Aufruf

Hamburger Studenten kümmern sich um Flüchtlinge

Flüchtlinge in der Erstaufnahme im Jenfelder Moorpark. Bald sollen sich auch Studenten um die Neuankömmlinge kümmern

Flüchtlinge in der Erstaufnahme im Jenfelder Moorpark. Bald sollen sich auch Studenten um die Neuankömmlinge kümmern

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

60 Männer und Frauen haben sich in einer Woche gemeldet. Ohne Ehrenamtliche geht's nicht mehr, wie dramatische Beispiele zeigen.

Hamburg. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen greift die Stadt Hamburg nun auch auf Studenten zurück. Nach einem Aufruf von Innensenator Michael Neumann (SPD) mit den Präsidenten der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Helmut-Schmidt-Universität hätten sich innerhalb einer Woche 60 Studenten sozialer Fächer gemeldet, sagte eine Sprecherin des städtischen Betriebs Fördern & Wohnen. 30 von ihnen hätten schließlich eine Bewerbung für einen befristeten Teil- oder Vollzeitjob geschickt. Es gehe um Tätigkeiten, die kein großes Fachwissen erforderten, aber soziale Kompetenz, Respekt für fremde Kulturen und Belastbarkeit voraussetzten.

18.245 Flüchtlinge sind seit Januar angekommen

Als Beispiel nannte die Sprecherin die Begleitung bei der Aufnahme von Flüchtlingen, etwa in der als provisorische Unterkunft genutzten Messehalle. Die Helfer zeigten den Neuankömmlingen Betten, Essensausgabe und sanitäre Anlagen und verteilten Schlafsäcke und Hygienepakete. Unter engagierten Ehrenamtlichen hat die Behörde bereits 100 Honorarkräfte gewonnen. Zur Überbrückung würden aber noch weitere Jobber gebraucht. „Vieles ist improvisiert in Hamburg, weil die Zahlen so schnell gestiegen sind“, sagte die Sprecherin.

Seit Jahresbeginn sind fast dreimal so viele Flüchtlinge gekommen wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Von Januar bis Juli trafen 18.245 Flüchtlinge in der Hansestadt ein.

Für die Betreuung und Integration der vielen Flüchtlinge in Schleswig-Holstein ist das Engagement ehrenamtlicher Helfer inzwischen unverzichtbar. Angesichts der gestiegenen Flüchtlingszahlen sei die Arbeit hauptamtlich gar nicht mehr zu leisten, lautete der Tenor einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den elf Kreisen und vier kreisfreien Städten im Norden. „Zwingend erforderlich“ sei die Hilfe der Bürger, es gehe nur mit ehrenamtlichen Engagement, sagte Rainer Stiemcke vom Kreis Schleswig-Flensburg. Die Hilfsbereitschaft wachse seit Monaten, immer mehr Bürger wollten sich engagieren, hieß es beim Kreis Ostholstein. Und in der Landeshauptstadt Kiel melden sich täglich fünf bis zehn Menschen, die ehrenamtlich tätig werden wollen.

„Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren, zieht sich durch alle Generationen, alle Berufssparten und gesellschaftlichen Gruppierungen“, sagte Arne Ivers von der Stadt Kiel. Sprecher mehrerer Kreise und Städte betonten das Engagement insbesondere von Studenten und Rentnern, pensionierten Lehrern und religiösen Menschen.

Geholfen wird mit Deutschunterricht, bei Behördengängen, Arztbesuchen oder mit Sport- und Kulturangeboten. Auch „Willkommen-Cafés“ wie in Boostedt (Kreis Segeberg) oder Fahrradwerkstätten wie in Lübeck sind typisch. Geballtes Fachwissen bietet das „Lübecker Migranten Netzwerk - Lumine“: Mehr als 40 Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer und Therapeuten beraten Flüchtlinge kostenlos. Etwa 20 Helfer der Gemeindediakonie betreiben eine Kleiderkammer in der Hansestadt an der Trave.

In Reinbek (Kreis Stormarn) bei Hamburg haben sich rund 20 teils pensionierte Lehrer zusammengetan, um Flüchtlingen vom ersten Tag an ehrenamtlich Deutschunterricht zu geben - in kleinen Fünfer-Gruppen oder sogar per Einzelunterricht. „Ein Unternehmen hat für diese fast professionelle Sprachschule die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, das ist ehrenamtliches Engagement vom Feinsten“, sagte Torsten Christ, Leiter des Amtes für Bürgerangelegenheiten in Reinbek.

Als hilfreich loben die meisten Kreise die zum 1. Juli eingeführte Integrationspauschale. Das Land gibt jeder Kommune pro ankommendem Flüchtling einmalig 900 Euro. „Das Geld kann für hauptamtliche, aber auch ehrenamtliche Tätigkeiten verwendet werden“, sagte Thomas Giebeler, Sprecher des Innenministeriums. Der Erlass, der die Details regele, werde im September veröffentlicht. Dann würden die Mittel rückwirkend ausgezahlt.

Beim Kreis Rendsburg-Eckernförde wurde moniert, vielen Kommunalverwaltungen sei nicht klar, welche Leistungen mit der Pauschale bezahlt werden dürften. Zudem bräuchten die Kommunalverwaltungen zusätzliches Geld, um zumindest hauptamtliche Ansprechpartner und Koordinatoren für die ehrenamtlichen Helfer beschäftigen zu können. Die Pauschale reiche hierfür nicht aus.

Ehrenamtlern sollten kleinere Auslagen - etwa für Schulhefte, Bücher oder Fahrrad-Flickzeug - erstattet werden dürfen, regte Björn Demmin vom Kreis Plön an. Auch eine Kostenerstattung für Fahrten mit dem eigenen Auto wären ein Ausdruck der Anerkennung. Hilfreich wären klare Vorgaben, dass kleine Budgets für Ehrenamtler verwendet werden dürfen. Auch der Versicherungsschutz und Haftungsfragen müssten im Sinne von Ehreamtlern weiter verbessert werden. Dies sei insbesondere für Vereine ein großes Problem, sagte Ivers.