Neustadt

Mutter muss wegen Misshandlung in Haft

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Bettina Mittelacher

Gericht verurteilt 30-Jährige mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, die ihren Sohn krank machte. Sie sagt: „Ich kann das nicht gemacht haben“

Neustadt. Sie hat ihren kleinen Sohn geliebt. Und doch hat sie ihn gequält und sogar in Lebensgefahr gebracht. Sie wollte eine heile Welt mit einer intakten Familie. Und doch hat sie genau das durch ihr Handeln auseinandergerissen. Jetzt muss die Mutter, die ihr dreijähriges Kind mit verseuchten Spritzen schwer krank gemacht hat, ins Gefängnis: Das Landgericht verurteilte Natalia H. (Name geändert) am Donnerstag zu zwei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährlicher Körperverletzung. Die 30-Jährige habe mit ihrer Tat „ihren eigenen Lebensinhalt zerstört“, sagte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung – nämlich ihre Familie. Aber zugleich habe sie gegen ihren Sohn „unglaubliches Unrecht“ begangen.

Nach der Verkündung des Strafmaßes sackt die zierliche Frau kraftlos in ihren Stuhl, immer wieder betupft sie sich ihre Augen. „Man muss jemanden verletzen, um selbst wahrgenommen zu werden“, hatte die Angeklagte im Prozess gesagt. Genau diesen Weg war Natalia H. über Monate gegangen, hatte ihrem Sohn nach Überzeugung des Gerichts im Jahr 2013 insgesamt sechsmal gefährliche Keime gespritzt und sich dann in der Aufmerksamkeit gesonnt, die ihr durch die Krankheit ihres Kindes zuteilwurde. Die 30-Jährige leidet am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, einer seltenen Persönlichkeitsstörung, bei der eine Person, meist die Mutter, ihr Kind bewusst krank macht. Dann fordert sie in Kliniken aufwendige Therapien, weicht nicht vom Krankenbett und gefällt sich in der Rolle der aufopferungsvollen Mutter.

Nach einer teilweise traumatischen Jugend, in der sie unter anderem sexuell missbraucht wurde und zwei Suizidversuche beging, litt Natalia H. lange unter mangelndem Selbstwert­gefühl und wurde psychisch krank.

Mit dem Gründen einer Familie, aus der drei Kinder hervorgingen, habe sie „Sicherheit erfahren“ wollen, sagte der Kammervorsitzende. Doch habe sie sich durch ihren Mann, der eine Affäre mit einer anderen Frau einging, immer weniger anerkannt gefühlt. Schließlich „entstand ihr Entschluss, ihren Sohn krank zu machen“, so der Richter.

Durch die unter anderem mit Kot und Speichel versetzten Flüssigkeiten, die sie ihm spritzte, bekam der Junge immer wieder extrem hohes Fieber, krümmte sich auch vor Schmerzen, erlitt Krämpfe und musste wiederholt künstlich beatmet werden. Weil die Ärzte schließlich von einer Krebserkrankung ausgingen, bekam das Kind eine Chemotherapie; als letzten Ausweg planten die Mediziner eine Knochenmarktransplantation. Als sich der Verdacht der Klinik gegen die Frau erhärtete, wurde sie vom Kind getrennt. Dem Dreijährigen ging es schnell zunehmend besser. Die Angeklagte darf seitdem zu keinem ihrer drei Kinder mehr Kontakt aufnehmen, die Ehe ist mittlerweile geschieden.

Natalia H., die sich seit der Tat in Therapie befindet, hatte im Prozess zwar gestanden. Allerdings sei in Bezug auf die Taten „alles im Nebel“, sie könne sich nicht daran erinnern. „Ich stand neben mir. Ich liebe meine Kinder. Ich kann das nicht gemacht haben“, sagte sie auch. Eine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten ist laut Gutachten nicht ausgeschlossen.

Trotzdem, betont das Gericht, habe Natalia H. „bewusst gehandelt“ und sei über eine längere Zeit „planvoll vorgegangen“. Die Kammer habe eine relativ „milde Strafe“ ausgesprochen, eine Gefängnisstrafe sei jedoch unerlässlich, betont der Richter. Es sei eine Tragödie, dass sich die Angeklagte mit ihrem Vorgehen selbst bestraft habe.

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