Prozess der Woche

Der Rentner und die eingebildete Bedrohung

Justitia über dem Eingang zum Strafjustizgebäude Hamburg

Justitia über dem Eingang zum Strafjustizgebäude Hamburg

Foto: Michael Rauhe

Alles wegen einer Provokation im Straßenverkehr: Ein 76-Jähriger trug Arm- und Rückenverletzungen sowie mehrere Knochenbrüche davon.

Neustadt.  Ein paar Trippelschritte nur, dann braucht der Mann eine Verschnaufpause. Jede Bewegung fällt dem 76-Jährigen seit seinem Schlaganfall offensichtlich schwer. Und doch meint ein anderer, fast 30 Jahre jünger, dass der Rentner „bedrohlich“ für ihn gewesen sei. Und dass er sich gegen ihn energisch zur Wehr setzen musste. So massiv, dass der Ältere am Ende Arm- und Rückenverletzungen sowie mehrere Knochenbrüche im Gesicht davontrug.

Und alles wegen einer Provokation im Straßenverkehr, die offenbar von dem Jüngeren ausging. Nun treffen sich die beiden wieder im Prozess vor dem Landgericht, wo sich Dieter G. (alle Namen geändert) wegen des Vorfalls vom Mai vergangenen Jahres unter anderem wegen Körperverletzung und Nötigung verantworten muss. Gegen eine frühere Entscheidung des Amtsgerichts, das den Angeklagten zu einem Jahr und drei Monaten Haft ohne Bewährung sowie zu 1500 Euro Schmerzensgeld verurteilt hatte, hat Dieter G. Berufung eingelegt.

"Ich mach dich kaputt!"

Rentner Karl K. war mit seinem Auto auf einer schmalen Ausfallstraße unterwegs, als es plötzlich nicht mehr weiterging. Denn Dieter G. saß laut Anklage mitten auf der Fahrbahn und dachte nicht daran, Platz zu machen. Den Ermittlungen zufolge stand er schließlich auf, lehnte sich gegen die Kühlerhaube des Wagens und hieb mehrfach mit seinem Rucksack auf das Auto. Als der Rentner ausstieg und versuchte, den Jüngeren wegzuschubsen, geriet der mit rund 2,1 Promille angetrunkene Mann ins Straucheln und stürzte. Doch dann soll er auf den 76-Jährigen eingeschlagen haben, mit der Drohung: „Ich mach dich kaputt!“

Dass der Rentner so massiv verletzt wurde, „bedauere ich“, betont Dieter G. vor Gericht. Er habe nicht wahrgenommen, dass der andere „ein alter Mann war“, gibt der Angeklagte an. Der andere sei jedenfalls „bedrohlich“ auf ihn zugekommen und habe ihn geschlagen. „Davon hatte ich eine Kopfplatzwunde.“ Um weitere Schläge zu verhindern, habe er ihm „zwei bis drei Ohrfeigen versetzt“. Sie frage sich, so die Vorsitzende Richterin, wie derartig massive Verletzungen „durch Ohrfeigen entstanden sein sollen“.

Einen Bruch des Augenhöhlenbodens und des Kiefers trug der Rentner durch die Gewalteinwirkung davon, „aber es ist alles gut verheilt“, versichert der Zeuge. Es sei wahr, dass er den Angeklagten auch geschubst habe, „aber nur, um mich zu wehren. Ich habe ja seit meinem Schlaganfall keine Kraft mehr.“

Der Angeklagte ist mehrfach vorbestraft, zuletzt wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung, für die er eine dreijährige Haftstrafe abgesessen hat. Auch damals war er erheblich betrunken. Vor diesem Hintergrund sei es notwendig, so die Richterin, den Angeklagten von einem weiteren Sachverständigen begutachten zu lassen – um zu sehen, ob Dieter G. in eine Entziehungsanstalt müsse. Da hilft es auch nichts, dass der Angeklagte eifrig versichert: „Ich trinke überhaupt nicht mehr.“