Fortsetzungsroman Teil 5

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

In schräger Gesellschaft: Die Hauptrollen spielen: Serkan Kaya (hinten rechts), Victoria Fleer (l.), Anneke Schwabe. Vorn (v.l.): Johanna Christine Gehlen, Michael Prelle, Ramona Schlenker

In schräger Gesellschaft: Die Hauptrollen spielen: Serkan Kaya (hinten rechts), Victoria Fleer (l.), Anneke Schwabe. Vorn (v.l.): Johanna Christine Gehlen, Michael Prelle, Ramona Schlenker

Foto: Oliver Fantitsch

Was bisher geschah: Dank Steffis Großmut bekommt die Mannschaft des Royal den Mittagstisch pannenfrei über die Bühne. Gleichzeitig erfährt Hansen, dass er von den Stammgästen des Royal inzwischen offensichtlich gut gelitten ist. Rückhalt kann er für sein seelisches Gleichgewicht gut gebrauchen, denn der Tag ist für Hansen noch lange nicht zu Ende ...

Jochen Laeisz zupfte ein Fädchen von seinem dunkelblauen Blazer mit den Goldknöpfen. Man konnte es ihm zwar nicht ansehen, aber der honorig wirkende, weißhaarige Reeder fühlte sich in der Gesellschaft des russischen Kaviarimporteurs Yuri Karamsov, der zu dieser wichtigen Geschäftsbesprechung gleich drei luftig bekleidete Assistentinnen mitgebracht hatte, etwas deplatziert. Denn der Russe, den er ein paar Wochen zuvor in St. Petersburg kennengelernt hatte, besaß zwar Geld, aber dafür umso weniger Manieren.

Laeisz, der sich dank zweier hervorragend geratener Töchter inzwischen kaum mehr in seiner Reederei an der Palmaille blicken lassen musste, hatte sich in den Kopf gesetzt, das Royal – das er stets als sein Wohnzimmer zu bezeichnen pflegte – zu retten. Dafür hatte er in den vergangenen drei Jahren im Hintergrund kräftig an Strippen gezogen und nicht zuletzt auch eine ziemlich hohe Summe investiert.

Ein in jeder Hinsicht potenter Russe

Sein letzter Coup war die Verpflichtung von Hansen als zweiter Geschäftsführer neben der Hanseatin gewesen, mit dem es inzwischen tatsächlich besser lief, wenn auch nicht optimal. Dazu musste er nun versuchen, seine alte Freundin Emmi Overbeck mit ihrer aristokratischen Nase endlich aufs richtige Gleis zu stoßen. Aufs Abstellgleis nämlich, damit das wahnwitzige Verfeuern von Geld endlich ein Ende hatte.

Und wenn nun ein in offenbar jeder Hinsicht potenter Russe wie Karamasov bereit war, einen Teil seines Geldes in das Royal zu investieren, sollte es dem Reeder ebenfalls recht sein. Schließlich steckte der Containerumschlag im Hafen in der Krise oder, besser gesagt, im Schlick der zu flachen Fahrrinne des Stroms. Jochen Laeisz war nicht der einzige hamburgische Schifffahrtskaufmann von internationalem Rang, der inzwischen häufig von gigantischen Schwimmbaggern träumte und gleichzeitig bisher vergeblich auf den Pragmatismus der Justiz gehofft hatte, die den Argumenten der Natur- und Umweltschützer seiner Meinung nach viel zu aufgeschlossen war ...

Neben ihm betatschte Karamasov den alten Sextanten, eines von zahlreichen Dekorstücken, die Viktor Overbeck, der Gründer des Royal, im Laufe seines Wirkens zusammengetragen hatte. „Was ist das?“, fragte er in seinem gebrochenen Deutsch, „häh? Sieht sich aus wie Kaschemme in Novosibirsk! Und Publikum genauso!“

„Ab morgen ist er übrigens mein Schwiegersohn“

Seine drei Assistentinnen, die er dem Reeder als „Trixi“, „Biggi“ und „Babusch“ vorgestellt hatte, kicherten. Der Reeder machte gute Miene zum bösen Spiel. „Muss alles werden anders!“, rief Karamasov, allerdings eine Spur zu laut. „Muss Leben rein! Mehr Klasse! Wo ist Schwung, wo ist Kaviar, wo ist Gold?“ Er blickte Steffi hinterher, deren Rocksaum das Knie umspielte. „Und warum gehen Röcke bis Boden?“

Der Reeder legte seine Hand beschwichtigend auf den Unterarm des kräftigen, untersetzten Russen. „Ach, Yuri, davon verstehen Sie nichts. Seit 30 Jahren ist das Royal mein Wohnzimmer. Das nennen wir hier Tradition – ich habe mich ja schließlich nicht umsonst eingekauft!“

Karamasov lachte dröhnend auf. „Tradition? Mein Freund: Transportierst du deine Container auch noch immer mit Segelschiff?“

„Aber nein“, sagte der Reeder, „seit Hansen im Royal am Ruder steht, kommt jetzt schon eine Menge frischer Wind rein. Ab morgen ist er übrigens mein Schwiegersohn.“ Karamasov warf einen kritischen Blick auf Hansen, der sich mit zwei Stammgästen unterhielt. „Sie werden sehen, Yuri: Mit seinem Schwung und Ihren Investitionen bringen wir den Laden hier ganz weit nach vorn!“

„Was wir brauchen jetzt, ist Revolution!“

Karamasov sah den Reeder zweifelnd an und schwieg. Er teilte den Rest einer Champagnerflasche schwesterlich unter seinen Assistentinnen auf und widmete sich dann ganz Hansen, der zuerst dem Reeder, dann dem Russen die Hand schüttelte. Als Hansen Karamasovs schwielige Hand drückte, fühlte er sich augenblicklich an einen Schraubstock erinnert.

„Nehmen Sie doch Platz, Hansen“, sagte der Reeder, „Sie kennen die Damen?“

„Ich fürchte, nein!“, sagte Hansen wahrheitsgemäß und glitt auf den letzten freien Stuhl. Es war ein Vierertisch, sie waren jedoch zu sechst, und Hansens Oberschenkel rieb sich unabsichtlich am nylonbestrumpften Bein der Schönheit, die ihm der potenzielle Investor aus St. Petersburg als Trixi vorstellte. „Und das da Biggi und Babusch“, fuhr Karamasov fort. Die drei Frauen nickten artig. „Machen gute Arbeit. Hab ihnen versprochen, wenn sie wollen aufhören, können sie bei uns anfangen. Sind ehrlich, tun nix bescheißen. Bei uns man sagt: Frisches Blut tut jedem gut!“ Er lachte herzhaft. Hansen sagte nichts. Er fühlte sich bloß unwohl. Falsch. Ihm wurde regelrecht übel.

Der Reeder lächelte ein dünnes Lächeln. „Also, Yuri, das mit dem Personal sollten wir doch Hansen überlassen ...“

Hansen sah Laeisz dankbar an. Karamasov hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. „Bin ich Mitbesitzer, stelle ich Leute ein, ganz klar! Jochen, wir müssen sein jetzt radikal!“ Hansen und der Reeder musterten den Russen verständnislos. „Was wir brauchen jetzt, ist Revolution!“, sagte Karamasov.

Hansen und der Reeder nickten automatisch, obwohl sie keinen blassen Schimmer hatten, worauf er hinauswollte. Eine seiner drei Assistentinnen, diejenige, die Biggi hieß, sagte: „Was wir brauchen, ist was zu trinken. Wir gehen mal gucken!“

„Darf ich Ihnen unsere Bar empfehlen?!“, sagte Hansen, aber das war nur eine höfliche Floskel, denn Hansen meinte, zumindest zwei der beiden Damen schon mindestens zweimal gesehen zu haben; einmal in Begleitung eines Boxweltmeisters im Halbschwergewicht, das andere Mal mit zwei Bankdrückern des Hamburger Sportvereins. Die Damen mochten es offenbar sportlich.

Die Pläne von Yuri Karamasov

„Du musst verstehen, Jochen!“, sagte Karamasov, „wir müssen machen neue Tische. Große Tische, damit Gäste können zusammen essen ... Nicht da zwei und da zwei und da vielleicht vier, sondern wie in Russland, wie eine große Familie!“

Hansen schenkte Karamasov einen zweifelnden Blick. „Ich bin mir nicht sicher, Herr Karamasov, ob die Hamburger das mögen werden“, wandte er in ruhigem Ton ein und lernte im nächsten Moment eine Menge über russische Verhandlungstaktik. Die darin bestand, dass sein Gesprächspartner überhaupt nicht darauf einging, was er gerade gesagt hatte.

„Doch werden mögen, weil funktioniert auch in Russland!“, sagte Karamasov, „einer bestellt Tisch für mindestens sechs, besser acht Gäste. Wir machen Royal wie Club! Nicht jeder darf rein, aber alle wollen rein, denn einer muss bestellen Tisch für 6, für 8. Wie Club: Nicht jeder kommt rein, aber alle wissen, wer Geld und Einfluss hat, ist hier in Club. Und ab sofort stehen draußen nur noch schöne junge Mädchen, die alle wollen rein. Und wer Tisch hat, geht raus und sagt ,und die da, die und die da auch! “

Der Reeder tupfte sich mit der gestärkten Leinenserviette die Mundwinkel und hüstelte verlegen. „Also, Yuri“, sagte er leise, „das klingt ja fast so ... also jetzt habe ich für einen Moment doch fast gedacht, dass Sie aus meinem guten alten Royal einen Puff machen wollen!“

Da hast du richtig gedacht, Schwiegervater, dachte Hansen, aber er behielt seine Ansicht für sich.

Karamasov breitete die Arme aus. „Jochen, kein Sex. No, no, no! Nur Unterhaltung. Dame zahle nix. Was die mache nachher, mir egal, bin nicht dabei. Was glaubst du, wie viele Frauen jeden Abend in gute Restaurant zahlen nix!“

„Nun ja“, warf Hansen ein, „Yuri, sehen Sie mal – wir sind hier in Hamburg. Ich darf Ihnen mal den Unterschied erklären. In Griechenland beispielsweise – Krise hin oder her – streiten die Reederfrauen darüber, welcher ihrer Männer die schönere Geliebte hat. In Hamburg redet man da gar nicht erst darüber ...“ Jochen Laeisz nickte. Anscheinend war auch er mit dieser Erklärung sehr zufrieden.

Ein goldener Fisch verschwindet

Karamasov zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall muss hier auch noch Aquarium hin“, sagte er, „genau in Mitte!“

„Das ist bei uns aber nicht erlaubt mit Speisefischen“, sagte der Reeder.

„A-bah – nix essen. Koi-Karpfen“, sagte Karamasov, „und in große Tische werden außerdem Aquarium eingebaut!“ Scheiße, dachte Hansen, jetzt bin ich am Arsch. Er behielt recht. „Wo ist Fisch?“, fragte der Russe lauernd.

„In der Küche natürlich“, antwortete Hansen und wünschte sich in diesem Augenblick eine Fehlfunktion der Sprinkler-Brandschutzanlage.

„Nicht der Fisch – der goldene Fisch!“, rief Yuri Karamasov.

„Ach so, der war von Ihnen?“, fragte Hansen.

Der Russe wandte sich an den Reeder. „Habe ich heute Morgen geschickt an Hansen: Ist sich Bewohner für neue Deko – Tisch mit eingebaute Aquarium. Fisch heißt Yuri, genau wie ich ... Wo ist er, Herr Hansen?“

Hansen hüstelte verlegen. „Auch in der Küche, Herr Karamasov“, sagte er und erhob sich rasch von seinem Stuhl. „Ich glaube, ich werde mal besser nach ihm sehen.“ Und weg war er.

Genau 14,7 Sekunden später platzte er in die Küche hinein, wo sich die internationale Mannschaft im Kollektiv bei einer heimlichen Zigarette vom Stress des Mittagstisches erholte. Was strikt verboten war, natürlich. Aber Hansen wollte nur eins wissen: „Wo zur Hölle ist Ugur?“

„In Lager“, antwortete Tibi, der Rumäne.

„Da ist er nicht“, sagte Aziz, der Syrer.

„Dann vielleicht in Keller!“, schlug James, der Ghanaer vor, „sucht vielleicht Inspiration!“

Hansen stemmte seine Hände in die Hüften. „Der soll nicht inspiriert sein, der soll kochen! Verdammt, wir haben Mittag!“, rief er.

„Alles easy, Boss – wir haben das im Griff“, meinte James.

Tibi meldete sich. „Mir fällt gerade ein: Ugur hat angeschaut Goldfisch in Beutel!“

„Was? Wo ist dieser verdammte Goldfisch?“ Hansens Stimme überschlug sich fast.

„Hat er bestimmt mitgenommen in Keller – wegen Inspiration!“, warf der ghanaische Spüler ein.

„Ja, ihm ist was eingefallen für Hochzeit morgen“, sagte Aziz.

Der Chefkoch hat den Goldfisch und denkt mit ihm über Rezepte nach

Hansen wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Atem ging jetzt stoßweise. „Also noch mal: Ugur hat den Goldfisch mitgenommen und denkt über Rezepte nach? Herrgott noch mal, dieser halbirre Russe da draußen will den Goldfisch als Deko – und zwar lebend! Wenn dem verdammten Fisch was passiert – dann haben wir garantiert die Tschetschenen auf dem Hals!“

Tibi zuckte gelassen mit den Schultern. „Ich hab Schwager, der besorgt dir neue Goldfisch – und Farbe kannst du sogar aussuchen, Cheffe“, sagte er.

„Danke sehr, Tibi. Ich komme darauf zurück. Jetzt muss ich erst einmal Ugur finden ...“ Er rauschte aus der Küche hinaus und pfefferte Erhardt dabei fast die Schwingtür ins Gesicht. Steffi, die sich zwei Schritte hinter dem Oberkellner befand, trat erschrocken zur Seite.

„Was war denn das eben?“, fragte Erhardt erschrocken.

„Das war Hansen“, meinte Steffi.

„Kann sein, dass Chef ist nervös?“, fragte Tibi, als die beiden unverletzt die Küche betraten.

„Vielleicht hat er rausgekriegt, dass wir sind hier ohne Papiere“, sagte der Ghanaer und sah seinen syrischen Kollegen an.

„Ich nicht! Ich hab ’nen EU-Pass!“, rief Tibi.

Steffi verdrehte die Augen. Die Hanseatin schien nicht zu wissen, dass der Zoll in letzter Zeit verstärkt die gastronomischen Betriebe in der Stadt kontrollierte. Aber die Kapriolen der Witwe interessierte sie jetzt nicht. Sie zog Erhardt aus dem Dunstkreis der Küchenhelfer vor die Kühlung. „Hast du das eigentlich gewusst mit der Hochzeit von Hansen?“

Erhardt schüttelte den Kopf. „Nein, niemand wusste das. Das war topsecret. Und wie geht es dir damit?“

„Frag mich was anderes“, sagte Steffi. Sie ließ ihren Kopf hängen und zog hoch. Der erfahrene Oberkellner sah ihr deutlich an, wie sehr sie diese überraschende Neuigkeit mitgenommen hatte.

„Noch sind sie aber nicht getraut“, sagte er und beugte sich verschwörerisch vor.

Steffi sah ihn erstaunt an. „Wie meinst du denn das?“

Erhardt begann zu schmunzeln. „Da kann noch viel passieren. Ich kenne doch meine Natalie!“

Morgen lesen Sie: Männer mit Ladehemmung – Natalies neuer Plan, von dem Hansen nichts weiß.

Vorstellungen im St. Pauli Theater:

Voraufführungen: 22. und 23.9., Premiere am 24. September, weitere Vorstellungen bis 1. November täglich außer

montags, jeweils 20 Uhr, sonntags 19 Uhr, 17. Oktober 15 Uhr.

Eintrittskarten: 18,90 € bis 65,90 € inkl. aller Gebühren. Erhältlich unter www.st-pauli-theater.de, telefonisch unter: 040 - 47 11 06 66 oder unter Hamburger Abendblatt-Ticketline 040 - 30 30 98 98