Neustadt

Wie sich ein duldsamer Ehemann in einen Verbrecher verwandelt

| Lesedauer: 4 Minuten
Bettina Mittelacher

Neustadt. Die Rollen in der Ehe waren verteilt, schon lange. Sie wurde von ihrer Familie „Goldie“ genannt, war jedoch nicht goldig, also fröhlich und unbeschwert, sondern dominant und labil zugleich, darüber hinaus unleidlich, fordernd, nörgelnd. Er war der vielleicht sogar zu gutmütige Mann, der sich um alles kümmerte, sich duckte und immer wieder einsteckte. Ein Zeuge hat es so auf den Punkt gebracht: Der 35-Jährige, sagte der Bekannte des Paares, sei ein „Fußabtreter“ gewesen.

War es abzusehen, dass diese Beziehung aus ihrer Schieflage auf eine echte Katastrophe zuschlingert? Keiner, dem diese Frage gestellt wurde und der Anja und Andreas B. (alle Namen geändert) kannte, hat es geahnt. Und doch war der Ehemann es plötzlich, der vollständig außer Kontrolle geriet und sich dieses eine Mal wehrte, mit überschäumender Wut und ohne Maß.

Der Hamburger würgte im Streit seine Frau und schlug ihr, als sie sich heftig wehrte, mit einem Hammer den Schädel ein. Anschließend packte er die Leiche in einen Müllsack, verfrachtete sie in den Kofferraum seines Autos und fuhr mit ihr zunächst ziellos durch die Gegend – mit den gemeinsamen vier und ein Jahre alten Kindern auf dem Rücksitz. Schließlich wuchtete er den leblosen Körper an der Elbe in ein Gebüsch, fuhr zur Polizei und meldete seine Frau als vermisst. Vielleicht, deutete er an, sei sie mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Erst einen Monat später wurde die Leiche von einem Spaziergänger gefunden.

Das alles klingt extrem brutal und abgebrüht. Der psychiatrische Sachverständige sagt indes im Prozess gegen Andreas B. über dieses Verbrechen vom April, der Angeklagte habe „im Affekt gehandelt“. Der Gutachter stellt eine verminderte Steuerungsfähigkeit des Täters fest. Und am Ende hält die Kammer ein Urteil von vier Jahren Freiheitsstrafe für angemessen und spricht in der Begründung von einem „minderschweren Fall“, einem „Ausnahmefall“.

Ganz in Schwarz gekleidet sitzt Andreas B. vor seinen Richtern. Er hat über mehrere Verhandlungstage versucht zu erklären, wie es dazu kam, dass er plötzlich zum Verbrecher wurde. Dieser Mann, der Überstunden im Schichtdienst schob und sich darüber hinaus emsig um den Haushalt und die beiden kleinen Kinder kümmerte. Und im Gegensatz dazu seine Ehefrau, die nach den Geburten von Tochter und Sohn immer unzufriedener wurde und die Familie vernachlässigte. Die begann, ihrem Mann Vorwürfe zu machen. Und vor allem frönte sie ihrer Cannabis-Sucht und war „schlechtester Laune“, erzählt Andreas B., wenn sie kein Marihuana hatte. Also fuhr er los, um ihr welches zu besorgen. Es sind die Freundinnen der Ehefrau, die nicht mit Kritik an Anja B. sparen. „Er konnte ihr nichts recht machen, trotzdem ist er immer für sie gerannt“, sagt eine.

Doch als die 36-Jährige sich einen Liebhaber nahm und gleichzeitig ihre Vorhaltungen gegenüber dem Mann immer heftiger wurden, stellte er sie zur Rede. Die Ehefrau rastete aus und fing an, einen Koffer zu packen. Und dann, sagt der Angeklagte, habe sie ihm zwei Ohrfeigen verpasst. Es sei das erste Mal gewesen, dass es Gewalt in ihrer Beziehung gegeben habe. Er habe seine Frau zu Boden gedrückt und gewürgt und den Hammer ergriffen. Die Staatsanwältin nennt die Wandlung von Andreas B. das Ergebnis einer Entwicklung, „in der sich vieles aufgestaut hat“. Der Verteidiger spricht von einer „andauernden seelischen Misshandlung“. Andreas B. habe „Angst vor dem Alleinsein“ gehabt und davor, bei einer Trennung die Kinder zu verlieren. „Und schließlich war das Fass voll.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg