Abendblatt-Serie

Der ungewöhnliche und aufregende Weg von Julia Jäkel

Eine der wenigen
Frauen an der
Spitze eines Großunternehmens:
Verlagschefin Julia
Jäkel in ihrem
Hamburger Büro
am Baumwall

Eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Großunternehmens: Verlagschefin Julia Jäkel in ihrem Hamburger Büro am Baumwall

Foto: picture alliance / dpa

Teil 21: Den Mauerfall erlebte sie als Schülerin. Heute ist sie Vorstandsvorsitzende des Verlags Gruner + Jahr.

Wollte man der Atmosphäre der „guten alten Bundesrepublik“ noch einmal nachspüren, gäbe es wohl nichts Treffenderes, als sich zurück ins Jahr 1989 zu beamen, in einen Vorort von Wiesbaden. Bürgerlich, behütet lebte man in diesem Teil der Bonner Republik. Die größte Sorge galt dem Zustand des Waldes. Im Kino waren Filme monatelang im Programm, Musik schnitt man aus dem Radio auf Kassette mit, und im Fernsehen liefen ständig Tennis­matches von Boris Becker oder Steffi Graf.

In dieser Zeit ist Julia Jäkel als Tochter zweier Ärzte in Wiesbaden aufgewachsen. Als die Mauer fiel, war Jäkel in der elften Klasse. Berlin war weit weg: „Aber für die DDR habe ich mich damals extrem interessiert. Wir hatten eine intensive Beziehung zum Osten, weil meine Mutter dort herkommt, aus Kamenz, einem Örtchen bei Dresden.“ Und weiter: „Im Sommer 1961, als die Mauer gebaut wurde, machte sie – unerlaubterweise – Urlaub in der Nähe von Mainz. Sie ist nicht zurück in die DDR gefahren. Ihre Eltern, meine Großeltern, konnte sie erst wiedersehen, als diese das Rentenalter erreicht hatten und in den Westen fahren durften. Ich bin damit groß geworden, dass wir zu Weihnachten Päckchen in den Osten geschickt haben.“

Was sie einmal werden wollte, wusste Julia Jäkel lange nicht genau. Musste sie auch nicht, bei einem Abi-Schnitt mit 1,1. Nur eines war klar: „Allein schon aus Prinzip wollte ich nicht dasselbe machen wie meine Eltern, also Medizin studieren.“ Den diplomatischen Dienst hatte sie im Auge oder irgendetwas, wozu man in die große weite Welt hinausmuss.

Ein bisschen ist es dann ja auch so gekommen. Besucht man die Vorstandsvorsitzende des größten europäischen Zeitschriftenverlags, Gruner + Jahr, heute in ihrem lang gestreckten Büro am Baumwall, dann schaut man von ihrem Zimmer aus auf die Elbe, dorthin, wo die Schiffe in die große weite Welt fahren. Abgesehen davon arbeitet Jäkel natürlich an oberster Stelle für ein Unternehmen, das weltweit operiert. Reisen gehört da zum Berufsalltag. Seit 2013 leitet sie den Verlag, der zum Medienkonzern Bertelsmann gehört und in mehr als 20 Ländern der Welt Leser und digitale Nutzer seiner Produkte erreicht. 8000 Mitarbeiter hat Gruner + Jahr. In diesem Jahr wurde der Verlag 50 Jahre alt, und Jäkel weiß: „Mit 50 geht noch was.“

Sie wirkt energiegeladen und voller Optimismus. Wahrscheinlich müssen diese Eigenschaften zur Grundausstattung einer Managerin gehören, die in einer Branche arbeitet, in der es seit Jahren kriselt. Zeitungen, Zeitschriften und Printprodukte verkaufen sich schwerer als in der goldenen Zeit der 80er-Jahre. Julia Jäkel hat den Vorstandsvorsitz in einer Zeit übernommen, als Anzeigenkunden und Leser weg­brachen. Als man völlig neue Konzepte fürs Überleben des Qualitätsjournalismus entwickeln musste. Julia Jäkel fiel mit dem Vorstandsvorsitz die Aufgabe zu, das Unternehmen neu auszurichten, Redaktionen zu schließen und neue Produkte für den Markt zu entwickeln, den Verlag in die digitale Zukunft zu führen. Jede einzelne davon eine Mammutaufgabe. „Das ist schwierig“, sagt sie, „in erster Linie aber für diejenigen, die es betrifft. Unsere Branche muss sich mit Effizienzthemen auseinandersetzen. Das ist auch eine Riesenchance für unseren Verlag. Wir sind sehr kreativ im Magazingeschäft, entwickeln viele neue Produkte, pflegen unser klassisches Geschäft.“ Die Bedrohungslage im Magazingeschäft sei lange nicht so hoch wie im von klassischen Nachrichten getriebenen Bereich.

Sie wollte testen, ob ungewöhnliche Lebenswege auch hier möglich sind

Julia Jäkel hat Ehrgeiz, ohne verkrampft zu sein, und Energie, die ansteckt. Das war wohl immer so. Zum Studium ging sie nach Heidelberg, geleitet von dem Gedanken, „ich studiere nur das, was mir Spaß macht.“ Also Geschichte, Politik und „damit es nicht so brotlos erschien“ Volkswirtschafts­lehre im Nebenfach. „Zukunftsangst hatte ich nie“, sagt sie. „Das war vielleicht naiv, aber ich dachte immer, das, was du machst, wirst du schon gut machen.“ So war’s dann offenbar auch. Von Heidelberg aus ging sie ein Jahr an die US-Elite-Universität Harvard, ihren Abschluss machte sie an der englischen Elite-Uni Cambridge. Natürlich mit guten Noten.

Doch sie wusste immer noch nicht, was sie werden will. Eine Karriere an der Universität, irgendwas mit Büchern, Verlagen? „Ich wollte etwas Internationales machen. In Harvard und Cambridge habe ich gesehen, wie Menschen, die Theologie, Musik oder Politik studiert hatten, plötzlich ins Investment-Banking gingen. Solche ungewöhnlichen Lebenswege fand ich aufregend. Ich wollte testen, ob so etwas in Deutschland auch geht, ein geisteswissenschaftliches Fach zu studieren und in einem ganz anderen Berufsfeld zu arbeiten und es anzuwenden.“ Das angloamerikanische Konzept, in einem Fach analytische Fähigkeiten zu erlernen, Informationen aufzubereiten und sie in anderen Gebieten anzuwenden, gefiel ihr. „Lerne zu lernen, das ist eigentlich das Wichtigste“, sagt sie, „und es gilt auf jedem Gebiet.“ Ehrgeiz und rhetorische Fähigkeiten zu entwickeln, gehört an den angloamerikanischen Universitäten zur Ausbildung. „Anfangs war ich völlig verängstigt dadurch“, sagt sie, „habe aber bald gemerkt, dass hier auch nur mit Wasser gekocht wird. Wenn man dann erste Erfolge vorweisen kann, ist man stolz. Es stärkt das Selbstbewusstsein. Und prägt einen fürs Leben.“

Nach ihrem Studienabschluss in England hat Jäkel sich „ein bisschen Zeit gegeben“, um zu überlegen, „was ich jetzt machen will“. Erstaunlich, was Julia Jäkel dann sagt: „Ich hatte nie ein Berufsziel.“ Sie wusste, wie sie arbeiten wollte, „in einem motivierten Team“, welche Themen sie interessieren „Politik, Gesellschaft, unternehmerisches Denken, Innovationen“. Schließlich fand sie, all dies käme am besten zusammen, als sie sich 1997 für ein Nachwuchsprogramm bei Bertelsmann bewarb. „Ich war schon damals die einzige Frau“, bemerkt sie. Sie landete im Führungskräfteprogramm, ist fünf Jahre zwischen Journalismus und Verlagsaufgaben hin- und hergeschwankt. Sehr viel über den Osten gelernt habe sie in ihrer Zeit bei der „Berliner Zeitung“, sagt sie. Zehn Jahre nach dem Mauerfall als gut gekleidete, westdeutsche Blondine in Berlin-Kreuzberg, am Kottbusser Tor zu wohnen, war eine ganz neue, aber „spannende, aufregende Erfahrung“. Nun eckt man in großen Teilen Berlins noch heute an, wenn man etwa in der U-Bahn einen weißen Blazer trägt. Damals muss es sich an­gefühlt haben wie bei einer Mond­landung. Aber Julia Jäkel – das darf man als Berlinerin sagen – ist „’n typischer Fall von denkste“. Sie mag nach schnieker Akademikerin aussehen. In Wahrheit aber ist sie handfest, lacht gern, ist leidenschaftliche Fußball­anhängerin, isst auch Fast Food und mag’s kumpelhaft.

Die Karriere ging schnell voran: Sie war geschäftsführende Redakteurin bei der „Financial Times“ und auch fürs Management verantwortlich. „Ich glaube bis heute, dass ich ganz gut schreiben kann“, sagt sie. Über zwei weitere, für Journalisten bedeutende Eigenschaften verfügt sie ebenfalls: „Ich habe eine Leidenschaft für Sprache und bin neugierig.“ Aber auch die Frage, ob sie gut rechnen kann – keine unwichtige Fähigkeit, wenn man im Management arbeitet – beantwortet sie mit Ja.

1998 kam sie zum ersten Mal nach Hamburg, wurde geschäftsführende Redakteurin bei „Gala“ und konnte sich immer noch nicht entscheiden, ob sie nun journalistisch oder im Management arbeiten wollte.

1999 gehörte sie zum Gründungsteam der „Financial Times Deutschland“. „Es hat lange gedauert, bevor ich das Gefühl hatte, nun kann ich wirklich mal Nutzen stiften“, sagt sie. „Das passierte erst, als ich ein eigenes Team aus Redakteuren und Verlagsleuten bekam und wir ein britisches Magazin auf den deutschen Markt bringen konnten, ‚How to spend it‘.“ Es war die erste von vielen noch folgenden Magazingründungen unter Jäkels Regie.

2004 wurde sie Verlagschefin der „Brigitte“. Als sie 2008 im Verlag den Bereich „Exclusive & Living“ übernahm, hat sie dort Teams gebildet, Synergien geschaffen. Etwas, das sie bis heute praktiziert.

Diese Arbeitsweise ist auf dem Chefposten ebenso ungewöhnlich und selten wie ein weiblicher Vorstand in einem Großunternehmen. 5,5 Prozent weibliche Vorstände gibt es in Deutschland. Erschütternd wenige Frauen leiten Unternehmen in unserem Land. Möglich, dass der Weg dahin deshalb eher ungewöhnlich als stromlinien­förmig verlaufen sollte. Wer sich ausprobiert und etwas wagt, zeigt damit ja auch Mut, Selbstvertrauen und Kreativität, also Eigenschaften, die eigentlich wichtiger sind als gute Noten. Aber die hatte Julia Jäkel außerdem. Noch nie habe sie sich gefragt, wie es von hier aus weitergeht.

„Ich arbeite im Hier und Jetzt. Und ich glaube, das ist auch gut so.“ Als eine der nachhaltigsten Erfahrungen, die sie auf dem Chefsessel gemacht habe, bezeichnet sie, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen, dieser Mischung aus Erfahrung, Wissen und Intuition. „Gerade an der Spitze eines Unternehmens muss man sich mehr denn je auf das Gefühl abseits vom klassischen Wissen verlassen. Das haben mich die letzten Jahre gelehrt.“

Wie entspannt sie sich? „Beim Quatschmachen mit den Kindern“

„Sie haben mir gar keine Frage zum Thema Frauen gestellt, wie kommt das?“, fragt Julia Jäkel am Ende un­seres Gesprächs und schaut dabei neugierig verschmitzt. Ach Gott, ja, eine Frau, jung, gut aussehend, blond, fröhlich, Mutter von dreijährigen Zwillingen, was gibt es da nicht alles für Vorurteile. Kann die das? Schafft sie das? Als hätte man nicht schon zahllose Alphamänner gesehen, die ihren Job nicht besonders gut machen. Aber sie haben ihre Jobs, weil sie Männer sind. Als Frau muss man sehr viel beweisen, wenn man eine wichtige Aufgabe übernimmt. Immerhin antwortet Jäkel auf die Frage, wobei sie sich entspannt: „Beim Quatschmachen mit den Kindern. Früher hätte ich gesagt, wenn ich ,Mad Men‘ oder ,House of Cards‘ gucke.“ Und der Sport, bedauert sie, kommt leider auch zu kurz.

Und ein bisschen Schulterklopfen, wie es Manager überall praktizieren, darf dann auch sein. „Ich kenne keinen Verlag, der so breit aufgestellt ist wie unserer“, sagt sie. „Wir haben eine riesige Bandbreite auf intelligentem Niveau, haben politische und Wirtschaftskompetenz, bunte Blätter wie ,Gala‘ und ,Couch‘, wir haben im Wohn- und im Foodbereich die Nase vorn, bei Familien- und Erziehungszeitschriften. Ich wusste, dass es schwer werden würde, diesen Verlag in die Zukunft zu führen, aber es war für mich das größte Glück, das mir widerfahren konnte. Ich gehe jeden Tag gerne ins Büro. Auch, weil ich hier so ein tolles Team habe, das mit mir gemeinsam arbeitet.“