Musik

Eine Vagabundin aus Hamburg und ihr neues Album

Cäthe hat ihr Album in den Hamburger Hafenklang Studios aufgenommen

Cäthe hat ihr Album in den Hamburger Hafenklang Studios aufgenommen

Foto: Sony Music

Musikalisch ist das neue Album von Cäthe so vielseitig wie die Vorgänger. Anfang November spielt sie im Mojo Club.

Hamburg.  Sie möchte gern ankommen. Erwachsen sein. Eine eigene Wohnung haben. Aber „ein Leben in Sicherheit entspricht nicht meinem Wesen. Es steckt zu viel Vagabund in mir. Und der hält mich neugierig“, sagt ­Catharina Sieland, Künstlername ­Cäthe. „Vagabund“ heißt das neue Album der 32 Jahre alten Sängerin. Der Titel benennt weit mehr als lediglich das ständige Herumreisen, das zum Künstlerberuf gehört.

Bei Cäthe ist es nicht äußerer Zwang, sondern eine Befindlichkeit, die sie nicht zur Ruhe kommen lässt, aus der sie aber auch Kreativität schöpft. „Es fällt mir schwer, Entscheidungen zu treffen“, sagt sie, „ich handele aus Impulsen heraus.“ Aus so einem Drang heraus hat sie nach zehn Jahren Hamburg verlassen und ist nach Berlin gezogen. Private Gründe führten zu diesem Schnitt. In der Hauptstadt lebt Cäthe zusammen mit einer anderen jungen Frau in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Friedrichshain. „Berlin ist laut, dreckig und anstrengend, aber es ist auch aufregend“, sagt sie.

Aufgenommen hat Cäthe ihre dritte Platte nicht in Berlin, sondern in Hamburg in den Hafenklang Studios mit Stephan Gade als Produzenten. In nur sechs Wochen waren die Songs im Kasten. Cäthe war es wichtig, die neuen Nummern unter Livebedingungen einzuspielen, um so pur wie möglich zu klingen. Einige der Songs sind mit Streichern unterlegt, aber die hat Gade später hinzugefügt. Musikalisch ist „Vagabund“ wieder so vielfältig wie die Vorgängeralben „Ich muss gar nichts“ und „Verschollenes Tier“.

Cäthe spielt flotten Pop, singt mit rauer Stimme Bluesrock, nutzt Chanson-Elemente, streut einen sanften Folksong ein und hat mit „Müder Drache“ eine Nummer auf der Platte, die an Calexico erinnert. „Als wir das Lied aufgenommen haben, dachte ich nicht an Calexico, die ich im Übrigen toll finde. Da hat ein Drache in meinem Kopf Tango getanzt, deshalb ist der Song so geworden.“

Im Interview zeigt Cäthe sich genauso offen wie in ihren Songs, von denen viele autobiografisch sind und daraus kein Geheimnis machen. „Foto“ ist so ein Beispiel. Es handelt von Cä-thes Stiefvater, der sie und ihre Mutter verlassen und eine neue Familie gegründet hat. „Ich hoffe, er hört das Lied“, sagt Cäthe, die Sängerin. „Ob eine Reaktion kommt, weiß ich nicht. Aber ich hätte gern eine.“

Andere Songs wie „Unter Palmen“ und „So oder so“ sind Liebeslieder, und der Zuhörer ahnt, dass Cäthes Liebesleben alles andere als einfach ist. „Liebe ist ein zentrales Thema in meinem Leben. Aber mein Kopf ist mir ständig im Weg. Ich tue mich oft schwer damit, Liebe zu begreifen“, sagt sie und stochert nachdenklich in dem Salat herum, der vor ihr steht. „Aber ich bin auch dankbar für das, was ich habe“, fährt sie fort. „Stille Demut“ ist ein Lied, in dem sie dieses Gefühl beschreibt.

„Vagabund“ ist wieder ein sehr persönliches Album geworden, auf dem Cäthe tief in sich hineinhorcht und das Songschreiben zur Selbstreflexion benutzt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht wahrnehmen würde, was gerade in Deutschland passiert, wie das aktuelle Flüchtlingsdrama. „Es ist schon krass, welcher Rassismus teilweise auf Facebook verbreitet wird“, sagt sie. Die Erfahrung einer Flucht hat sie selber als sechsjähriges Kind gemacht. Ihre Eltern verließen 1989 kurz vor der Wende die DDR und reisten nach Baden-Württemberg aus. „Als wir dort ankamen, haben wir in einer Turnhalle gepennt. Und ich habe aus Angst ins Bett gemacht, weil ich nicht wusste, wo ich bin.“

Angekommen ist Cäthe immer noch nicht wirklich: „Das Gefühl von Heimat trage ich in mir, egal, wo ich mich befinde.“

Konzert: Cäthe spielt am 8. November im Mojo Club, Reeperbahn 1, Einlass 19 Uhr. Karten gibt es ab 26,75 Euro im Vorverkauf; weitere Infos im Internet unter www.caethe.de