Sommerferien

Dänen, Briten, Schweizer: Jetzt gehört Hamburg den Touristen

Sabine und Andi aus Salzburg haben ihre Räder mit nach Hamburg gebracht. Erst fahren sie durch den Hafen, in den nächsten Tagen geht es weiter nach Dänemark

Sabine und Andi aus Salzburg haben ihre Räder mit nach Hamburg gebracht. Erst fahren sie durch den Hafen, in den nächsten Tagen geht es weiter nach Dänemark

Die Stadt ist derzeit voll von Urlaubern – und gefühlt sind die Einheimischen in der Minderheit. Unterwegs zwischen Hafen und Rathaus.

Hamburg. „Ein Wetter zum Eierlegen – gut, dass wir Bayern so späte Sommerferien haben“, scherzt Rudi Dinzinger, setzt eine Baseballkappe auf und streckt auf dem Oberdeck der MS „Commodore“ seine Beine aus, während Ehefrau Ursula kurz vorm Ablegen zur Großen Hafenrundfahrt zwei Weizenbiere und zwei Apfelsaftschorlen – für die Kinder Max und Daniela – bestellt. Die Landshuter Bilderbuchfamilie ist auf der Durchreise nach St. Peter-Ording und hat einen Zwischenstopp in Hamburg eingelegt.

„Meine Frau und meine Tochter wollten unbedingt in den ,König der Löwen‘“, sagt Dinzinger, „aber das Musical habe ich ja schon vor fünf Jahren gesehen, als meine Firma damals ihre jährliche Vertriebstagung in Hamburg veranstaltete.“ Daher werde sich die Familie am Abend aufteilen: Mutter und Tochter würden ins Musical gehen, Vater und Sohn eine Stadtrundfahrt unternehmen mit dem Bus. „Das spart vor allem auch Geld“, sagt Dinzinger, „denn morgen wollen wir alle noch unbedingt ins Miniatur Wunderland.“

Die Niederbayern, die ihr „günstiges Vierbettzimmer“ im Apartment-Hotel am Borstelmannsweg schon im Februar dieses Jahres reserviert haben, sind damit die Prototypen des Städtetouristen, der Hamburg einen durchschnittlich zweitägigen Besuch abstattet. „Die meisten Gäste kommen aus Deutschland. Bei den Ausländern sind die Dänen, wie auch schon im Vorjahr, Spitzenreiter, gefolgt von den Briten und fast gleichauf von den Schweizern“, sagt Ulrike von Albedyll, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Hamburg. Hohe Zuwächse von mehr als 20 Prozent gäbe es bei den Übernachtungen von Spaniern zu verzeichnen. „Unsere Hotels sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung des ersten Halbjahres zufrieden. Ein wettermäßig durchwachsener Sommer wirkt sich eher positiv für die Hotels aus, da Gäste, die an den Küsten Urlaub machen, spontan nach Hamburg kommen.“

Wer zurzeit durch die Stadt geht, wird das Gefühl nicht los, dass Hamburg immer mehr ausländische Gäste beherbergt – vielleicht ein erstes Anzeichen für den erhofften „Schub“, den sich gerade die Tourismusbranche von der Hamburger Olympiabewerbung versprochen hat. Denn dass es der Stadt nach wie vor an internationaler Popularität außerhalb Europas, vor allem in China und den USA fehlt, gilt (noch) als unbestritten. Immerhin: Im vergangenen Jahr, als die Zahl der Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent von mehr als zwölf Millionen stieg (und damit auf einen neuen Rekord), begrüßte man bereits knapp jeden vierten Gast (24,4 Prozent) aus dem Ausland. Rund drei Millionen von ihnen blieben mindestens eine Nacht in der Stadt.

So wie Sabine und Andi, ein Lehrerpärchen aus Salzburg in Österreich, die nach einem Anreisemarathon erst einmal „brutal fertig vor Müdigkeit“ ins Bett ihres Hostels gefallen waren. „Da wir uns spontan zur Reise entschlossen haben, mussten wir mit Regionalzügen fahren und sind achtmal umgestiegen, denn die Plätze für Räder sind auf den schnellen Strecken Monate im Voraus ausgebucht“, sagt Sabine, und Andi fügt hinzu: „Leider haben wir das Auslaufen dieses riesigen Containerschiffs verpasst ...“ Aber eine kurze Radtour zur Elbphilharmonie und in den Hafen sei trotzdem ein Muss. Andi war bereits im Mai zum Hafengeburtstag hier – mit dem Flieger. Jetzt wollen sie sich noch eines der berühmten Krabbenbrötchen an der „Brücke 10“ gönnen, bevor sie sich dann mit ihren schwer bepackten Trekkingrädern über den Nordsee-Radwanderweg auf den Weg nach Dänemark machen.

Dem Geschäftsführer von Barkassen-Meyer, Hubert Neubacher, liegen ebenfalls keine exakten Zahlen vor, aber „gefühlt“ sei für ihn ein klarer Trend zu mehr fremdsprachigen Touristen erkennbar: „Hamburgs Bevölkerung ist internationaler geworden. Wir merken es daran, dass wir immer mehr Gäste – auch aus Übersee – auf Englisch an Bord unserer Schiffe begrüßen. Häufig besuchen die entweder ihre Familie, eine Freundin oder einen Freund aus der Heimat, die hier in Hamburg leben.“ Ansonsten seien die Zahlen erfreulich stabil, trotz der beiden verregneten Juliwochen: „Schlechtes Wetter ist ja nicht immer schlecht“, sagt Neubacher. Auch er beobachtet, dass die Strandbesucher bei Regen von den Küsten in die Stadt kommen würden.

So wie Andrea und Billy aus Frankfurt, die mit ihrem Sohn Marc zurzeit seit einer Woche einen 14-tägigen Badeurlaub in Rostock-Warnemünde machen. „Wir hatten uns schon vergangenen Freitag, als es so kalt und regnerisch war, überlegt, nach Hamburg zu fahren. Dann wurde das Wetter jedoch besser, und als es heute Morgen fast schon zu heiß wurde, um an den Strand zu gehen, haben wir gesagt: Jetzt oder nie!“

Wenn zum schlechten Wetter dann auch noch Ödnis und Langeweile hinzu kommen, ist die Landflucht vorprogrammiert. Das gilt für junge Leute wie Leonie und Yannik aus Münster erst recht. „Eigentlich wollten wir ja last minute in den Süden fliegen“, erzählen die Schülerin, 19, und der angehende Landschaftsgärtner, 21, „aber unter 700 Euro pro Person für sieben Tage war nichts zu bekommen.“ In ihrer „Verzweiflung“ seien sie dann nach Greetsiel in Ostfriesland gefahren. „Aber dort willst du nicht mal tot überm Zaun hängen, wenn es regnet“, sagt Yannik und beißt beseelt in ein Matjesbrötchen. Am Vormittag sind sie mit dem Auto angekommen, haben auf Anhieb ein Zimmer in einem Hostel ergattert, und dass ausgerechnet heute exzellentes Strandwetter herrscht, stört sie überhaupt nicht. „Wir werden schön Party machen – heute Abend gehen wir ins Schanzenviertel.“

„Partymachen“ lautet auch das Motto für Enrique, Gino und Rafael. Die drei ehemaligen Schulfreunde aus der peruanischen Hauptstadt Lima – Gino arbeitet inzwischen seit zwei Jahren in der Schweiz – haben erkennbar viel Spaß, als sie vor dem Rathaus gegenseitig für Erinnerungsfotos posieren. Sie können nur ein einziges Wort Deutsch, aber das können sie perfekt: „Wackööön!“ Im Grunde kämen sie schon seit Tagen nicht mehr aus dem Feiern raus, meint Enrique, Marketing-Manager, denn hinter ihnen lägen fünf Tage Heavy Metal, garniert mit reichlich Schlamm. „Aber Hamburg ist wirklich schön“, sagt Rafael, der daheim eine Hühnerfarm betreibt, auf Englisch. „Vor allem die Kirchen gefallen mir!“ Das ist dann mal echt eine verblüffende Aussage.