher hatte Hamburg Dutzende Kampf- und Unterstützungstruppen, wie die Panzergrenadierbrigade 7 „Hansestadt Hamburg“ in Neugraben-Fischbek, das Panzergrenadierbataillon 173 oder die Panzerbrigade 8 „Lüneburg“ in Rahlstedt.

Da gab es Panzeraufklärer, Panzerjäger, Feldartillerie, Pioniere – alles, was schießt und rennt. Und im Katastrophenfall hatte man sofort Tausende kräftige Helfer zur Hand. Heute ist die Hansestadt in militärischer Hinsicht „kopfgesteuert“, wie der Kommandeur des Landeskommandos Hamburg, Kapitän zur See Michael Setzer, sagt. Sein Rang entspricht einem Oberst bei Heer und Luftwaffe; die Führungsakademie in Blankenese und das Bundeswehrkrankenhaus in Wandsbek werden zwar von Generälen geführt, dennoch ist Setzer Leiter der Kommandozentrale der Bundeswehr in Hamburg und oberster Ansprechpartner für die Landesregierung. Im Katastrophenfall koordiniert das Landeskommando den Einsatz, es bewertet auch die regionale Sicherheitslage. „ Kopfgesteuert“ ist Hamburg militärisch, weil mit der Führungsaka­demie in der Clausewitz- (CK) und der Generalleutnant-von-Baudissin-Kaserne (GBK) hier die höchste Ausbildungsstätte der Streitkräfte angesiedelt ist.

Die international renommierte „kleine Uno“ mit fast 400 Mitarbeitern bildet pro Jahr rund 2000 in- und ausländische Spitzenkräfte für militärische Einsätze und Verwendungen aus. „Kopfgesteuert“ auch, weil im Douaumont- und Hanseaten-Bereich (früher Kasernen) die Helmut-Schmidt-Universität steht, und hier in Wandsbek-Gartenstadt das angesehene Bundeswehrkrankenhaus mit 1200 Mitarbeitern und zwölf Fachabteilungen arbeitet.

Es behandelt militärische wie zivile Patienten: 12.000 pro Jahr stationär in 307 Betten, 28.000 ambulant in der Notaufnahme. Dazu gibt es weniger bekannte Einrichtungen, etwa das Bundeswehrdienstleistungszentrum in der Reichspräsident-Ebert-Kaserne (REK) in Osdorf, das Truppendienstgericht Nord am Albert-Einstein-Ring, den Werftlieferunterstützungszug am Reiherdamm, das Dezernat Marineschifffahrtsleitung ebenfalls in Osdorf oder das Sanitätszentrum in der Baudissin-Kaserne. Kampftruppen, wie man sie sich landläufig vorstellt, mit dem G-36-Sturmgewehr in der Hand und dem Stahlhelm auf dem Kopf, gibt es in Hamburg nicht mehr.

Einem robusten Einsatz am nächsten kommt dem nur noch die 6. Kompanie des Feldjäger­regiments 1 in Osdorf. Doch das sind Militärpolizisten, keine Infanteristen. Kommandeur Setzer, organisatorisch der höchste Soldat der Hansestadt, sitzt mit seinem Stab in der REK in Osdorf. Das Stabsgebäude aus dem Jahre 1904 war einst Teil des „ Landrat-Scheiff“-Krankenhauses mit 100 Betten. 1937 zog hier die Wehrmacht ein; und im Dezember 1957 zunächst das Flugabwehrbataillon 44 der Bundeswehr. 1989/90 fanden hier entwurzelte Aussiedler aus der DDR, der Sowjetunion und Polen eine erste Unterkunft. Auch die Arbeit des ehemaligen U-Boot-Kommandeurs Setzer, Jahrgang 1956, hat vor allem mit Menschen zu tun, die ihre Heimat verlassen haben.

Die Bundeswehr in Hamburg ist „massiv eingebunden in die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen“, sagt er. Das ist zwar nicht ihre vorrangige Aufgabe, de facto ist sie es aber geworden. „Wir haben in Hamburg 28 Unterkünfte zur Erstaufnahme für Flüchtlinge, in 23 davon ist die Bundeswehr unterstützend aktiv geworden. Allein in den vieren, in denen wir ständig präsent sind, betreuen wir bis zu 2000 Menschen.“ Die Bundeswehr betreibt diese Zentren aber nicht selbst – das darf sie laut Grundgesetz gar nicht – aber sie unterstützt sie nach Kräften.

Genug Soldaten hat das Landeskommando dafür nicht. „Manchmal haben wir nur fünf Leute im Einsatz, aber wir hatten auch schon 270. So viele kann das Landeskommando natürlich nicht abstellen, wir fordern die dann in Husum an. Wir haben eigens für solche Zwecke ein Bataillon Pioniere mit 1200 Mann zugeordnet bekommen, die sogenannten helfenden Hände.“ Setzers Stab – um die 50 Leute – führt diese Soldaten und koordiniert alle Bundeswehrmaßnahmen der Flüchtlingshilfe in Hamburg.

Da geht es nicht nur um die üblichen Aufgaben wie die Organisation von 30 Flottenbesuchen ausländischer Marinen pro Jahr: Die Bundeswehr stellt Unterkünfte und Gelände für Flüchtlingsbetreuung zur Ver­fügung, hilft beim Organisieren, stellt beheizbare Zelte auf, betreut die Menschen medizinisch und vieles mehr. Angesichts dieser neuen Herausforderung kommt bei älteren Hamburgern oft die Erinnerung an die militärisch üppige Vergangenheit der Bundeswehr in Hamburg hoch.

Da wird Setzer immer wieder gefragt: „Wieso müsst ihr Leute anfordern? Ihr habt doch Kasernen in Fischbek und Rahlstedt.“ Doch die eine ist abgerissen, die andere gehört ebenfalls der Stadt, da sollen Einfamilienhäuser hin. Auch auf dem Ex-Kasernengelände in Jenfeld sollen Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen entstehen. „Das ist alles nicht mehr Bundeswehr“, sagt Setzer. „Wir haben zwar noch relativ viele Soldaten in Hamburg, verglichen mit anderen Standorten – um die 4400 plus 1400 Zivilisten.

Aber die sind eben alle „ kopfgesteuert“ – Lehrkräfte, Studenten, Ärzte, die kann ich für solche Aufgaben nicht einsetzen.“ Wenn wieder eine massive Sturmflut käme, „dann müsste ich Leute anfordern, anders als 1962, als wir hier noch 17.000 Mann hatten. Wir holen sie jetzt aus Husum, Munster oder Hagenow.“ Als Standortältester kann Setzer in Hamburg militärische Liegenschaften für die Flüchtlingsbetreuung zur Ver­fügung stellen, was er kräftig tut.

So ist in der Baudissin-Kaserne, die zur Führungsakademie gehört, die Turnhalle abgegeben worden. Darin sind 350 Menschen untergebracht. In der Friedrich-Ebert-Kaserne, wo er selber sitzt, ist ein ganzes Unterkunftsgebäude der Bundeswehrfachschule zur Verfügung gestellt und per Zaun von der Kaserne getrennt worden, um den Sicherheitsvorgaben zu entsprechen. „Seit Mitte August arbeiten wir in der Flüchtlingsbetreuung rund um die Uhr“ sagt Setzer, „und betreiben unser Lagezentrum direkt hier in der Kaserne.“ Da fügt es sich gut, dass er zuständig ist für die Reservistenarbeit. „Ich habe eine ganze Kompanie nur aus Reservisten, die zur Unterstützung Hamburgs aufgestellt ist.

Es haben sich übrigens viele Reservisten in Hamburg freiwillig gemeldet. Hier im Haus haben wir bis zu 15 Reservisten aktiviert; nur so ist es uns möglich, rund um die Uhr zu gehen. Heute zum Beispiel führt gerade ein Reservist unser Lagezentrum“, sagt er Die Führungsakademie bietet Deutschunterricht und Familienbetreuung an. Auf zwei weiteren Geländeteilen werden neue Flüchtlingsunterkünfte gebaut. Am Reiherdamm auf der anderen Hafenseite ist eine Sporthalle für Marineschiffsbesatzungen für Flüchtlinge eingerichtet worden. „Wir sind in einer Notfallsituation in Hamburg“, sagt Marinestabsoffizier Setzer. Und gibt zu bedenken: „Lieber ein beheizbares Bundeswehrzelt komplett mit Holzboden als ein nicht beheizbares ziviles oder gar kein Zelt.

Die Menschen wohnen darin nicht ungern, die richten sich ganz gut ein.“ Ein tätowierter Fallschirmjäger, der zum Erzieher für Kitakinder ausgebildet wird Das Bundeswehrkrankenhaus betreibt zwei Medizincontainer und stellt Medizinpersonal bereit. „Mein Stab spielt ab und zu Fußball gegen eine Flüchtlingsmannschaft, und dann mischen wir die Mannschaften auch mal. Und wir haben hier in Iserbrook, Blankenese und Osdorf viele Nachbarschaftsinitiativen, die helfen wollen, das gilt es zu koordinieren. Wir sind ja alle Staatsbürger, und wir wollen, dass es hier in Hamburg vorwärts geht.“ Zum Landeskommando in der Ebert-Kaserne gehört auch die Bundeswehrfachschule.

Sie bildet zum Beispiel sehr begehrte Erzieher für Kitas aus. „Das sind Soldaten, die keinen Zivilberuf haben“, erläutert Setzer, „die direkt nach der Schule in die Bundeswehr eingetreten sind oder vielleicht kurz vor dem Abitur abgebrochen haben. Die haben eine militärische Ausbildung, die ihnen im Zivilleben nicht ganz so viel nutzt. Da ist dann schon mal ein üppig tätowierter Fallschirmjäger dabei, der sitzt im Unterricht und spielt mit Kasperlepuppen.

Er geht dann an eine Kita als Erzieher.“ Die Bundeswehrfachschule hat gut 500 Lehrgangsteilnehmer in 24 Klassen, bietet Fachabitur, mittlere Reife und Abitur an. 56 zivile Lehrer arbeiten dort, der Leiter ist ein ehemaliger Oberstudiendirektor. Und auch das ist das veränderte Gesicht der Bundeswehr: Zum Landeskommando gehört die Sportfördergruppe mit 80 Soldaten, Ruderer des Deutschlands-Achters, die Damen-Beachvolleyballmannschaft, Hockeyspieler, Segler. Goldmedaillengewinner bei Olympischen Sommerspielen sind darunter und um die 30 Weltmeister. „Das Verhältnis unserer Stadt zur Bundeswehr ist super“, sagt Kapitän zur See Michael Setzer. „Mein Kommandowechsel fand im ehrwürdigen Rathaus statt, der Innensenator hat eine Rede gehalten, wie kann eine Stadt ein besseres Zeichen setzen, dass ihr an der Bundeswehr viel gelegen ist?“