Hamburg

Die illustre Gästeliste der Ritze

Hamburgs bekannteste Kiezkneipe – eine Fundgrube für unglaubliche Geschichten. Abendblatt-Chefreporter Jens Meyer-Odewald hat sie aufgeschrieben. Teil 5 der Serie

Ja, mitunter, ja, mitunter muss die Ratte wieder in den Gully runter!“ Dieser nicht unbedingt romantische Text des Rock-’n’-Rollers Udo Lindenberg hat seine Wurzeln in der Ritze. Zeitweise war die Kiezkaschemme so etwas wie das zweite Wohnzimmer des Musikers, vielleicht sogar sein erstes. Reichlich Flüssiges gehörte in wilden Jahren dazu, wenn der Panikrocker bei seinem Freund Hanne Klein Einzug hielt. Eines seiner berühmten Gemälde der Marke „Likörello“ hängt nach wie vor vis-à-vis der Theke; und auch Fotos an den anderen Wänden dokumentieren Lindenbergs intensive Bindung zur Ritze. Der Song „Ich schwöre“ ist eine sehr persönliche Hommage an die Kneipe und ihren Wirt – „Dr. Jekill“ ebenfalls.

Damit reiht sich Udo ein in die Riege namhafter Zeitgenossen, die das besondere Flair der Spelunke zu schätzen wussten und wissen. Die Fotowelt im hinteren Ritze-Bereich legt Zeugnis ab von fidelen Nächten, von Orgien mit Schampus, Dimple und „Nutten-Diesel“, von hochprozentigen Gesprächen oder auch diskreten Runden hinter den Kulissen.

Eigentlich waren alle da, die man in Hamburg und außerhalb kennt: Jürgen Roland, Ulrich Tukur, Heinz Hoenig, Dieter Hallervorden, Helge Schneider und Franz Beckenbauer, ebenso Kiez­originale wie „Dakota-Uwe“, der Pate Wilfrid „Frieda“ Schulz, „Brillanten-Paul“ oder der „Hundertjährige“ Harry. Die Fotos an den Wänden verleihen der Kaschemme den Charakter eines Museums. Andere namhafte Sinnesfreunde kehrten regelmäßig in die hinteren Regionen des Etablissements ein, blieben aber – aus gutem oder schlechtem Grund – lieber inkognito. Von diesen Herrschaften gibt es keine Fotos, indes märchenhafte Erzählungen.

Auch Fernsehfrau Bettina Tietjen, Schlachtross Carlo von Tiedemann mit Lebensgefährtin Julia, Norbert Grupe, der „Prinz von Homburg“, und Uwe Seeler ließen sich gerne in der Ritze oder im Boxkeller blicken. Keine Frage, dass die Crew des „Großstadtreviers“ von jeher zu den Stammgästen gehört – allen voran Schauspieler Jan Fedder.

Letzterer feierte seinen 50. Geburtstag in der Kneipe. Um die 170 Gäste im Januar 2005 unterbringen zu können, wurde auf dem Parkplatz am Heck der Ritze ein Zelt aufgebaut. Ein roter Teppich vor der Eingangstür mit den berühmten Frauenbeinen wies den Weg ins Innere. Fedders Frau Marion und Mutter Gisela waren Augenzeugen, als es im Boxring einen Showkampf gab. Später wurde der Kampfplatz zur Tanzfläche umgewidmet. Das Eröffnungstänzchen legten Udo Lindenberg und Dragqueen Olivia Jones fulminant auf s Parkett.

Auch der Schauspieler Ben Becker gehört zu den Stammgästen – seit mehr als zwei Jahrzehnten. Sein Gastspiel für das Stück „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams im St. Pauli Theater auf der anderen Reeperbahnseite nutzte er nicht zum Zechen, sondern zur körperlichen Ertüchtigung. Im Sommer 2007 trainierte er wochenlang im Keller zwei Stunden täglich auf dem Trimmrad, an Seilen und am Punchingball. Sein Freund und Lehrmeister Hanne Kleine führte vor, wie Becker an der Boxbirne trefflich Dampf ablassen konnte.

Auch für den 1999 verstorbenen Schauspieler Horst Frank war die Ritze so etwas wie ein zweites Heim. Der gebürtige Lübecker, der sich als Film­bösewicht und melancholischer Schurke Weltruf erwarb, war von der schillernden Aura des Kiezes gefangen. Mit Vorliebe spielte er vor der Kamera Charakterrollen im Milieu. Mit Hanne Kleine verband ihn eine tief gehende Freundschaft, die weit über das Saufen im Hinterraum der Kneipe hinausging. Horst Franks Stammplatz war der Ecktisch hinter der Theke, hinten links. Bestellung für gewöhnlich: „Bitte ein Bier und einen Korn.“ Und so weiter, viel weiter. Mit dem Ergebnis, dass Kumpels der beiden einmütig befanden: „Hotte und Hanne haben so viel getrunken, dass ein U-Boot darin schwimmen könnte.“

Leider ging das nicht lange gut. Als Horst Franks Asche 1999 über einem anonymen Grab verstreut wurde, war Hanne Kleine als einziges Nichtfamilienmitglied dabei. Ein Foto in der Ritze erinnert heute noch an einen Schauspieler mit eigener, unverwechselbarer Note, an einen Star mit Charisma. Die Widmung darauf: „Meinem lieben Hanne“.

Der Showmaster Rudi Carrell kam zwar nicht selbst, lud Hanne Kleine jedoch in seine Sendung „Lass dich überraschen“ ein. In der Adventszeit 1992 rührte der Niederländer seine Zuschauer zu Tränen, als er alte Kämpfer der deutschen Amateur-Nationalequipe von 1954 im Studio versammelte, unter ihnen Hanne Kleine. Max Schautzer kam ebenso an die Reeperbahn 140 wie Heiner Lauterbach, Otto Waalkes, Ottfried Fischer, Wolf Wondratschek, Elke Sommer oder Roger Willemsen. Anlässlich eines Aufstiegs der St.-Pauli-Kicker vom benachbarten Millerntor in die Erste Liga kreierte Hanne medienwirksam einen hochprozentigen, angeblich niederschmetternden Cocktail, bei dem nomen gleich omen war: „Sado-Maslo“ – in Anspielung auf den damaligen Trainer Uli Maslo.

Und wenn den Herren im hinteren Bereich der Magen knurrte und Verlangen nach einer deftigen Grundlage bestand, riefen sie nach einer weiteren Kiezlegende. Das Unikum „Pico“, das auch in einem 45-minütigen NDR-Film über die Ritze ausführlich zur Geltung kam, schleppte sodann auf einem Tablett die gewünschten warmen Speisen heran. Ritzenkellner Pico hatte seinen Job selbst erfunden: Er brachte Zuhälter und Prostituierten Essen in die Bordelle. Dort ging’s fraglos heiß her, gekocht wurde jedoch nur in Ausnahmefällen – abgekocht schon eher.

Der Panikrocker textete zum Beispiel „Nasses Gold“ im Schatten der Theke

Als Hanne seinen 75. Geburtstag zelebrierte, ging es nicht weniger lustvoll zur Sache. Zwar wurde der alte Raufer von gesundheitlichen Zipperlein geplagt, an einer gigantischen Sause hinderte ihn das keineswegs. Dariusz Michalczewski, Udo Lindenberg, Ben Becker und andere Weggefährten applaudierten einer Persönlichkeit, die dem Leben zugetan war. Das Motto an diesem Abend war simpel, aber wirkungsvoll: viel Gin, reichlich Eiswürfel, wenig Tonic. Und als Jan Fedder zu später Stunde „einmal wie immer“ oder so ähnlich anstimmte, blieb selbst bei hartgesottenen, abgezockten Jungs kaum ein Auge trocken.

Trocken ist Udo Lindenberg längst, in feuchtfröhlichen Tagen hielt er sich sehr lange und sehr oft im Lokal seines Freundes Hanne auf. Ihm zu Ehren textete er im Trinkschatten der Theke bekannte Stücke wie „Nasses Gold“, in dem es poetisch-deftig heißt: „So stieg er runter in die Katakomben und riskierte voll das Leben.“ Und weiter: „Knietief im Whisky, bis zum Nabel im Wodka.“

Für Udo war es eine Frage der Ehre, seinen langjährigen Freund im Krankenhaus besucht und zu schlechter Letzt auch am Grab gestanden zu haben. In seiner Erinnerung, so Lindenberg, lebe Hanne ohnehin weiter: „In der Ritze sind Panik und Texte gewachsen.“ Und nicht nur das.

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