Hamburg

Berufskiller, Bandenkriege, Blutbäder

Hamburgs bekannteste Kiez-Kneipe – eine Fundgrube für unglaubliche Geschichten. Abendblatt-Chefreporter Jens Meyer-Odewald hat sie aufgeschrieben. Teil 2 der Serie

Der 28. September 1981, ein überwiegend heiterer Herbstmontag, weist keine besonderen Notizen im Polizeibericht auf. Die Hamburger diskutieren immer noch über das verheerende Dom-Unglück im Monat zuvor und über den 7:0-Kantersieg des Deut-schen Vizemeisters HSV gegen Duis-burg. Doch kurz nach 20 Uhr ist es vorbei mit dem beschaulichen Großstadtleben: Peterwagen mit Sirenen und Blaulicht rasen durch St. Pauli, ein Teil der Reeperbahn wird gesperrt. Einer der finstersten Auftragsmorde der Kriminalgeschichte verbreitet Schrecken. Der Killer ist auf der Flucht.

Den Fahndern offenbart sich ein Bild des Grauens: Im Kultlokal Zur Ritze, direkt neben der Theke mit den gepolsterten Barhockern aus Kunstleder, liegt eine Leiche: Jeans, Cowboystiefel, beide Arme weit von sich gestreckt. Bei dem Toten handelt es sich um Fritz Schroer, einen milieubekannten Zuhälter, der in der Szene ob seiner schmalen Augenschlitze als „Chinesen-Fritz“ keinen guten Namen hatte.

Schroer saß an der Theke und plauderte gerade mit einem Rotlichtrivalen, als ein angeblich südländisch aus­sehender, dunkel gekleideter Mann die Ritze betrat. „Una Birra“ („Ein Bier“), soll er auf Italienisch gemurmelt haben. Zum Austrinken fehlte ihm die Zeit: Denn ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zückte er einen Trommel­revolver, Kaliber 38 special, und streckte „Chinesen-Fritz“ mit drei Schüssen nieder. Zwei Neun-Millimeter-Patronen steckten in seiner Brust. Polizei und Notarzt konnten nur noch den Tod feststellen. Der Täter flüchtete durch die Hintertür und warf seine Pistole in die Parkplatzecke.

Es ist nicht der einzige Mordfall in diesen Monaten, der den Kiez erbeben lässt. Es erwischt auch Kneipenbesit-zer Dieter Mohr, der zu Hause er-schossen wird. Die Leiche des Kiezia-ners Helmut Ohlerich wird in den Trümmern seiner Autowerkstatt ent-deckt. Auch ein Ganove namens „Teeny-Klaus“ fällt Schüssen zum Opfer. Kneipier Dieter Glocke wird auf der Reeperbahn über den Haufen gefahren. Und Heinz Dieter Förster, ein berüchtigter Geldverleiher, liegt tot im Kofferraum seines Audi 80.

Im Jahr darauf gibt es weitere Bluttaten. Anfang Oktober 1982 werden die Luden Jürgen „Angie“ Becker und Klaus Breitenreicher alias „SS-Klaus“ im Bordell Bel Ami getötet. Thomas Born („Karate-Thommy“) hat Glück und kommt mit einem Streifschuss davon. Er stirbt im Mai 2015 an einem Herzinfarkt.

Sechs Tage später wird die Leiche eines weiteren schillernden Kiez-Strategen gefunden: Michael Luchting, einstmals „Schöner Mischa“ genannt, hängt in einem Wäldchen bei Thies­hope vor den Toren Hamburgs an einem Autoabschleppseil. An einem Hochsitz findet sein Leben ein grausames Ende. Zwar schließt die Polizei die Akten mit dem Vermerk „Selbstmord“, doch halten sich Gerüchte, dass andere ihre Hände im Spiel hatten.

Neulinge im Rotlicht – aus Blickwinkel der Platzhirsche Eindringlinge im Revier –, aus Albanien, der Türkei, Nordafrika und Russland, so wird be-hauptet, hätten die Sitten im Umfeld der Großen Freiheit verrohen lassen und versaut. Jedenfalls hat die Blut­serie eine friedliche Koexistenz rivalisierender Gangs beendet. Es gab ausreichend zu verdienen, und die Claims waren zuvor klar abgesteckt. Letztlich sorgen nicht nur aufkommende Angst vor Aids, eine Wirtschaftskrise in ganz Europa und immer härtere Drogen auf St. Pauli mit skrupellosen Dealern für einbrechende Gewinne, wie sorgenvolle Granden damals einmütig befanden, als sie sich bei Hanne Kleine in der Ritze zum Krisengipfel trafen. Die fetten Jahre sind vorbei.

Sie hatten zuvor Karrieren wie im Märchenland ermöglicht. Eine der markantesten Aufstiege legte Wilfrid Schulz hin, der wegen seiner Eitelkeit in Anspielung auf eine Blumenfrau „Frieda“ genannt wurde. Wer diesen Spitznamen aber in seiner Anwesenheit in den Mund nahm, wurde mit der Faust niedergestreckt. Der Boxer Schulz hatte in jungen Jahren als Bananenpacker im Hamburger Hafen, als Kellner und Rausschmeißer malocht. Mithilfe einer klar strukturierten Bande und seiner rechten Hand „Dako-ta-Uwe“ Carstens schaffte er es auf den Kiez-Thron. Der Mann mit dem präg-nanten Kinn, Markenzeichen gestreif-ter Anzug, Krokoschuhe und fette Zi-garre, galt als Pate von St. Pauli. „Frieda“ hatte das Heft fest in der Hand, alles sollte nach seiner Pfeife tanzen. Wer das nicht tat, erhielt Besuch von seinen Jungs.

Unterschiedliche Gangs kontrollierten die rechte und die linke Reeperbahnseite

Am 1. September 1992 starb er mit 63 Jahren an Krebs. Zur Beerdigung setzten sich frühere Weggefährten noch einmal richtig in Szene. Fotos von der Zeremonie wirken im Nachhinein wie Ausschnitte aus einem schlechten Film: schräge Anzüge, breite Krawat-ten, Rosen im Revers, Föhnfrisuren und supercoole Mienen. Zum Halali spielte ein Trompeter am Mahagoni-Sarg auf: „I Did It My Way“ von Frank Sinatra. Selbst die ganz harten Kerle zeigten sich zu Tränen gerührt.

Das Gefüge auf St. Pauli war zerbrochen. Die Macht konzentrierte sich nun auf zwei große Gangs: Gmbh und Nutella. Als dritte Größe mischten sich Einzelkämpfer aus dem Bereich des früheren Eiscafés Chicago am Hans-Albers-Platz ein. Von dort kontrollierten die „ehrenwerten Herren“ die linke Seite der Reeperbahn, vom Millerntor aus gesehen.

Das Chicago gehörte Reinhard „Ringo“ Klemm, einem berüchtigten Zuhälter. Später floh er nach Costa Rica. Dort sorgte er mit Orgien, quasi zwischen Orchideen und Bananenplantagen, für Aufsehen. Nicht nur einmal waren die Ritze-Macher Hanne Kleine und „Stummi“ mittenmang. Ebenfalls im Umfeld des Chicago aktiv waren der „Wiener Peter“ Josef Nusser, Kalle Schwensen sowie Werner „Mucki“ Pinzner, der 1986 als „Killer von St. Pauli“ in die Schlagzeilen geriet, diese allerdings selbst nicht mehr lesen konnte. Sowohl Nusser als auch Pinzner sollen in den oben skizzierten Mord am „Chinesen-Fritz“ verwickelt gewesen sein.

Die Männer der Gmbh steuerten neben Mischas Rolls-Royce auch Ferraris und Lamborghinis durch die Silbersackstraße und andere Gassen ihres Hoheitsgebietes. Sie protzten mit schwerem Goldschmuck und Rolex-Uhren, mit Machogehabe und hübschen Frauen. Die Welt gehörte ihnen, dachten sie zumindest.

Genau 20 Jahre später endete das Leben eines der größten und gefähr-lichsten Paradiesvögel der Reeperbahn schrecklich. Am 18. Dezember 2006 be-reitete der Boxer Stefan Hentschel seinem Leben ein abruptes Ende.

Einen Großteil seiner 58 Jahre hatte Hentschel auf großem Fuß gelebt – bis aus seiner Sicht nichts mehr ging. Aufstieg und Fall verliefen im Sause-schritt. Kopfgeldjäger und Attentate hatte Stefan Hentschel überlebt, nicht jedoch seinen Lebensfrust und die scheinbare Ausweglosigkeit aus einem tristen Alltag. Im Boxkeller der Ritze nahm Stefan Hentschel einen Sandsack von der Deckenbefestigung. Von einem Sprossengerät an der Wand, ein Springseil um den Hals, sprang er ins Nichts – ganz weit weg. Von der Putzfrau alarmiert, fand Wirt Hanne Kleine seinen ehemaligen Zechkumpanen leblos vor.

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