Bahrenfeld

Steinway baut Flügel, die den Ton angeben

Sie ist verantwortlich für den besonderen Steinway-Klang: Chefintoneurin Wiebke Wunstorf

Sie ist verantwortlich für den besonderen Steinway-Klang: Chefintoneurin Wiebke Wunstorf

Foto: Andreas Laible / HA

Seit 1853 baut Steinway die teuersten und besten Klaviere der Welt. Hamburg spielt in der langen Geschichte eine wichtige Rolle.

Das Ohr von Steinway hat hübsche Augen. Damit fixiert es die Tasten, die es mit der linken Hand anschlägt. Und in der rechten hält es ein Werkzeug, Intoniernadel genannt, mit dem es den Filz des Hammerkopfs bearbeitet. Pikst auf ihn ein – immer wieder woanders, denn Häufigkeit und Stelle verändern den Ton. Wiebke Wunstorf heißt das Ohr von „Steinway Sons“. Sie ist die Chefintoneurin, und das bedeutet nichts weniger als die Verantwortliche für die perfekte Klangfarbe. Und die ist es nun mal, die einen Flügel der exklusiven Marke ausmacht. Ein Steinway wird erhört – in den berühmtesten Konzerthäusern der Welt, an den größten Konservatorien und von den besten Musikern der Welt. Neun von zehn Berufspianisten spielen auf ihm, darunter Lang Lang, Daniel Barenboim und Martha Argerich.

Für sie alle arbeitet Wiebke Wunstorf, 53, in der Bahrenfelder Produktion. Wunstorf, eine schmale Gestalt, ausgestattet mit Nerven dick wie Mammutbaumstämme. Es sind nicht die Ohren der Intoneurin, die am meisten aushalten müssen, sondern ihre Nerven, wenn es heißt, unzählige Male hintereinander den gleichen, schrägen Ton zu ertragen, ihn selbst sogar anschlagen zu müssen, um ihn dann Nuance für Nuance besser zu machen. Wunstorf ist die Garantie dafür, dass sich alles perfekt anhört. Dass jeder Steinway diesen klaren, ausdrucksvollen Klang hat, für den er bekannt ist. Wunstorfs Signatur „WW“ befindet sich in jedem Klavier – auf dem Backenklotz.

Heinrich Steinweg baut für seine Braut als Geschenk seinen ersten Flügel

„Da ist noch so was Unangenehmes Klingeliges drin“, sagt die Intoneurin und hantiert wieder mit der Nadel herum. Aber Achtung, nicht in die Mitte des Hammerkopfes stechen! Damit könnte sie den ganzen Ton in Sekunden zerstören. Der Ton macht die Musik? Nein. „Den perfekten Ton gibt es nicht. Ich muss eine Verbindung zu dem Instrument herstellen und das Allerbeste aus seinem Charakter herausholen.“ Damit benennt Wunstorf das, was bei einem Rundgang durch das Werk am Rondenbarg 10 schnell klar wird: Ein Steinway besitzt Charakter – und Seele.

Bis ein Flügel bei ihr ankommt, vergehen zwölf Monate. Rechnet man die zweijährige Trocknungszeit des Holzes mit ein, kommt man sogar auf eine Produktionszeit von drei Jahren. Es hat erstklassig zu sein, denn 85 Prozent des Instruments bestehen aus Holz. Die lange Produktionszeit ist zudem einem hohen Anteil an Handarbeit geschuldet. Maschinen werden nur im Gehäusebau und in der Teilfertigung eingesetzt, dort erreichen sie eine Präzision von einem Zehntelmillimeter. Aber 80 Prozent aller Arbeiten werden von Hand gemacht, insofern spielt die Erfahrung der Mitarbeiter eine entscheidende Rolle. Beispielsweise in der Kinderstube des Flügels, dort, wo das Instrument seinen Anfang nimmt, in der Rimbiegerei. Mit Rim bezeichnet man das Flügelgehäuse. Es besteht aus 20 Lagen Ahorn- und Mahagoni-Holz, die miteinander verleimt und in einen Biegebock gespannt werden. Der Ablauf beruht auf einem der 125 Patente, die Steinway im 19. Jahrhundert anmeldete, darunter die kreuzsaitige Bespannung und das Tonhaltungspedal. Bemerkenswert ist, dass viele Patente zwar abgelaufen sind, es aber bislang keinem Konkurrenten gelingt, Klaviere mit einem annähernd ähnlich herausragenden Klang zu produzieren. Steinway gibt den Ton an.

Das war schon immer so. Die Geschichte des Unternehmens stellt das Paradebeispiel einer typischen amerikanischen Erfolgsstory dar – mit dem kleinen, aber wichtigen Zusatz, dass das Vorspiel und die Expansion in Deutschland stattfanden.

Der Name Steinway klingt zwar amerikanisch, doch die Gründer waren Deutsche. Und die hatten einige Tiefschläge zu verkraften, bis ihr Produkt die Welt eroberte. Los ging es mit einer Katastrophe im Juni 1812. Bei einem Gewitter schlug der Blitz in eine Hütte im Harz ein, in der die Familie Steinweg lebte und wo der Vater als Förster für den Herzog von Braunschweig arbeitete. Die Naturgewalt überlebte nur einer: Sohn Heinrich. Dieser, 15 Jahre alt, war nun Waise und mittellos. Doch er beherrschte das Tischlerhandwerk und konnte im niedersächsischen Seesen als Möbelschreiner und Instandsetzer von Orgelpfeifen arbeiten. Gebannt lauschte er regelmäßig dem Kantor beim Spielen; die Orgel und das Fortepiano sind zu jener Zeit die vorherrschenden Tasteninstrumente. Als Heinrich sich verlobt, will er seiner Liebsten Juliane Thiemer ein besonderes Hochzeitsgeschenk machen und baut in seiner Küche seinen ersten Flügel. Die Braut ist begeistert, und nach und nach sprechen sich die Fähigkeiten des Möbelherstellers Heinrich Steinweg herum. 1836 verkauft er sein erstes Instrument für die damals unglaublich hohe Summe von 300 Mark an den Herzog von Braunschweig.

Das Ehepaar Steinweg bekommt neun Kinder, von denen alle Söhne bereits ab dem Alter von fünf Jahren in der Klaviermacherwerkstatt mithelfen müssen, denn die Nachfrage nach Steinweg-Flügeln wird schnell groß. Bis zu zwölf Instrumente baute die Familie im Team pro Jahr. Doch mit der Märzrevolution 1848 veränderte sich die Lage. Heinrichs Sohn Karl muss Deutschland aus politischen Gründen verlassen. Er geht nach New York und schreibt einen Brief nach Hause, in dem er seine Familie zum Nachkommen ermuntert: „New York scheint ein Dorado für Tasteninstrumente zu sein, in fast jedem Haushalt steht ein Klavier! Habt nur Mut, und wartet nicht allzu lang.“ 1850 entscheidet der 53-jährige Heinrich, mit seiner Großfamilie nach Amerika auszuwandern. Einzig Sohn Theodor bleibt in Deutschland zurück, um sich weiter um das bestehende Geschäft zu kümmern.

In Amerika lässt das Glück jedoch auf sich warten. Außerdem leidet die Familie unter Anfeindungen, denen deutsche Immigranten in New York ausgesetzt waren. Heinrich lässt seinen Namen darum amerikanisieren: Aus Heinrich Steinweg wird Henry Steinway. 1853 gründet der Pionier in einem Loft in Lower Manhattan sein eigenes Unternehmen: Steinway Sons. Der erste Flügel geht für 500 Dollar an die Familie Griswold, heute steht er im Metropolitan Museum of Art. In den 1860ern verkauft die Firma bereits 500 Klaviere im Jahr, zieht an größere Standorte. In den 1870ern wird ein ganzes Steinway-Village aufgebaut, das Unternehmen startet eine Konzertreihe mit großen Pianisten, was den Beginn des „Steinway-Artist“-Konzepts darstellt. Schon früh wurden Empfehlungen von Prominenten für Werbezwecke eingeholt, darunter Richard Wagner, Franz Liszt, die Königin von Spanien und der Großherzog Alexander von Russland. Aktuell schwärmt Lang Lang über seinen Steinway: „Mein guter Freund, der es mir erlaubt, mein Innerstes dem Publikum zu offenbaren.“

1871 stirbt das Waisenkind Henry, das sich mit seinen Instrumenten unsterblich machte. Seine Söhne übernehmen das Geschäft. Um zu expandieren, eröffnen sie 1880 eine Niederlassung im Hamburger Schanzenviertel, deren Leitung sie an den in Deutschland zurückgebliebenen Sohn Theodor übergeben. Dieser macht bahnbrechende Erfindungen für die Flügelmechanik, während sein Bruder William Verkauf und Marketing verändert. 1902 präsentierte Steinway den 100.000. Flügel, der für den damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt gebaut wurde. Ein Steinway-Flügel im Weißen Haus – was für ein Erfolg.

Doch es kommen auch Rückschläge. Die Große Depression in den 30er-Jahren, die Erfindung des Radios und der Zweite Weltkrieg, in dem fast alle Holzvorräte für Gewehrkolben gebraucht werden. Aus dem Rest musste Steinway Särge herstellen und ein Klaviermodell in Tarngrün. Dazu wurde die Hamburger Manufaktur als „Feindvermögen“ unter Aufsicht eines Treuhänders gestellt. Ein Bombenangriff brachte 1943 sogar das endgültige Ende für die Fabrik an der Schanzenstraße. Erst fünf Jahre später – jetzt am neuen Standort in Bahrenfeld – konnten wieder Flügel entstehen.

25 Millionen Euro plant die Firma für Ausbau und Erneuerung der Fabrik

Nach dem Krieg ging es wieder bergauf. Nur versäumten es die Inhaber, die Produktionsstätte so zu modernisieren, dass sie mit der Nachfrage Schritt halten konnte. In der Folge, und um das Geld für die Investitionen in den Standort zu erhalten, kam es zu Inhaber-Wechseln, und 1996 erfolgte schließlich der Gang an die Börse. Die Aktien notierten unter der Abkürzung „LVB“ (Ludwig van Beethoven) – bis zum September 2013. Da erwarb der Wall-Street-Manager John Paulson in einem spektakulären Bieterwettstreit das Unternehmen. Mehr als eine halbe Milliarde Dollar gab er aus, bei der Traditionsmarke das Sagen zu haben. Die hatte den Markt für sich inzwischen so aufgeteilt, dass „Steinway Sons“ in New York für alle Fachhändler in den USA, Kanada und Südamerika zuständig ist, der Rest der Welt wird aus Hamburg beliefert.

Trotz aller Turbulenzen in den Besitzverhältnissen – die Flügel werden auch heute noch genauso gebaut wie damals. Wenn der Rim nach drei Monaten in der Klimakammer konditioniert ist, sich also nicht mehr verformt, stellt er die Grundlage für alles dar, was in ihn hineinkommt: 12.000 verschiedene Einzelteile werden es am Ende sein.

Auch Japan und China, die heute zu den wichtigsten Märkten gehören, zählen zu den Empfängern der 1200 Instrumente, die heute pro Jahr in der Hansestadt hergestellt werden. Allein in China geht man von 40 Millionen Klavierspielern aus, der Bedarf ist also groß. „Dort liegt die Zukunft“, sagt Werner Husmann, 65, Vice President und Managing Director von Europa. Husmann ist einer der vielen Angestellten, die ihr ganzes Arbeitsleben „Steinway Sons“ gewidmet haben. Seit 1967 gehört er zum Unternehmen.; selbstverständlich beherrscht auch er das Klavierspiel. Das sei wichtig, um ein Instrument verstehen zu können: „Man hört auch mit den Fingern.“ Konkurrenten wie etwa Yamaha, die deutlich günstigere Klaviere herstellen, betrachtet Husmann nicht kritisch, im Gegenteil: „Jeder Mitbewerber trägt dazu bei, das Klavier als Instrument populär zu machen.“

, wovon hier nur die drei wichtigsten genannt werden können. Der Resonanzboden stellt das Herzstück des Instruments dar. Er wird aus Sitka-Fichte mit regelmäßigem Faserverlauf und einer genau definierten Anzahl an Jahresringen gefertigt. Zu seinen Enden hin ist er dünner gearbeitet, so kann er freier schwingen und eine besondere Klangfülle erzeugen. Die Stege sorgen für die perfekte Klangübertragung auf den Resonanzboden und die Gussplatte wird gerne als das Rückgrat des Flügels bezeichnet. Sie wird in einer eigenen Gießerei hergestellt und ist der einzige Bestandteil des Instruments, der nicht schwingt. Die 150 Kilo schwere Platte hat die Aufgabe, die enormen Zugkräfte aufzufangen, die beim Spielen entstehen. Bei Steinway wird sie bronziert und fühlt sich deshalb nicht an wie Kohlenstoff, sondern wie ein Kinderpopo. Die Klavierbauer sprechen von »Hochzeit«, wenn Gussplatte und Resonanzboden in den Rim hineingefügt werden. »Denn ab da sind die Teile für immer miteinander vereint, Scheidung ausgeschlossen«, sagtAuch Detlef Reißig, 62, der seit 34 Jahren in der Rimbiegerei arbeitet, ist ein gutes Beispiel dafür, dass die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit bei Steinway zu der wahrscheinlich höchsten im Norden zählt. 30, 40, 45 Jahre sind die Mitarbeiter teilweise dabei, manche haben den Job sogar von ihren Eltern „geerbt“. Intoneurin Wiekbe Wunstorf etwa kam durch ihren Vater in die Firma, auch ihr Bruder arbeitete hier. Fluktuation gehört zu den Wörtern, die in der Flügel-Manufaktur obsolet sind. Man fragt sich, was die Personalabteilung zu tun hat, außer Präsente für runde Geburtstage zu besorgen? Aber Spaß beiseite: Diese Erfahrung, die sich hier versammelt, stellen die Erfolgspfeiler des Unternehmens dar. Eine Excel-Tabelle funktioniert in jeder Firma gleich, einen Rim korrekt herstellen, können hingegen nur Mitarbeiter, die das schon 100-mal gemacht haben. Routine lässt sich nicht in einer Tüte weitergeben, genauso wenig wie Teamgeist. „Im Grunde bin ich mit meinen Kollegen mehr zusammen als mit meiner Frau“, sagt Detlef Reißig. „Wir kennen uns alle so lange und gut. Bei dieser tollen Truppe macht es Spaß, zur Arbeit zu gehen.“

Die Identifikation mit dem Produkt ist allerdings mindestens genauso wichtig. „Alles, was mit schwarz-weißen Tasten zu tun hat, bestimmt mein Leben“, sagt Ulf Wolter, 51, der gerade den Flügel einstimmt, ihn also technisch spielbar macht. Ein Prozess, der drei Tage und rund 1000 Arbeitsschritte erfordert. „Einmal auf einem Steinway zu spielen, das ist schon was. Aber dass ich seit 25 Jahren hier arbeiten kann, das erfüllt richtig mit Stolz.“

12 Uhr, ein Gong ertönt: Mittagspause. Bei Steinway läuft die Produktion zwar wie ein Uhrwerk, gleichzeitig scheinen die Uhren aber stehen geblieben zu sein. Niemand hier würde jetzt von einem Lunch sprechen. Stattdessen packen einige Mitarbeiter ihre Butterbrote raus, andere bestellen einen Eintopf in der kleinen Kantine. Danach gibt es einen normalen schwarzen Kaffee, aus einer Porzellan-Tasse und auf einem Stuhl sitzend, und keinen „Milchschaum-Soja-Haselnussflavour-to-go“ im Becher zu überteuerten Preisen. Selbst die Einrichtung wirkt wie aus dem vorigen Jahrhundert. Ein Innendesigner könnte sich hier richtig austoben – und wird es wohl bald auch tun.25 Millionen Euro plant Steinway in den nächsten Jahren für Ausbau und Erneuerung der Fabrik auszugeben. Als Erstes entsteht ein neues Blockheizkraftwerk. Doch es gibt auch Schattenseiten: Wieder ertönt ein Gong: Nach 25 Minuten ist die Pause vorbei. Alle stehen artig auf und machen sich frisch ans Werk. Von den 306 Mitarbeitern in der Produktion sieht niemand aus, als hätte er heute Morgen noch die Symptome für ein Burn-out gegoogelt. Klavierbauen scheint glücklich zu machen. Die Kunden sieht man fast nie wieder. Glücklich und zufrieden spielen sie das Instrument und vererben es an die nächste Generation, die wahrscheinlich häufig gar nicht ahnt, welchen Jackpot sie da gezogen hat. Denn ein alter Steinway erzielt 50 Jahre später oft einen neunmal so hohen Verkaufspreis. Ein Konzertflügel D-274 von 1900, der damals 1400 US-Dollar kostete, war 2000 beispielsweise schon 83.100 Dollar wert. „Ein Steinway ist eine absolut sichere Geldanlage“, sagt Werner Husmann. Kombiniert mit einem prominenten Namen wird die Geldanlage zum Lottogewinn: 1999 wechselte das Klavier von John Lennon, auf dem er „Imagine“ komponiert hatte, für zwei Millionen Dollar zu Popstar George Michael.

„Vielleicht, weil wir ja auch die Kunden glücklich machen“, erklärt Markus Taubitz, 48, der seit 19 Jahren dabei ist und bei der Arbeit gerne singt. Spürbar stolz streicht der Klavierbauer dabei über einen aus Rosenholz gefertigten Flügel. Er freut sich immer über Sonderanfertigungen. Zwar verlassen 90 Prozent der Flügel das Haus in Tiefschwarz und hochglanzpoliert, doch es kommen immer wieder außergewöhnliche Wünsche herein. Einmal wurde ein Flügel mit rosa Perlmutt-Schmetterlingen und mit Tasten in Rosa anstatt in Schwarz in Auftrag gegeben. Die Klavierbauer dachten, es könne sich nur um einen Scherz handeln, bauten dann aber den schönsten Mädchentraum-Flügel der Welt. Der amerikanische Auftraggeber hatte Tränen vor Freude in den Augen, als er das Werk – es war für seine Tochter gedacht – in Empfang nehmen durfte.

Eine ungekürzte Fassung des Artikels steht im
„Hamburger“. Ausgabe Sommer 2015