Abendblatt-Serie

Das Lebensthema von Kirsten Fehrs lautet Grenzen überwinden

Hier werden
Erinnerungen an
die frühere innerdeutsche
Grenze
wach: Bischöfin
Kirsten Fehrs im
Grenzmuseum
Lübeck Schlutup

Hier werden Erinnerungen an die frühere innerdeutsche Grenze wach: Bischöfin Kirsten Fehrs im Grenzmuseum Lübeck Schlutup

Foto: Michael Rauhe / HA

Teil 20: Wie Bischöfin Kirsten Fehrs am Tag der Deutschen Einheit mit Studienkollegen und Freunden ihren Abschluss als Pastorin feierte.

Deutschland feierte im Oktober vor 25 Jahren die Einheit. Und auch Kirsten Fehrs, inzwischen Hamburger und Lübecker Bischöfin, feierte mit. Doch es gab auch noch einen anderen Grund für die große Party: In ihrem Heimatort Wesselburen (Dithmarschen) erwartete die junge Theologin an jenem Tag Freunde und Studien­kollegen zu einem privaten Fest. Es galt, den Abschluss ihrer Berufsaus­bildung als Pastorin zu feiern – das bestandene Zweite Examen. „Es war ein langer Abend, witzig und schön“, erinnert sie sich an den 3. Oktober.

Ein Vierteljahrhundert später leitet Kirsten Fehrs, 1961 in Dithmarschen geboren, den Sprengel Hamburg und Lübeck mit gut einer Million evangelischer Christen. Sie gehört zum bischöflichen Leitungsteam der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, die Ost und West genauso umfasst. Die flächenmäßig größte evangelische Landeskirche, Pfingsten 2012 gegründet, reicht von Helgoland bis nach Usedom, von der Westküste bis nach Pommern.

Kirsten Fehrs, 54, steht sonnen­gebräunt vor einem mannshohen Apfelbaum. Sie hat ihn hier, an der Grenzdokumentationsstätte in Lübeck-Schlutup, vor zwei Jahren zum Reformationstag gepflanzt. Auf dem Schild das Martin Luther zugeschriebene Zitat: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Es ist eine Botschaft, die Mut machen soll. Gerade an einem Erinnerungsort für die Zeit der deutschen Teilung, in der damals nur wenige Menschen Hoffnung auf Einheit hatten. „Halt! Hier Grenze!“, warnten einst die Schlagbäume, die heute zum Glück nur noch Ausstellungsstücke sind.

Schon als Mädchen hört sie Geschichten von Flucht und Vertreibung

In diesem Grenzhaus, in dem sich bis zum Fall der Mauer der westdeutsche Zoll befand, gehen die Gedanken der Bischöfin in die eigene Vergangenheit zurück. Der Gesprächsort ist mit Bedacht gewählt: Denn ein Lebens­thema begleitet die Seelsorgerin und Pastorin bis heute: Begegnungen mit Menschen an der Grenze und in Grenzsituationen.

Sie wird einen Monat nach dem Mauerbau geboren. Auch ihre Biografie ist 28 Jahre lang geprägt von Grenzen, die festgemauert scheinen für die Ewigkeit. Doch dann eröffnen genau diese Grenzen neue Horizonte. „Was niemand glaubte: Die Mauer fiel! Als ich in den 90ern den Leipziger Pfarrer Christian Führer von der Nikolaikirche getroffen habe, da ist mir noch einmal klar geworden, welche Kraft unser Glaube hat. Nämlich selbst in der Unterdrückung die Zuversicht zu behalten, unbeirrt für die Freiheit einzutreten.“ Auch heute, wo Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömen, Grenzen überwinden und Humanität fordern, weiß sie: „Jede Geste von Würdigung kann Menschen retten.“

Die Lübecker Gedenkstätte berichtet über das Grenzregime und die Flucht von DDR-Bürgern. Auch im Leben von Kirsten Fehrs gibt es Geschichten von Grenzen, Flucht und Vertreibung. Schon als kleines Mädchen hört Kirsten Fehrs die Geschichten ihrer Mutter. Sie und die Familie mussten im bitterkalten Winter 1945 aus Stettin fliehen. Das Kind kann nur erahnen, welche Entbehrungen die Flüchtlinge damals aushalten mussten.

Erste Erfahrungen in der Seelsorge – mit Krebskranken und Strandurlaubern

Dann erlebt Kirsten Fehrs ihre erste eigene Grenzerfahrung. „Meine erste Begegnung mit der großen weiten Welt ist eine Grenze – die Zonengrenze.“ Anfang der 70er-Jahre besucht ihre Familie die Angehörigen in der DDR – in Prenzlau bei Berlin. Bei ihrem Besuch im Lübecker Grenzmuseum schaut sie auf die ausgestellten Uniformen der DDR-Grenzsoldaten. Daran kann sie sich noch gut erinnern: „Wir wurden von Grenzern ziemlich herablassend behandelt. Selbst meine Mutter wurde ganz still; es war eine bedrückende Stimmung.“ Die Familienkontakte zwischen Ost und West bleiben freilich bestehen. Regelmäßig schickt ihre Familie Pakete in den Osten, gefüllt mit Marzipan und anderen Süßigkeiten, mit Kaffee und Seidenstrümpfen. Westpakete können die Grenze überwinden und sind bei den DDR-Bürgern heiß begehrt – und ein Hoffnungs­zeichen aus einer schöneren Welt. Kirsten Fehrs’ Aufgabe ist es immer, beim Packen der Pakete zu helfen. „Den Kinderdaumen auf den Knoten legen, das war meine Aufgabe.“

Als junge Frau entscheidet sich Kirsten Fehrs zum Theologiestudium in Hamburg. Sie sammelt erste Erfahrungen in der Seelsorge, steht Krebskranken zur Seite – aber auch Urlaubern am Strand. Im Herbst 89 reist sie mit ihrer Vikariatsgruppe nach Prag und hört vom Gelände der deutschen Botschaft plötzlich diesen Schrei. Soeben hatte Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Botschaftsflüchtlingen mitgeteilt, sie dürften ausreisen. „Ein Schrei der Befreiung, unglaublich“, erinnert sie sich. „Es war, als würde die Welt stillstehen.“

Den Tag des Mauerfalls erlebt sie als junge Vikarin in Waabs, einem Dorf bei Eckernförde. Im Fernsehen sieht sie den Freudentaumel an der Berliner Grenze, sie sieht Berlins Bürgermeister Walter Momper und Willy Brandt. „Auch mir“, sagt sie, „sind an diesem Tag die Tränen gekommen. Das war für uns alle ein Weltmoment.“ Es sind intensiv gelebte Monate vom 9. November 1989 bis zur deutschen Einheit. „Diese Zeit war so emotional; auch heute kann ich ganz oft meine Tränen nicht zurückhalten“, erinnert sie sich. Monate später besuchen die Ost-Verwandten aus Prenzlau und Rostock zum ersten Mal ihre Angehörigen an der Westküste. Am 3. Oktober 1990 feiert Kirsten Fehrs den Abschluss ihrer kirchlichen Ausbildung als Pastorin. Ihr bisheriger Studienkollege und Amtsbruder Karsten wird wenig später ihr Ehemann und zum sicheren Ankerplatz in bewegenden Zeiten. Das Pastorenpaar wird im Dezember 1990 in Rendsburg ordiniert.

Die junge Pastorin will etwas bewegen in ihrer Kirche, die auf der Leitungsebene noch vielfach von Männern geprägt ist. In Hohenwestedt muss sie sich eine ganze Pfarrstelle mit ihrem Mann teilen, für den Anfang einer Karriere sicher ganz akzeptabel. „Aber ich konnte es nicht aushalten, so wenig zu arbeiten.“

So übernimmt die Theologin zusätzlich Aufgaben in der Erwachsenenbildung, wird 1997 Leiterin des evangelischen Bildungswerks Rendsburg und bekommt im Jahr 2000 eine Projektpfarrstelle für Personalentwicklung, zuständig für ganz Nordelbien.

Sie ist in jenen Jahren viel unterwegs, fährt von Kiel Richtung Osten nach Kühlungsborn, Stralsund, Leipzig. Sie macht sich als Expertin für Personalentwicklung in der Kirche einen Namen und erhält Einladungen von Kollegen im damals sogenannten Beitrittsgebiet. Sie wirbt dafür, regelmäßig Personalgespräche zu führen. Mit dem Ziel, dass Pastorinnen und Pastoren ihre Stärken ausbauen können.

Doch die Frau aus dem Westen erntet im Osten zunächst Misstrauen. Die ehemaligen DDR-Bürger wittern ein neues Instrument der Überwachung und Gängelung. Was passiert mit den Aufzeichnungen, an wen werden sie weitergeleitet – so lauten die misstrauischen Fragen. Da merkt die Theologin, wie tief die Mauer in den Köpfen noch sitzt, selbst noch 15 Jahre nach der Wiedervereinigung. Dass es da immer noch Grenzen gibt. Fehrs kann die Kirchenleute beruhigen: „Die Jahres­gespräche sind als positives Signal gedacht.“

Am 17. Juni 2011 wird Kirsten Fehrs, bislang Hauptpastorin und Pröpstin in St. Jacobi, im vierten Wahlgang mit 97 von 121 Stimmen zur evangelischen Bischöfin gewählt. Sie sagt an diesem denkwürdigen Wahlabend im Michel: „Gerade jetzt, wo die Veränderungen groß sind, braucht es eine Bischöfin, die hinhört. Ich will die Stimme der Humanität einbringen.“ Kirche solle wieder Wind unter die Flügel bekommen. Dafür wolle sie mit Herz und Verstand als Bischöfin beitragen.

Tatsächlich brilliert sie in ihrem neuen Amt, beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg 2013 genauso wie bei den vielen Predigten in den Gemeinden. Sie hat Humor – und kann über sich selbst lachen, was sie für viele umso sympathischer macht.

Die Aufarbeitung des Ahrensburger Missbrauchsskandals ist für sie Chefsache. Tage verbringt sie damit, den von einem Pastor missbrauchten Menschen zuzuhören. Im Juni 2014 gibt es auf Wunsch einer Betroffenen einen Versöhnungsgottesdienst in der Hauptkirche St. Katharinen. Die Bischöfin bekennt: „In all dem hat diese Kirche Schuld auf sich geladen. Also trage ich sie auch.“ Die Kirche habe versagt und der Verletzung und Gewalt nicht Einhalt geboten.“

Unterdessen trifft eine Gruppe von Jugendlichen in der Schlutuper Grenzdokumentationsstätte ein. Sie sehen, wie damals das DDR-Grenzregime funktionierte – mit Minen, Selbstschussanlagen und Stacheldraht. Und sie hören von geglückter und gescheiterter Flucht und betrachten Ausstellungsstücke. Dazu gehört auch ein Schlauchboot, mit dem Mitte der 1980er-Jahre ein DDR-Bürger von Boltenhagen nach Lübeck-Schlutup geflohen ist. Es war ausgerechnet der Neffe von „Sudel“ Ede, dem Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler. Nach neunstündiger Flucht über das Meer wurde der junge Mann wohlbehalten von zwei Schlutupern geborgen.

Beeindruckt von der Spendenaktion des Abendblatts mit 10.000 Unterstützern

Wie damals, als Kirsten Fehrs Mutter von ihrer Kriegsflucht 1945 erzählte und später Tausende DDR-Bürger Richtung Bundesrepublik flohen, sind auch in diesen Tagen wieder Menschen auf der Flucht. Sie strömen aus den Kriegsgebieten und den Balkanländern nach Deutschland – auch nach Hamburg. Für Hamburgs und Lübecks Bischöfin ist deshalb ihr Lebensthema noch längst nicht vorbei: Wie sind jetzt Grenzen zu überwinden? In Europa, in manchen Köpfen?

Es fordert sie geradezu heraus, bei solchen schwierigen Fragen ihre Stimme zugunsten der Schwächeren zu erheben. Erst jüngst machte sie bei der großen Abendblatt-Spendenaktion für Flüchtlinge mit und war überwältigt von der immensen Anteilnahme der gut 10.000 Leser. „Diese Hilfsbereitschaft ist fantastisch.“

Im Lübeck-Schlutuper Grenzmuseum sagt sie am Ende ihres Besuchs: „Mir ist noch mal klar geworden, wie sehr mich die Begegnung an der Grenze mein Leben lang beschäftigt hat – in der Seelsorge, in Predigten, überhaupt als Pastorin und Bischöfin, mit all den verschiedenen Menschen täglich, mit den Religionen, mit Flüchtlingen, auch die Begegnung zwischen Ost und West jetzt in der fusionierten Nordkirche.“ Da habe sich in diesen 25 Jahren ein Kreis für sie geschlossen.