Morethanshelters

Stabile Zelte aus Hamburg für Menschen in Not

Jochen Bader ist für die Geschäfte von Morethanshelters zuständig. Ein Domo ist sechseckig, verfügt über 23 Quadratmeter Fläche und soll sieben Jahre halten

Jochen Bader ist für die Geschäfte von Morethanshelters zuständig. Ein Domo ist sechseckig, verfügt über 23 Quadratmeter Fläche und soll sieben Jahre halten

Foto: Andreas Laible

Hamburger Initiative entwirft und produziert Unterkünfte für Slums und Flüchtlingslager. Die ersten Domos stehen in Nepal.

Hamburg.  Das Thermometer klettert jeden Tag auf mindestens 35 Grad Celsius. Es ist schwül. Nachmittags gibt es heftige Monsunregen. „Als ob einer Tausende Duschen auf einmal aufdreht“, sagt Daniel Kerber. „Irgendwann steht man knietief im Matsch.“ Der Gründer der Hamburger Initiative Morethanshelters – frei übersetzt „mehr als ein Zuhause in der Not“ – hat zwei anstrengende Wochen in Nepal hinter sich. Körperlich wie geistig. „Die Zerstörung ist gigantisch, setzt sich von Ort zu Ort fort“, sagt der 44-Jährige über seine Tour durch den Himalaya-Staat, auf der er die Auswirkungen der Erdbeben im April und Mai mit mehr als 7000 Toten sah.

Kerber kam, um zu helfen. Und man hört aus seinen Worten die Bewunderung für die Nepalesen heraus, wie sie den schwierigen Alltag meistern: „Die Menschen sind sehr dankbar, offen und packen kräftig an.“ Seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Unterkünften in Slums und Flüchtlingslagern, an der Hochschule für bildende Künste lehrt er soziales Design.

Theorie und Praxis verbindet er bei Morethanshelters, das sowohl ein eingetragener Verein als auch ein soziales Unternehmen ist. Ziel ist die Entwicklung innovativer, nachhaltiger Architektur- und Designkonzepte für humanitäre Zwecke, um mehr Menschen ein besseres Zuhause zu bieten und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Nach Nepal brachte er nun seine ersten Domos – für obdachlos gewordene Menschen sind dies Zelte, die sie später zu dauerhaften Behausungen umbauen können – aus der gerade gestarteten Serienfertigung.

Fast eine Million Euro sammelte die junge Firma mit Sitz in Ottensen dafür ein. Neue Gesellschafter sorgten für eine Erhöhung des Eigenkapitals, die Hausbank GLS und die Hamburger Sparkasse (Haspa) bewilligten die Mittel. „Die Mission, das Management und das Produkt überzeugen uns gleichermaßen“, sagt Haspa-Firmenkundenberaterin Anja Wassiljew. „Morethanshelters ist nicht nur humanitär ambitioniert, sondern auch betriebswirt- schaftlich intelligent aufgestellt.“ Von dem Konzept des Social Business war 2013 auch schon die Innovationsstiftung angetan, die rund 100.000 Euro zur Verfügung stellte.

Von dem Geld entwickelte die Firma zunächst den Prototypen. Nachdem das im vergangenen Sommer abgeschlossen war, wurde zusammen mit dem dänischen Outdoorhersteller Nordisk an der Serienfertigung getüftelt. Ende Mai lieferten die Arbeiter und Näher im Shanghaier Werk von Nordisk die Probe von 20 Domos ab. Die erste richtige Serie von 50 Stück ist seit wenigen Wochen fertig und soll Anfang September im Hamburger Hafen ankommen. „Von den momentan vereinbarten 50 Stück pro Monat kann die Produktion schnell hochgefahren werden, bis in den Tausenderbereich“, sagt Jochen Bader, der bei Morethan­shelters für die Geschäftsentwicklung zuständig ist. Aufgrund des aktuellen Flüchtlingsstroms werde er oft angesprochen, ob sie auch in Hamburg Domos aufstellen können. Zurzeit sei das aber nicht möglich, weil die Lager noch leer sind. Bader: „Einem Auftrag wären wir aber alles andere als abgeneigt.“

Zwar ist das Unternehmen klar auf die Hilfe von Flüchtlingen ausgerichtet, Geld verdienen möchte es aber natürlich trotzdem – mit Aufträgen aus dem kommerziellen Sektor. Für Festivals, Messen und luxuriöses Camping (Glamping) seien die Iglu-ähnlichen Behausungen ideal. Für 4200 Euro können sie gekauft werden, für Flüchtlinge in Krisenregionen würden sie zum günstigeren Selbstkostenpreis abgegeben, sagt Bader.

Zwar seien die Domos teurer als normale Zelte, aber sie sollen auch länger halten und rechneten sich spätestens im dritten Jahr. Wenn man bedenke, dass mehr als 80 Prozent der weltweit 60 Millionen Flüchtlinge länger als fünf Jahre in Lagern lebt, sei das eine lohnende Investition, so der 33-Jährige. Sollte das Unternehmen in der Zukunft einmal Gewinne schreiben, sei in der Satzung festgelegt, dass zwei Drittel in humanitäre Zwecke fließen.

Als weiterer Zelthersteller versteht sich die Firma nicht. „Der Raum soll sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen, nicht umgekehrt“, sagt der studierte Politologe und Volkswirt. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Zelten in Flüchtlingslagern sind Domos nicht recht-, sondern sechseckig. Kern der Konstruktion ist ein Tragwerk aus Aluminium, das sechs Beine hat, mindestens sieben Jahre halten soll und eine Innenraumhöhe von 2,60 Metern ermöglicht. Auf rund 80 Prozent der gut 23 Quadratmeter Fläche können die Bewohner stehen – deutlich mehr als bei herkömmlichen Unterkünften.

Die Eingangsbereiche mehrerer Zelte können miteinander verbunden werden, sodass auch Großfamilien ein gemeinsames Zuhause haben. Es gibt zwei Fenster, die mit Moskitonetzen geschützt sind.

Mit festem Boden und weiterer Stoffwand sind die Zelte wintertauglich

Für die Außenhaut sind drei Materialien geplant: Ein Baumwollstoff gewährleiste eine hohe Atmungsaktivität und sorge für ein angenehmes Raumklima. Aus dem Stoff sind die ersten Domos. Folgen sollen die Polyestervariante, die zu 100 Prozent wasserdicht ist, allerdings auch für stehende Luft im Inneren sorgt. Ein Mischgewebe kombiniert beide Eigenschaften. Durchaus erwünscht ist der Austausch der Außenhaut zum Beispiel durch Palmenblätter, Schilf oder Holz.

„Die Erweiterung vom Zelt zur Hütte sollen die Leute selbst gestalten“, sagt Bader. Im nächsten Schritt wollen die sieben Festangestellten der Firma feste Böden entwickeln. Winterfestigkeit könne durch eine zweite Haut erzielt werden, die im Idealfall mit Dämmstoffen aus der Region ausgefüllt wird.

In Nepal machte der Monsunregen eine Anpassung der Behausungen notwendig. Zusammen mit den Einwohnern wurden Bambusgestänge errichtet, auf denen eine regenfeste Plane das darunter liegende Zelt schützt. Insgesamt baute Kerber zusammen mit zwei Hilfsorganisationen elf Domos auf. Drei bilden in der Königsstadt Bhaktapur das neue Zuhause für 19 Jungen und Mädchen, deren Kinderheim zerstört wurde und die seitdem in einem Kuhstall lebten. Acht weitere sind im Ort Talamarang aufgestellt. Dort dienen sie als Hostel für bis zu 200 Kinder und Jugendliche, die in Bergdörfern leben. Durch die Übernachtung im Hostel haben sie die Möglichkeit, im Tal die Schule zu besuchen. Das Projekt gehe zunächst über fünf Jahre, sagt Kerber und hat eine Bitte: „Vergesst das Land nicht – es braucht noch lange Hilfe!“