Göttingen

Augen auf beim Pilzesammeln!

Zwei Tote im Norden: Giftinformationszentrum berät so viele Sammler wie noch nie. Und auch Ware aus dem Supermarkt kann krank machen

Göttingen.  Das feuchte Herbstwetter lässt die Pilze wachsen – und die Telefone im Giftinformationszentrum Nord (GIZ) fast rund um die Uhr schrillen. Das Servicezentrum der Universität Göttingen verzeichnet zurzeit eine Rekordzahl von Beratungsgesprächen.

Besorgte Sammler haben akute gesundheitliche Beschwerden oder wollen wissen, ob die Pilze genießbar oder giftig sind. „Allein im September gab es bei uns 200 solcher Anrufe nach Vergiftungen und Verdachtsfällen“, sagte Martin Ebbecke, Leiter des GIZ-Nord, dem Abendblatt. Das seien doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum 2013. Seit Anfang Oktober gingen schon mehr als 50 weitere Notrufe ein. Das GIZ-Nord ist für alle Vergiftungsarten in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein die primäre Beratungs- und Erfassungsstelle.

Jedes Jahr sorgen schwere Pilzvergiftungen von Sammlern für Aufsehen. Erst vor wenigen Tagen starb ein erfahrener Pilzsammler aus Bremerhaven nach dem Verzehr giftiger Pilze. Die Polizei geht davon aus, dass der 56-Jährige versehentlich giftige Sorten mit nach Hause genommen hatte. Nach dem Verzehr von giftigen Pilzen in Lüneburg kam eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie aus Syrien ins Kran­kenhaus; ein 16-Jähriger starb an den Folgen der Vergiftungen. Die Asylbewerber sollen den Grünen Knollen-blätterpilz verzehrt haben. Norddeutsche Pilzexperten betonen aber, dass die jüngst gemeldeten Vergiftungen bei Flüchtlingen mit Todesfolge nicht auf die leichte Verwechslungsmöglichkeit des heimischen Grünen Knollenblätterpilzes mit einem Pilz aus dem Heimatland der Flüchtlinge zurückzuführen seien.

Eine Ärztin der Medizinischen Hochschule Hannover sagte dagegen: „Die meisten Patienten sind Flüchtlinge aus Syrien, dort scheint es einen essbaren Pilz zu geben, der dem Knollenblätterpilz zum Verwechseln ähnelt.“

Dass Migranten die Verwechslungsgefahr von Pilzen in den hiesigen Wäldern unterschätzen, berichtet auch der Göttinger Internist und Toxikologe Martin Ebbecke. Aber nicht nur die Flüchtlinge aus den arabischen Krisengebieten mussten deswegen in den vergangenen Wochen in Krankenhäusern behandelt werden. „Auch die Zuwanderer aus Russland und anderen Teilen Osteuropas verwechseln immer wieder giftige mit ungiftigen Pilzen“, sagt der GIZ-Nord-Leiter.

Um die Gefahr zu minimieren, haben Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover vorgeschlagen, in den Flüchtlingsunterkünften Plakate aufzuhängen, die auf giftige Pilze hinweisen.

Der Naturschutzbund Hamburg (Nabu) erwägt, künftig Naturkundeführungen für Flüchtlinge anzubieten. Dafür könnten die Nabu-Infohäuser genutzt werden. „Flüchtlingsinitiativen in der Hansestadt haben diesen Wunsch an uns herangetragen“, sagte Nabu-Mitarbeiter Krzysztof Wesolowski dem Abendblatt.

Unterdessen rät die Verbraucherzentrale Hamburg, beim Kauf von Pilzen in Supermärkten besonders aufmerksam zu sein. Verbraucher sollten sich die Pilze, die sie vor dem Verzehr putzen, genau anschauen, rät Verbraucherschützer Armin Valet. „Gibt es im Aussehen große Unterschiede, ist bei Pilzen immer Vorsicht angesagt“, sagt er.

Hintergrund dieser Warnung ist der Fall einer süddeutschen Firma. In einer Kaufland-Filiale in Peine (Niedersachsen) war in einer Steinpilzmischung aus Polen nach Angaben eines Sachverständigen ein Pilz einer „sehr giftigen Sorte“ entdeckt worden. Die Käufer der Packung hatten rechtzeitig den Experten aufgesucht. Die Polizei in Salzgitter teilte mit, dass die Ermittlungen in dem Fall andauern. Die Hamburger Verbraucherzentrale fordert nun: „Die Firma steht in der Verantwortung, schleunigst aufzuklären, wie so etwas passieren konnte.“

Außerdem warnen die Verbraucherschützer davor, überlagerte Pilze zu kaufen. „Es kommt viel zu häufig vor, dass Pilze überlagert, verdorben oder verschimmelt zum Verkauf angeboten werden“, kritisiert Armin Valet. Gerade überlagerte Pilze würden verbilligt verkauft. Der Rat der Hamburger Verbraucherschützer: „Die Konsumenten sollten die Finger davon lassen. Solche Pilze können zu starken Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen führen.“

Das Giftinformationszentrum fordert, dass Gesetzeslücken beim Verkauf von Gammelpilzen beseitigt werden. Auch Pilze brauchen den Hinweis auf das Sammeldatum und die Haltbarkeit, sagt GIZ-Nord-Leiter Martin Ebbecke.

Notruf des Giftinformationszentrums: 0551/192 40