Umweltschutz

Expedition ins Plastik-Reich von Nord- und Ostsee

Professorin Gesine Witt und Aledaran-Skipper Frank Schweikert an Bord des Forschungsschiffs

Professorin Gesine Witt und Aledaran-Skipper Frank Schweikert an Bord des Forschungsschiffs

Foto: TAhlf@wmg.loc / Axel Tiedemann

Wissenschaftler untersuchen in norddeutschen Flüssen und Meeren, wie gefährlich Kunstoff im Wasser für Tiere und Menschen sein kann.

Hamburg. Wer morgens vor dem Spiegel seine Zähne putzt, dürfte kaum auf den Gedanken kommen, dass sich nun eine Forschungsfahrt eines Wissenschaftlerteams der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) mit solchen Vorgängen befasst. Nicht mit dem direkten Putzen zwar, aber mit dem, was danach im Ausguss des Waschbeckens verschwindet: kleinste Plastikpartikel, die als eigentlicher Putzbestandteil von Zahnpasta über Kläranlagen und Flüsse ins Meer gelangen. „Und da wirken sie wie ein Magnet auf giftige Schadstoffe“, sagt Professorin Gesine Witt, 50, die an der Bergedorfer Life-Sciences-Fakultät der HAW im Bereich Umweltchemie forscht.

Die Forscher untersuchen Elbe, Weser, Nord- und Ostsee

In den kommenden 25 Tagen wird die Professorin mit Kollegen der Universitäten Bayreuth, München und dem Deutschen Geoforschungszen­trum Potsdam auf dem Hamburger Forschungsschiff „Aldebaran“ auf Elbe, Weser, Nord- und Ostsee unterwegs sein, um Proben einzusammeln, die später im Labor ausgewertet werden sollen. Am Dienstag legte die „Aldebaran“ in Hamburg ab. Begleitet werden die Forscher von dem Biologen und „Aldebaran“-Skipper Frank Schweikert. Das knapp 14 Meter lange Segelschiff, eine Ovni 43, ist wie ein Labor ausgerüstet und wird gerade für kleine Expeditionen gerne von Wissenschaftlern genutzt. Es verfügt über einen Hubkiel und kann auch sehr flache Gewässer anlaufen.

An etwa 40 verschiedenen Positionen hatten die Forscher vor drei Monaten ihre Probensammler ausgelegt, die bis ins Sediment der Gewässer reichen: in diesen kleinen, etwa bechergroßen Kupferbehältern sind Siliconfäden gespannt. Wie andere Kunststoffe auch sei dieses Silicon „sehr Fett liebend“, sagt Gesine Witt. Dadurch würden sich Schadstoffe wie etwa Pestizide daran so gut binden. Je länger die kleinen Plastikteile im Wasser schweben, desto mehr nehmen sie solche Gifte auf, die teils aus Altlasten noch in Elbe oder Nordsee gelöst sind. „Das können wahre Giftcocktails werden, die über die Nahrungskette zurück zum Menschen gelangen“, sagte Gesine Witt. „Ich esse beispielsweise daher keine Muscheln mehr.“

Sehr kleine Plastikteile gelangen in die Gewässer

Das Hauptproblem seien sehr kleine Plastikteilchen. Zum Teil stammen sie aus größeren Stücken wie Plastik­tüten. Die verwittern zwar, werden immer kleiner – aber können eben nicht abgebaut werden und schweben als sehr kleiner Plastikmüll auch in Elbe und Nordsee. Hinzu kämen immer mehr kleinste Kunststoffteilchen, die aus Kosmetika wie Peelingcremes, Zahnpasta oder durch das Waschen von Fleece-Bekleidung in Flüsse und Meere gelangen. Mit der „Aldebaran“-Expedition erhoffen sich die Forscher nun Erkenntnisse darüber, wo im Sediment diese Teilchen besonders häufig zu finden sind. Zudem soll mithilfe von Satellitenaufnahmen herausgefunden werden, ob man mit Spezialkameras diese „Mikroplastikfracht“ verfolgen kann. Dazu werden die Forscher Gewässerproben nehmen, um sie mit den Satellitendaten abgleichen zu können. Unklar ist bisher auch noch, welche Mengen an Schadstoffen solche kleinsten Plastikteile an sich binden können. Anschließend soll daher auch die tatsächliche Giftwirkung untersucht werden. „Falls Bakterien, Algen oder Fischeier auf den Giftcocktail reagieren – beispielsweise durch gehemmtes Wachstum oder Fehlbildungen – dann wäre auch eine reale Bedrohung der maritimen Umwelt und letztlich des Menschen nachgewiesen“, heißt es in einer Mitteilung der Hamburger Hochschule.

Eine Erkenntnis hat Professorin Gesine Witt schon jetzt gewonnen: „Wir sollten alle darauf achten, viel weniger Plastik einzusetzen“, sagt sie. Auch beim Zähneputzen. „Früher wurde für Zahnpasta Schlemmkreide verwendet – das ist viel natürlicher.“