Hamburg

Das eigene Glück und die anderen

Hinter dem Elbtunnel fängt der Urlaub an. Sehe ich die Kräne im Hafen, liegt der Alltag hinter mir. Nun ist freie Zeit dran, ohne Tun und Müssen. Urlaub eben – hinter dem Wort steckt eine mittelalterliche Vorstellung: „Urloup“ ist die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Ich freue mich darauf.

Doch in diesem Sommer breche ich zerknirscht auf: Während ich unbeschwert in den Süden fahre, flüchten aus entgegengesetzter Richtung täglich Hunderte von Menschen in unsere Stadt. Während ich die Seele baumeln lasse, sind andere voller Sorge. Ich frage mich: Darf ich mein Glück in einer Welt voller Unglück genießen?

Ich kenne diese Spannung auch aus dem Alltag: Wenn ein Hinz&Kunzt-Verkäufer das Café betritt; wenn die Frau, die ich besuche, von ihrer Chemo erzählt und fragt, wie es selbst so gehe; wenn der „Tatort“ die Nachrichten beendet. Immer dann muss ich mit der Gleichzeitigkeit umgehen, dass mein Leben anders verläuft als das Schicksal vieler Menschen.

Dann schäme ich mich für mein Glück, mag es gar nicht aussprechen. Oder ich blende alles Unglück aus, um mich weiter freuen zu können. Wohl fühle ich mich damit nie.

Die Fürbitten im Gottesdienst, also das Gebet für Notleidende in Stadt, Land und Gemeinde, beginnen klassischerweise mit einem kurzen Lobpreis: Sie danken Gott für das Gelungene, das Geschenkte, das Glück im Leben. Sie stellen es nicht infrage, sondern loben den Himmel für die eigenen Möglichkeiten, für Gesundheit und Zeit. Aber sie bleiben nie beim Eigenen stehen. Sie blicken immer auch auf das Andere, das Gescheiterte, das Unglück in der Welt. Das Fürbittengebet spricht die Sprache des Lobes und die Sprache der Klage im selben Atemzug. Es eröffnet Raum für die Spannung des Lebens. Raum für meine Freude und meine Ohnmacht – und schließlich auch für meine Bitte um Stärkung.

Ich darf mein Lebensglück genießen. Ich darf mich im Urlaub entfernen, darf Kräfte sammeln, um meiner Verantwortung nachzukommen, mein Glück zu teilen.

Hinter dem Elbtunnel sehe ich auch die Kirche von Altenwerder. Ihr Turm zwischen den Kränen erinnert mich: Es gibt einen Ort, der die Spannung der Welt aushält. Gott sei Dank!

Oliver Spies, Pastor in St. Jürgen-Zachäus Langenhorn, oliver.spies@stjuergen-zachaeus.de