Nord-Süd-Strecke

Güterverkehr: Hamburg besteht weiterhin auf Y-Trasse

“Wir wollen einen ehrlichen und offenen Dialog auf Augenhöhe“, sagt Verkehrsminister Olaf Lies (SPD)

“Wir wollen einen ehrlichen und offenen Dialog auf Augenhöhe“, sagt Verkehrsminister Olaf Lies (SPD)

Foto: Nigel Treblin / dpa

Niedersachsen, Bremen und die Bahn-AG setzen aber inzwischen auf eine günstigere Variante. Die Hansestadt ist isoliert.

Celle/Hamburg.  Es ist ein Satz für die Geschichtsbücher: Seit 1992 hat die Bahn AG die Y-Trasse als Neubaustrecke für den wachsenden Güter- und Personenverkehr im Dreieck Hamburg-Hannover-Bremen gefordert und geplant. Aber jetzt sieht sie eine schneller realisierbare und zudem vermutlich preiswertere Alternative. Ulrich Bischoping, Konzernbeauftragter für Niedersachsen und Bremen, lässt noch einmal rechnen, ob die sogenannte Alpha-Variante mit dem Ausbau bestehender Strecken klappt. „Ich bin guten Mutes, dass auch zusätzliche Verkehre abgefahren werden können.“

Genau das ist der Knackpunkt: Die deutschen Seehäfen brauchen über das Jahr 2030 hinaus eine verlässliche Perspektive, dass wachsende Gütermengen per Bahn nach Süden geschafft werden – ins Ruhrgebiet, nach Süddeutschland, aber auch in die Nachbarländer. Sonst könnte sich der Hafenumschlag verlagern – etwa nach Italien.

Lies: Nord-Süd-Verbindung unverzichtbar

Bei der Septembersitzung des vom niedersächsischen Verkehrsministers Olaf Lies (SPD) angeschobenen Dialogforums Schiene in Celle stand der Hamburger Vertreter Stefan Knögel ziemlich allein auf weiter Flur mit seiner Vision, wie die Zukunft aussehen sollte. Er forderte für den Senat unverdrossen den Bau einer völlig neuen zweigleisigen Trasse quer durch Niedersachsen und wollte von der Alpha-Variante nichts wissen: „Wir halten diese Variante nicht für ausreichend.“ Es gehe schließlich um die Verlagerung von Güterverkehr von der Straße auf die Schienen, und da sei die neue schnelle direkte Nord-Süd-Verbindung unverzichtbar. Und wenn es schon nicht das klassische Ypsilon werden solle, brauche es eine zweispurige Trasse von Lehrte bei Hannover bis nach Maschen. Das trieb in Celle nicht nur die Kommunalpolitiker und die Vertreter der zahlreichen Bürgerinitiativen auf die Barrikaden, sondern nervte sogar den Bahnvertreter Bischoping sichtlich: „Ich bin nicht begeistert von der Haltung der Stadt Hamburg.“

Hamburg kriege den Hals nicht voll, zürnte ein Teilnehmer des Forums und stellte fest: „Die wollen doch was von uns.“ Eckhard Niemann als Vertreter einer der Bürgerinitiativen wurde sogar konkret: „Hamburg will dem Tiefwasserhafen Wilhelmshaven das Wasser abgraben.“

Absehbar wird sich schon auf der Oktobersitzung des Dialogforums eine Mehrheit der Politiker, Verbände und Initiativen hinter den Plan der Alpha-Variante stellen. Diese sieht vor, vorhandene Trassen zu ertüchtigen, teilweise durch ein weiteres Gleis, um möglichst viel Verkehr von Hamburg über Büchen und Stendal in den noch nicht ausgelasteten Nord-Süd-Korridor Ost oder auf die Strecke Bremen–Ruhrgebiet zu verlagern.

Die Deutsche Bahn AG hatte im Februar versprochen, sie werde ergebnisoffen in den Dialog gehen. Dass Bischoping jetzt die Tragfähigkeit der Alternative sieht und anerkennt, war für den stets kämpferischen Umweltschützer Niemann beim Treffen in Celle eine Riesenüberraschung: „Ich hätte nie gedacht, dass der Koloss Bahn in der Lage ist, Argumente zu hören und die eigene Meinung zu ändern.“

Zu den von Hamburg vorgetragenen Bedenken gehört auch, dass die meisten Container im Süden der Stadt angelandet werden und der Weitertransport Richtung Büchen quer durch die Stadt die Leistungsfähigkeit des Schienennetzes in der Metropole überfordere. Aber ein Bahnvertreter verwies auf die laufenden umfangreichen Investitionen. Er hält die Umleitung für machbar.

Schnelle Realisierbarkeit der Alpha-Variante

Der vielleicht größte Vorteil der Alpha-Variante ist angesichts des erwarteten starken Wachstums des Güterverkehrs die einfachere und schnellere Realisierbarkeit. Es gab auf dem Forum auch Fachleute, die warnten, Neubaustrecken seien angesichts der vorhandenen Naturschutzgebiete überhaupt nicht genehmigungsfähig.

Jetzt hängt für die Alpha-Variante viel davon ab, ob die Neuberechnungen der Bahn bestätigen, dass bei stärkerer Nutzung der Korridore im Osten und im Westen der Bau eines dritten Gleises auf dem Streckenabschnitt Lüneburg–Uelzen überflüssig ist. Geprüft wird, ob ein Überholgleis in Höhe Bienenbüttel ausreicht. Damit würde die Alpha-Variante um mindestens 400 Millionen Euro preiswerter und auch in der Kosten-Nutzung-Rechnung zur echten Konkurrenz für das Y, also den kompletten Neubau einer Trasse von Hannover nach Hamburg mit Abzweig nach Bremen. Klar aus der Sicht der Verbände, Lokalpolitiker und BI-Vertreter: Bei einem Ausbau von Bestandsstrecken muss der Lärmschutz auf den neuesten Stand gebracht werden. Und mit Argusaugen wachen vor allem die kommunalen Vertreter darüber, dass die wachsenden Güterverkehre kein Hindernis für den Ausbau des Personenverkehrs werden.

Noch nie zuvor konnten sich die Beteiligten so umfassend informieren

Entscheiden muss am Ende die Bundesebene, die im Rahmen des Bundesverkehrswegeplans die Steuergelder zuteilt. Aber so intensiv wie gegenwärtig im Dialogforum Schiene Nord haben Kommunen, Umweltverbände und Bürgerinitiativen noch nie mitreden dürfen. Angeschoben hat dieses Projekt der niedersächsische Verkehrsminister Olaf Lies (SPD). Das Land beteiligt sich mit 200.000 Euro, die Bahn AG mit 400.000 Euro an den Kosten. Seit Anfang des Jahres gab es sechs Sitzungen mit jeweils weit über 100 Beteiligten in Celle. Niedersachsen hat sogar weitere 200.000 Euro nachgeschossen, damit externe Sachverständige hinzugezogen werden konnten. „Wir wollen einen ehrlichen und offenen Dialog auf Augenhöhe“, rechtfertigt der Minister.

Ob Lärmschutz, Umweltschutz, Notwendigkeit neuer Trassen – es wird ein Kriterienkatalog erarbeitet, auf dessen Basis dann eine Empfehlung erfolgen soll. Vorentscheidungen werden schon bei der nächsten Sitzung am 9. Oktober erwartet.