Fortsetzungsroman Teil 7

Wann eine Frau tut, was der Mann will

Strippenzieher:
Kellnerin Steffi,
gespielt von Victoria
Fleer und Hansen,
alias Serkan
Kaya

Strippenzieher: Kellnerin Steffi, gespielt von Victoria Fleer und Hansen, alias Serkan Kaya

Foto: Andreas Laible / HA

Was bisher geschah: Die Strippen­zieherei des Reeders im Hintergrund zeigt erste Wirkung, denn die Hanseatin möchte sich offenbar doch aus dem Royal zurückziehen. Doch beim potenziellen Investor Yuri Karamasov scheint es sich um einen Hochstapler zu handeln. Hansen aber interessiert nur Natalie.

Schön, dass du endlich da bist“, sagte Hansen nach dem langen Kuss ergriffen und überreichte Natalie die Gerbera.

Sie strahlte: „Wir sind nur zwei Lichter, die fürs selbe Feuer brennen – die die gleichen Dinge lieben und dieselben Schmerzen kennen! Wo bist du nur gewesen all die wundervollen Jahre?“

Hansen hatte zwar nicht gewusst, dass Natalie dichten konnte, aber inzwischen war er sowieso fest davon überzeugt, dass seine schöne Braut eine ganze Menge Talent versteckte. Oder besser, voller Überraschungen steckte. „Ich bin schon ganz aufgeregt, Hansen“, sagte sie und stellte ihm dann ihre Freundin Rosie vor.

„Welcome. Hansen“, sagte Hansen, ganz Mann von Welt und küsste Rosie Pineapple die Hand. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, schwindelte er. Natalie schien es gar nicht zu merken. Sie ist bestimmt von der Reise gestresst, vermutete Hansen. „Habt ihr denn etwa nichts zu trinken bekommen­ ...?“ Er schaute sich um. „Erhardt! Eine Flasche Champagner!“

Natalie legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Danke, Hansen, aber ich kann jetzt noch nichts trinken!“

Steffi steckte ihren Kopf aus der Küchentür heraus und bedachte den Bräutigam mit einem giftigen Blick. Auch davon bemerkte Natalie nichts – zum Glück, dachte Hansen. „Natürlich. Wir haben ja auch noch was vor“, sagte er. Natalie sah ihn erwartungsvoll an. Ein Engel schwebte durch die Bar, doch er lächelte die unangenehme Stille souverän weg. Dann breitete Hansen entschuldigend die Hände aus. „Liebste, ich muss dich leider auch schon wieder verlassen. Das Fest braucht noch ein bisschen Vorbereitung. Die Blumen sind übrigens gerade gekommen – ach ja, und deine Schneiderin hat auch schon zweimal angerufen!“

„Vanessa?“, fragte sie.

„Ja, genau“, entgegnete Hansen, „und wegen der anderen Sachen, der Tischordnung und so weiter reden wir später, ja?“ Er fasste sie zärtlich an beiden Schultern. „Noch was: Ich hab uns im Hotel Jacob eingemietet. Als echter Hamburger verbringt man da die Hochzeitsnacht, hab ich mir sagen lassen.“ Jetzt war er es, der strahlte. Aber Natalie fing lauthals an zu lachen. Hansen sah sie irritiert an.

„Ich kenne das nur vom Leichenschmaus. Die sind auch immer da!“

Sie bekam sich kaum wieder ein. Rosie Pineapple grinste ebenfalls.

„Hansen!“, brüllte in diesem Moment eine Stimme aus der Küche. Hansen zuckte zusammen. Er hatte nicht gewusst, dass Steffi über ein so lautes Organ verfügte.

„Also bis gleich. Schön, dass du endlich da bist, Natalie!“, wiederholte Hansen seine erste Begrüßung von vorhin und folgte dann als braver Hund dem Ruf seines Frauchens.

„Du bist ja so süß!“, rief ihm Natalie hinterher und lachte weiter. Als sie sich beruhigt hatte, wandte sie sich an ihre Freundin Rosie. „Und? Wie findest du ihn?“

Rosie nickte anerkennend. „Er ist smart. Und seine Augen erst! Du hast nicht übertrieben. Good catch!“

Natalie faltete ihre Hände vor dem Bauch und verdrehte verzückt ihre Augen. „Ach, weißt du, mit ihm kann ich mir alles vorstellen, Rosie: eine Strandbar in Rio, eine Biofarm in Irland ... Vielleicht sogar Kinder!“

„Und das alles sofort?“

„Alles ist möglich, Rosie! Nur nicht zurück nach Hamburg!“

Die Küche des Royal war ein Schlachtfeld. Kein Wunder, dachte Hansen, wenn der Chefkoch einfach verschwindet, um sich Inspiration zu verschaffen. James, der Spüler, war für Ugur am Grill eingesprungen. Hansen verzog die Mundwinkel, als dem Ghanaer eine Dorade zwischen den Backen des Wenders herausglitschte und auf den Boden klatschte. „Macht nichts, Hansen!“, rief James fröhlich, „steril ist steril, auch wenn Fisch auf Boden fiel!“ Schon brutzelte die Dorade wieder auf dem Rost.

„Mensch, Hansen!“, sagte Steffi und nickte mit dem Kinn in Richtung Kühlhaus – wo der Reeder mit verschränkten Armen vor der Brust stand und das Tohuwabohu interessiert beobachtete.

„Herr Laeisz!“, sagte Hansen verblüfft, „Sie hier?“

„Na, alles im Griff, Hansen?“, fragte der Reeder.

Die Frage kann er eigentlich nicht ernst meinen, dachte Hansen. Aber er sagte: „Alles in Butter auf dem Kutter, Herr Laeisz!“

Der Reeder lächelte einmal mehr sein dünnes Lächeln. „Gut, dass Sie Ihren Humor nicht verloren haben. Wenn Sie aber erst mein Schwiegersohn sind, müssen wir ein paar Sachen angehen ...“

„Klar“, sagte Hansen mit fester Stimme.

„Als Erstes müssen Sie in einen Club. Rotary, Lions oder besser noch Anglo-German, da kenn ich den Vorsitzenden. Sie müssen in andere Kreise rein! Das ist auch gut fürs Lokal! Doch darüber müssen wir reden. In Hamburg kann der falsche Club tödlich sein ...“

„Können wir das nicht nach der Hochzeit besprechen?“, fragte Hansen. Er hatte eigentlich Neuigkeiten bezüglich des russischen Investors Karamasov erwartet.

„Na klar!“, sagte Laeisz und lachte. „Wissen Sie, Hansen, die meisten kennen sich vom Hockey. Denn jeder anständige Hamburger Jung, der was auf sich hält, hat mal Hockey gespielt! Mannschaftssport ist alles – aber Hockey ist Kunst!“, fuhr er ungerührt fort.

„Hockey?“, fragte Hansen.

„Ja, wenn Hockey einfach wäre, dann würde es ja Fußball heißen!“, rief der Reeder und brachte hinter seinem Rücken zwei Gläser Champagner zum Vorschein, von denen er Hansen eins in die Hand drückte.

„Lassen Sie uns anstoßen. Ich wünsche Ihnen und meiner Tochter alles Glück der Welt. Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir da für einen Gefallen tun, Hansen. Endlich ist sie gelandet ...“ Hansen stand stocksteif da. Der Reeder hob sein Glas. „Auf dich, Natalie! Endlich bist du zurück, in Hamburg. An der Seite eines tollen Mannes und jetzt die Chefin deines alten Kinderzimmers ...“ Hansen wunderte sich, dass der Reeder mit einem Kühlschrank sprach. Jochen Laeisz wandte sich wieder an ihn. „Keine Sorge, die ganze Brautrede halte ich erst morgen ... Mein lieber Hansen, da haben Sie wirklich einen tollen Fang gemacht. War ich ja auch ein bisschen dran beteiligt ... Santè: Ich bin der Jochen!“

Sie stießen mit den Gläsern an. „Und ich bin der Hansen!“, sagte Hansen, in dessen Magen es plötzlich unangenehm zu kribbeln begann. Aber das lag weder am Champagner noch an Steffi, die in diesem Moment, mit vier Tellergerichten auf einmal, vehementer als nötig gegen die Schwingtür trat, um sie zu öffnen. Kann es wirklich sein, fragte sich Hansen, dass ich auf einmal kalte Füße bekomme?

Als der Reeder die Küche durch den Hinterausgang auf den Hof hinaus verlassen hatte, ging Hansen einen Moment lang in sich. Und je länger er über sich nachdachte, desto mehr musste er sich eingestehen, dass er gerade dabei war, einen Teil seiner Persönlichkeit aufzugeben. Oder, wenn man es aus einem anderen Blickwinkel betrachtete, genau diesen Teil wiederzuent­decken. Denn soweit es die Liebe betraf, hielt sich Hansen – wenn er ehrlich zu sich selbst war – für einen echten Loser. Wenn er eine Frau kennengelernt hatte, war er zumeist aufgestanden, während sie noch schlief, und hatte sich ganz schnell hinaus auf die Straße verpisst, wo er sich – als selbst ernannter Asphaltcowboy – im rauen Wind irgendwie zu Hause gefühlt hatte. Die Liebe hatte er bisher immer als Käfig empfunden, aber jetzt war Natalie in sein Leben geknallt und hatte ihn zu Boden geschleudert wie ein Überfallkommando. Und obwohl er auf dem Schlachtfeld der großen Gefühle schon häufig verwundet worden war, hatte er es zugelassen, dass Natalie die Mauer um sein kaltes Herz eingerissen hatte. Jetzt war es zu spät, um abzuhauen, und Hansen hatte sich mannhaft dazu entschlossen, zu lieben – mit vollem Risiko.

„Hier bist du!“, sagte Natalie.

Hansen fuhr herum. „Komm doch rein“, sagte Hansen und warf einen Blick auf die abgearbeitete Bonleiste, „hier ist es jetzt ruhiger.“ Der Mittagstisch war offensichtlich vorbei. Jetzt würden nur noch ein paar Nachzügler bestellen. „Wann fährst du denn ins Hotel?“

„Ich muss vorher noch zu Vanessa – wegen des Kleides“, sagte Natalie. Sie begrüßte die Küchenmannschaft mit einem freundlichen Kopfnicken.

Hansen zog sie um die Ecke vors Kühlhaus. „Eine Sache müssten wir noch dringend für heute Abend besprechen“, sagte er.

„Nur eine?“ Natalie grinste ihn an.

„Natürlich nicht, aber wir brauchen eine Tischordnung, sonst gibt es ein Chaos!“, sagte Hansen mit Nachdruck.

Natalie zog eine Flunsch. „Och nöö – wie spießig, Hansen! Udo Lindenberg sagt doch immer: Ohne Plan, ganz spontan ...“

„Den kennst du auch?“

„Ach, weißt du, ich hab mal in einer Galerie seine Likörelle ausgestellt!“

Noch so eine unbekannte Facette, dachte Hansen. Er nahm ihre Hand. „Bitte, Natalie. Ich hab mir erlaubt, anhand der Gästeliste einen Plan für morgen zu machen. Wollen wir da mal zusammen draufgucken?“ Er zog aus seiner Gesäßtasche ein zusammengefaltetes Blatt Papier und entfaltete es. Natalie warf einen kurzen Blick auf Hansens Tischordnung.

„Und ich sitze ... wo? Zwischen dir und Yuri? Wer ist denn das überhaupt?“

Begeisterung hört sich anders an, dachte Hansen. „Das ist unser neuer Partner. Er steigt demnächst mit in unser Restaurant ein“, sagte er.

„Und deshalb muss ich neben ihm sitzen? An solch einem Tag?“

„Das ist doch nur morgen Abend ...“, wandte er ein.

„Nein, das ist ein besonderer Tag! Da will ich zwischen meinen Freunden sitzen, bei meinem Vater – und bei dir!“

Hansen blieb geduldig. „Sieh mal“, versuchte er Natalie zu erklären, „Mir gegenüber sitzt beispielsweise Knut Knudsen, unser wichtigster Fischlieferant. Der wäre strunzbeleidigt, wenn ich ihn an den Rand setzen würde!“

„Aber das ist unsere Hochzeit. Da sind mir diese Leute scheißegal!“, rief Natalie.

„Aber mir nicht. Das Lokal ist unsere Zukunft!“

„Unsere Zukunft?“ Sie nahm ihm die Tischordnung aus der Hand und zerriss sie in kleine Schnipsel. „Das machen wir noch mal neu!“, stellte sie fest. „Und diesmal mache ich das!“

„Okay“, sagte Hansen, aber er meinte das nicht so.

Natalie sah es sofort. „Vertraust du mir?“

„Na ja, aber du kennst ja kaum ...!“, sagte er, und seine Stimme hörte sich kläglich an.

„Vertraust du mir?“, hakte sie nach. Hansen nickte, gottergeben. „Sag, dass du mir vertraust!“

„Ich vertraue dir“, sagte Hansen.

Natalie lächelte ihn an. „Ich liebe dich“, entgegnete sie.

„Ich liebe dich auch“, würgte Hansen hervor.

„Winke, winke“, flötete seine Braut. Sie schwebte aus der Küche und ließ ihn mit einem schalen Geschmack im Mund zurück. In der Schwingtür rasselte sie mit Steffi zusammen, die Ugur vor sich herschob. Aber sie lief weiter, als wäre die Oberkellnerin bloß Luft.

Steffi schüttelte empört den Kopf, und Hansen erschrak fürchterlich, als er merkte, dass er sich zum ersten Mal für Natalie schämte.

Ugur trat vor die Spülstraße, ließ sich im Schneidersitz auf dem rutschfesten Kachelboden nieder, bildete aus seinen Händen ein Zelt vor der Brust, schloss die Augen und sagte: „Ommmmm!“

Steffi zuckte die Schultern. „Ich habe ihn in der Fasskühlung gefunden“, sagte sie.

„Sag mal, Ugur, bist du jetzt auch durchgedreht?“, fragte Hansen.

Der Koch schielte hoch zu ihm. „Es sind einfach zu viele bad vibrations hier im Raum. So schaffen wir das nicht, Hansen. Ich würde mir das alles noch mal überlegen, an deiner Stelle – denn meistens hängt ja irgendwie alles mit allem zusammen ... Ommmm!“

Hansen beschleunigte von null auf 200: „Halt die Klappe, du Küchenphilosoph. Oder ich schmeiß dich achtkantig raus!“, rief er erbost.

Steffi stellte sich schützend vor Ugur. „Hansen, so geht das nicht“, sagte sie ruhig. So stehen wir den Abend nicht durch. Du nicht und wir alle auch nicht. Entspann dich mal!“

Hansen atmete ein paar Mal tief durch. Dann begann er die Papierschnipsel vom Boden aufzusammeln. „Wie soll ich mich denn entspannen?! Natalie ist wie verwandelt! Plötzlich passt ihr gar nichts mehr. Mit ihrer Tischordnung müsste ich mich mindestens ein Jahr lang bei allen entschuldigen. Aber das ist ihr völlig egal. Ich glaube fast, alles ist ihr egal – Hamburg interessiert sie nicht, und das Royal interessiert sie auch nicht!“

Steffi ging in die Hocke, um ihm beim Aufklauben der Schnipsel zu helfen. Ihre Blicke trafen sich. „Hansen“, sagte sie leise, „das musst du unbedingt klären. Bevor du dich unglücklich machst ...“

Am Montag lesen Sie: Sind Hummer glücklich, wenn sie kochen? – Hansen dreht an allen Rädern

H A M B U R G R O Y A L

Voraufführungen:
22. und 23.9., Premiere am 24. September, St. Pauli Theater. Die weiteren Vorstellungen: bis 1. November täglich außer montags, jeweils 20 Uhr, sonntags 19 Uhr, 17. Oktober 15 Uhr.
Eintrittskarten:
von 18,90 € bis 65,90 € inkl. aller Gebühren gibt es unter T. 47 11 06 66 oder unter Hamburger Abendblatt-Ticketline T. 30 30 98 98