Scharlatan Theater

Wenn ein Theater für Unternehmen spielt

Vorhang auf: Frank Dudden (l.), Michael Brandt und Manuela Bäcker vom Scharlatan Theater bei einer Probe

Vorhang auf: Frank Dudden (l.), Michael Brandt und Manuela Bäcker vom Scharlatan Theater bei einer Probe

Foto: Andreas Laible

Was tun, wenn es Konflikte im Betrieb gibt oder die nächste Sparrunde ansteht? Die Hamburger Business-Bühne Scharlatan hilft.

Das Mitarbeitergespräch droht völlig aus dem Ruder zu laufen: Die Chefin ist zunehmend zickig, ihr Untergebener äußerst bockig. Es wird gemault, gekeift, mit dem Kugelschreiber auf das Gegenüber gedeutet und ihm mit Konsequenzen gedroht.

Es ist eine Szene, die es so in einem Unternehmen nie geben sollte, und genau deshalb proben die Schauspielerin Manuela Bäcker und ihr Kollege Frank Dudden sie im Erdgeschoss des Scharlatan Theaters. Das hat seinen Sitz auf drei Etagen in einem ziemlich nüchternen Gewerbebau an der Gotenstraße (Hammerbrook), bespielt mehrere Probebühnen und hat einen festen Pool von Schauspielern, aber keine Eintrittskasse. Denn das Scharlatan, das im Untertitel als „Theater für Veränderung“ firmiert, ist ein sogenanntes Businesstheater, das an Orten spielt, für die es gebucht wurde. Gründer Ali Wichmann sagt, es sei das erste und damit älteste in Deutschland.

Alles begann 1985 mit dem Auftritt in der Hamburger Markthalle

Businesstheater? Das ist Theater mit und für Unternehmen und reicht von Komik bis zum Persönlichkeitstraining mit den Mitteln von Schauspiel und Bühne. In den 30 Jahren seit der Gründung hat das Theater für Veränderung selbst jede Menge Veränderungen durchgemacht. Eines aber ist geblieben. „Wir arbeiten mit Ironie und Komik“, sagt Wichmann, „bei uns wird grundsätzlich gelacht.“

Alles begann 1985 mit dem Auftritt einer freien Theatergruppe namens Scharlatan in der Hamburger Markthalle. „Da waren plötzlich 600 Zuschauer“, erinnert sich Wichmann. Er und ein Kompagnon machten danach erst einmal allein weiter: Straßentheater, Aktionen unter Einbeziehung der Zuschauer, bald waren die „komischen Kellner“ geboren. Bedienungskräfte, die bei einer Veranstaltung aus der Rolle fallen und damit letztlich den ganzen Saal unterhalten.

Die Kellner gehören zu der Kategorie von Aufführungen, die Wichmann „die Klassiker“ nennt. Unterhaltungstheater, das bisweilen etwas steife Firmenveranstaltungen auflockert. Auch „Professor Dr. Friedrich Faber“ gehört dazu, der mittlerweile kurz vor seinem 1000. Auftritt steht. Der Professor ist ein bei Kongressen zunächst bierernst referierender Wissenschaftler, dessen Vortrag aber schnell ins Skurrile bis Bizarre abgleitet. „Faber dient der Kongresshygiene“, sagt Wichmann. „Teilnehmer, die nach zwei Fachvorträgen schon leicht ermüdet sind, sind nach seinem Vortrag garantiert wieder hellwach.“

Es gibt kein DAX-Unternehmen, für das das Theater noch nicht tätig war

Die zweite Säule des Businesstheaters sind die Auftragsproduktionen, also speziell auf die Anforderungen des Unternehmens zugeschnittene und eigens für sie geschriebene Stücke. Das kann ein kurzer Sketch sein oder eine dreiteilige Aufführung mit einem halben Dutzend Schauspielern und eigens komponierter Musik. Häufig geht es darum, Veränderungsprozesse in Unternehmen – Umstrukturierungen, Fusionen, neue Vertriebsstrategien oder Leitlinien für Führungskräfte – zu begleiten und mit den Mitteln des Theaters anschaulicher in die Belegschaft zu transportieren, als es interne Mitteilungen oder Vorträge könnten. Businesstheater ist also eine besondere Form der Unternehmenskommunikation.

Klar ist: Der Auftrag kommt fast immer aus dem Management, und die Proben beginnen erst, nachdem der Auftraggeber das von den Scharlatan-Autoren geschriebene Stück autorisiert hat. Doch Einseitigkeit wäre ein Fehler. „Bevor ein Stück geschrieben wird, reden wir mit allen Beteiligten. Theater kann firmeninterne Diskussionen dann beflügeln, wenn es ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet“, sagt Ali Wichmann. Die Figuren in den Stücken müssten glaubwürdig sein und ihre Konflikte denen ähneln, die es in der Firma tatsächlich gibt. „Wer uns engagiert, geht ein Risiko ein – und zeigt damit Souveränität“, sagt der Scharlatan-Gründer.

30.000 bis 50.000 Euro lassen sich die Firmen das Engagement des Businesstheaters für gewöhnlich kosten, es geht aber auch günstiger. Pro Jahr gibt es um die 150 Produktionen. Im vergangenen Jahr hatte das Scharlatan den bisher aufwendigsten und größten Auftrag seiner Geschichte, als die LVM-Versicherung ihren Mitarbeitern eine neue Strategie und die veränderte Ausrichtung des Unternehmens auch mit Spielszenen nahebrachte: Ein ins­gesamt einstündiges, dreiteiliges The­aterstück (Wo kommen wir her? Wo stehen wir? Wo wollen wir hin?), zwei Spielorte in zwei Städten, 36 Auftritte vor insgesamt 8000 Menschen, drei Ensembles mit jeweils fünf Darstellern, das Honorar: ein mittlerer sechsstelliger Betrag.

„Es gibt kein DAX-Unternehmen, für das wir noch nicht tätig waren“, sagt Wichmann. Doch insgesamt ist der Geschäftsgang rückläufig. Zwei Millionen Euro Umsatz machte das Scharlatan Theater im vergangenen Jahr. 2007, im umsatzstärksten Jahr der Unternehmensgeschichte, waren es 3,6 Millionen Euro gewesen. „Die Firmen haben ihre Budgets für solche Veranstaltungen radikal gekürzt.“

30 Prozent des Umsatzes machen Personaltraining und -entwicklung aus

Zugleich aber tun sich neue Geschäftsfelder auf. „Viele Unternehmen haben erkannt, dass der wichtigste Faktor für Erfolg der Mensch ist“, sagt der gelernte Maschinenschlosser, abge­brochene Philosophiestudent, Trainer und Coach Wichmann. Mit steigender Tendenz erwirtschaftet das Theater mittlerweile etwa 30 Prozent seines Umsatzes im Bereich Personaltraining und -entwicklung mit den Methoden des Theaters.

Das kann ein Training „Verkaufen mit Humor“ sein. Oder ein Training für Vorgesetzte zur guten Mitarbeiterführung, für das Manuela Bäcker und Frank Dudden unter Anleitung des künstlerischen Leiters Michael Bandt gerade proben, wie man es gerade nicht macht. Die Scharlatan-Macher studieren mit Auszubildenden Theaterstücke ein und bieten den Workshop „Die Marke Ich“ an. In ihm lernen Mitarbeiter, ihre eigenen Stärken und Ressourcen zu erkennen und dann für sich und damit letztlich auch für das Unternehmen zu nutzen.

Das Theater für Veränderung steht voraussichtlich auch in den nächsten Jahren vor Veränderungen. Und wie würde eine Businesstheater-Aufführung aussehen, die den zwölf fest angestellten und den vielen freien Mitarbeitern die Frage beantwortet: Wo wollen wir hin? „Das würde nicht funktionieren“, sagt Ali Wichmann lächelnd. „Schauspieler und Werber nehmen sich so ernst, dass sie über sich selbst nicht lachen können.“