Für Fortgeschrittene

Wo man in Hamburg am besten Musik hört

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Element of Crime bei ihrem Konzert in der Fabrik im Februar 2015

Element of Crime bei ihrem Konzert in der Fabrik im Februar 2015

Foto: picture alliance / Jazzarchiv

Die Abendblatt-Serie für alle, die Hamburg schon ganz gut kennen, aber immer wieder neu oder anders entdecken wollen.

Experte für die Bühnen der Stadt ist Tom R. Schulz. Livemusikalisch primärsozialisiert in der Berliner Philharmonie (Klassik und Jazz), im Quartier Latin und im Quasimodo (Jazz und Rock), setzt er seit dem Umzug nach Hamburg vor Äonen seine lebenslange Bildungs- und Lustreise in Sachen Musik in allen dafür relevanten hiesigen Lokalitäten fort. Schade irgendwie: Wachsende Sehnsucht nach einer Sitzgelegenheit auch bei öffentlichem Musikhören. Ausnahme: Livemusik, zu der man (er) tanzen kann.

Stadtpark-Bühne

Das von einer hohen Hecke umschlossene, leicht ansteigende Rund im Stadtpark, auf dem sich maximal 4000 Zuhörer die Beine in den Bauch stehen können, ist ohne Frage Hamburgs schönste Gartenlaube mit angeschlossener Hardcore-Stereoanlage. Seit jenem seligen Donnerstag im Jahr 1959, als im Stadtpark erstmals eine lokale Jazzband unter einer (längst gefällten) gewaltigen Buche vor sich hin skiffelte, hält der Impresario Karsten Jahnke im Stadtpark seine milde Hand auf die Livemusik. Das Gelände, das man erst nach einem kleinen Fußmarsch von der S-Bahn Alte Wöhr erreicht, wird seit über 40 Jahren unter Jahnkes Regie kontinuierlich von Mai bis September bespielt. Selbst die schrittweise Professionalisierung des Bühnenbereichs vermochte den Charme der Anlage nicht zu schmälern.Im Stadtpark spielen alle nur denkbaren Acts unterhalb des echten Stadionformats; Singer-Songwriter, Rocklegenden, die größten Namen der Weltmusik und Bands von heute, darunter viele Lokalgewächse. Regenschirme sind hier ungeachtet ihrer hohen Nützlichkeit im Hamburger Sommer für Konzertbesucher verboten. Der kluge Hanseat stopft sich deshalb irgendwas Pelerinenartiges in den Rucksack, ehe er sich zum Stadtpark aufmacht, denn schlechtes Wetter kennt er ja nicht. Unvergessen sind jedem musikaffinen Stadtpark-Pilgerer Konzerte bei Starkregen, bei Stärkstregen sowie bei Temperaturen deutlich unter zehn Grad. Ungeübte haben am Tag nach dem Konzert in den Unterschenkeln Muskelkater, weil man die Füße gegen das Ge­fälle schräg in den Boden treten muss.

Freilichtbühne im Stadtpark, Programm von Mai bis September unter www.kj.de

Landhaus Walter

Am Rand des Stadtparks liegt auch das Landhaus Walter, die erste Adresse für Bands von vorvorgestern, die es immer noch gibt oder die wieder auferstanden sind. In diesem krassen Schuhkarton von Club spielen Spooky Tooth oder Ten Years After, hier ist das Zuhause von Blues, Bluesrock und dem, was man mal Underground und Progressive Music nannte. Toller, ehrlicher Laden.

Landhaus Walter, Otto-Wels-Str. 2, www.landhauswalter.de

Fabrik

Schon wahr, ihre beste, wildeste Zeit hat sie hinter sich. Aber auch mit ihren 44 Jahren ist die Fabrik noch eine Schönheit. 1971 war sie der Bundesrepublik erstes „Kommunikationszentrum“, wie man das damals nannte. Aufgelassene Industriebauten wurden in den folgenden Jahren in vielen Städten Deutschlands zu Veranstaltungsorten für Subkultur, für Rock, Jazz und Kleinkunst und alles andere, das eine Bühne braucht. Im Falle der Fabrik kam von Anfang an eine sozialarbeiterische Komponente hinzu: Kinder und Jugendliche aus dem Viertel konnten und können hier betreut ihre Nachmittage verbringen. Abends wandelt sich die Fabrik in ein Konzerthaus, dessen Hipness-Faktor inzwischen gegen null geht. Aber einfach jeder kennt den Laden mit dem Kran vor der Tür, jeder geht hin, wenn nun mal gerade da die Musik läuft, die man hören will. Früher war die Fabrik neben dem Onkel Pö Hamburgs wichtigster Spielort für Jazz. Der findet dort vereinzelt immer noch statt, aber heute ziehen eher die Vertreter der World Music Publikum. In der Fabrik, wo Schülertheatergruppen auftreten, wo die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling gelesen und Miles Davis vor dicht gepacktestem Haus Trompete geblasen hat, ist immer noch alles möglich – und mit allem zu rechnen.

Fabrik, Barnerstraße 36, Altona, www.fabrik.de

Golem

Auch früher schon war der (oder das?) Golem am Elbufer unter anderem eine Spielstätte für Musik. Aber seit Januar 2014, als der unermüdlich für Live-Jazz in Hamburg tätige Saxofonist Gabriel Coburger seine langlebige Reihe „fat jazz“ von der Bar 227 in die Lokalität am Fischmarkt verlegte, findet hier zuverlässig mindestens einmal pro Woche Jazz statt. Meist spielen zwei Bands am Abend, und die Hamburger laden sich Musiker aus anderen Städten als Gäste ein. Der Raum ist gut geschnitten, der Blick durch die Fenster auf vorbeiziehende Schiffe schwer zu schlagen. Zum Spirit des Ortes gesellen sich gute Spirituosen: Die Bar verführt zu Abstürzen der gepflegten Art. Ein schöner Ort auch für Literatur und Streitgespräche.

Golem, Große Elbstraße 14, www.golem.kr

Kampnagel

Nicht nur Theater, Tanz und Performance haben auf Kampnagel ihr Zuhause, auch die Musik. Die vielen Räume unter einem Dach machen das Ensemble attraktiv für Festivals wie Überjazz oder Greatest Hits (der Neuen Musik). In die K 6 will aber auch das NDR Sinfonieorchester, wenn es eins seiner jugendaffinen Programme spielt. Ob Anna Calvi oder Hamburgs Szene-Liebling Chilly Gonzales: Hier ist gut Musik hören – vorausgesetzt, man stört sich nicht an dem elenden Geknarze der in den Saal geschraubten Treppenaufgänge und Sitzreihen. Und die kmh ist so etwas wie der Geheimclub der Stadt.

Kampnagel, Jarrestraße 20, www.kampnagel.de

Terrace Hill

Werden sie den Bunker Feldstraße eines Tages wirklich mit einem Dach voll Grünzeug und Kommerz krönen? Reicht doch, ab und an windumtost auf dem Balkon des Terrace Hill im fünften Stock des Betonklotzes zu stehen und rauszugucken ins viele Grün der Stadt anderswo. Das Loft auf St. Pauli ist eher ein Gelegenheitsclub, aber das helle Ambiente verstärkt die Erfahrung des Besonderen, etwa wenn ein Abend mit dem Ensemble Decoder und lauter brandneuer Musik auf dem Programm steht.

Terrace Hill, Bunker Feldstraße, www.terracehill.de

MS "Bleichen"

Im Laderaum, dem Bauch dieses ausrangierten Stückgutfrachters aus den 50er-Jahren, fühlt man sich fast wie in einer Kathedrale unter Wasser, einer Kathedrale aus Holz und Stahl, in der Nachtschwärmer sich zur Anbetung der Grooves versammeln. Konzerte und Tanzpartys erlangen in diesem Raum, in den eine steile Stiege hinabführt, nicht zuletzt wegen der tollen Akustik eine besondere Intensität. Das Schiff liegt im Hansahafen und gehört der Stiftung Hamburg Maritim. Ein als gemeinnütziger Verein eingetragener Freundeskreis arbeitet daran, dass es fahrtüchtig und als maritimes Kulturdenkmal Hamburg erhalten bleibt. Die Kombüse tischt noch auf. Auf Facebook kann man sehen, dass der Kahn auch als Location für Hochzeitsfeiern ziemlich beliebt ist. Zurzeit muss sich die betagte MS „Bleichen“ allerdings „umfangreichen Schiffbauarbeiten“ auf der Norderwerft unterziehen.

MS „Bleichen“, soll ab Frühjahr 2016 wieder im Hansahafen, Schuppen 50, liegen; www.msbleichen.de

Laeiszhalle, Kleiner Saal

Hier treffen sich die Aficionados der leisen, differenzierten Töne, Menschen, die ungeachtet ihres Alters, möglicher Gebrechen und der Witterung umsichtig genug sind, auf katarrhalische Kommentare während des Konzerts zu verzichten. Vorbildlich, wie still Kammermusikfreunde ihrer Kunst lauschen! Im kleinen Saal der Laeiszhalle gastieren Streichquartette und Duos, hier geben Sänger ihre Liederabende, hier gilt’s der Kunst. Inzwischen spielen in dem vor fünf Jahren schön ins Ambiente der 50er-Jahre zurückdekorierten Raum mit der holzvertäfelten Kurvendecke auch Jazzpianisten von internationalem Rang, solo oder mit ihren kleinen Ensembles. Wenn es ganz still ist und nebenan, im großen Saal, gerade ein symphonisches Tutti donnert, gelangen Spurenelemente davon auch in den kleinen Saal. Und zu dem bitte nie „Kleine Laeiszhalle“ sagen!

Laeiszhalle, kleiner Saal, U Gänsemarkt, Eingang Gorch-Fock-Wall, www.elbphilharmonie.de/laeiszhalle.de

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