Umwelt

Die unterschätzte Gefahr: Bodengase in Hamburg

Umweltsenator Jens Kerstan

Umweltsenator Jens Kerstan

Foto: Marcelo Hernandez

Aus Hamburger Böden treten teilweise gefährliche Gase aus. Experten-Treffen zur neuen EU-Strahlenschutzrichtlinie.

Altstadt. Radioaktives Radon, explosives Methan, gefährliches Kohlendioxid – aus Hamburger Böden treten teilweise gefährliche Gase aus. Während die Radon-Belastung in der Bodenluft weit unter den Grenzwerten liegt, werden nach Angaben der Umweltbehörde in Hamburg mancherorts hohe Methan- und Kohlendioxid-Konzentationen nachgewiesen.

Sie entstehen durch den Abbau organischer Bestandteile in den Weichschichten des Bodens. Es blubbert vor allem in den Elbmarschen. Dort gibt es ein verstärktes Vorkommen von Schlick, Torfen und Mudden (Sedimentablagerungen im stehenden Gewässer).

Wie ernst der Senat die für viele Menschen weitgehend unbekannten Gefahren aus dem Boden nimmt, zeigt ein Expertentreffen in dieser Woche. Vertreter der Umwelt- und Gesundheitsbehörde sowie des Geologischen Landesamtes trafen sich an einem Tisch. Es ging diesmal um Radon. Das Edelgas schmeckt nach nichts, ist geruchlos, aber im schlimmsten Fall tödlich. Nach einer EU-Statistik sind neun Prozent aller Todesfälle bei Lungenkrebs auf Radon zurückzuführen.

Hintergrund des Hamburger Expertentreffens ist eine neue EU-Richtlinie, die bis zum Jahr 2018 in nationales Recht übergeführt werden muss. Die Beratung diente zur Vorbereitung einer bundesweiten Arbeitsgruppe, die sich Anfang September in Bonn mit der Strahlen-Richtlinie und der Radonkonzentration in der Bodenluft befassen wird. Dieser Wert ist ein Maß dafür, wie viel Radon aus dem Untergrund in ein Gebäude eindringen könnte.

Bei diesem Edelgas hat Hamburg allerdings Glück: Wie Björn Marzahn von der Behörde für Umwelt und Energie dem Abendblatt sagte, liegen die Bodenluftkonzentrationen in Hamburg unterhalb von 20 Kilo-Becquerel/Kubimeter (kbq/m3). Zum Vergleich: In Sachsen und Bayern übersteigen sie die 100er-Marke. Gebäudesanierungen sind, so das Bundesamt für Strahlenschutz, notwendig bei einer Radonbelastung von mehr als 100 Becquerel pro Kubikmeter Raumluft im Jahresmittel. Solche Werte werden vor allem in jenen Gegenden gemessen, die eine natürlich hohe Radonkonzentration im Erdreich aufweisen.

Ungeachtet der geringen regionalen Radonemission sind auch die Hamburger Behörden jetzt aufgefordert, die von der EU im Dezember 2013 erlassene Strahlenschutzrichtlinie umzusetzen. Sie basiere auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und habe das Ziel, einen umfassenden Schutz vor ionisierender Strahlung zu gewährleisten, betont Marzahn. Mit der Umsetzung wird auch in Deutschland ein einheitlicher Referenzwert für die Radonkonzentration in allen Innenräumen festgelegt. Diese darf auch an Arbeitsplätzen im Jahresmittel nicht höher sein. Die Hamburger Experten diskutierten nun unter anderem darüber, mit welchen Methoden das Radonvorkommen gemessen und überprüft werden kann.

In den Elbmarschen kann es zu hohen Methan-Konzentrationen kommen

Während die Radonbelastung in Hamburg offenbar unbedenklich ist, sollten Bauherren in den Elbmarschen unbedingt auf die Bodenluftbelastung mit Methan achten. Das Gas kann zum Beispiel zu Taubheit in den Extremitäten führen und in hohen Konzentrationen Explosionen auslösen. Die Umweltbehörde warnt: „Bodengase können sich unter Bodenplatten und versiegelten Flächen ansammeln und im ungünstigsten Fall in das Gebäude eindringen, zum Beispiel durch Risse.“

Aus Vorsorgegründen sollten deshalb Neubauten in gefährdeten Bereichen mit bautechnischen Maßnahmen zur Verhinderung von Gasansammlungen und Gaseintritten in das Gebäude versehen werden. Das gilt insbesondere für Baugrundstücke, die sich in Gebieten mit Weichschichten (Klei, Schlick, Mudde, Torf) befinden. In den vergangenen Jahren waren im Elbe-Urstromtal Methangase natürlichen Ursprungs in zum Teil hohen Konzentrationen nachgewiesen worden. Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) wird im Oktober auf einer Fachtagung sprechen, bei der es unter anderem um Wasserbau in der Südelbmarsch geht.

Gefährliche Bodengase entstehen allerdings nicht nur in freier Natur, sondern auch in ehemaligen Mülldeponien. Gegenwärtig laufen Sanierungsarbeiten wegen der Bodenluft auf der Altdeponie Südfeldstraße in Lokstadt. Dafür sind zwei bis drei Jahre veranschlagt. Aber die Eigentümer machen Druck. Denn im geplanten Süderfeld Park sollen nach Abschluss der Arbeiten 380 Mietwohnungen und 21 Eigentum-Townhouses entstehen.

Um die Kohlenstoffdioxid-Konzentrationen zu senken, wurden jüngst zwei zusätzliche Absaugkegel installiert. Die Bodenluftabsaugung läuft bereits seit 2013. Ziel ist es, die erhöhten Konzentrationen an Methan und Kohlenstoffdioxid zu reduzieren. Weitere Bodenluftsanierungen gibt es nach Behördenangaben nur noch bei der Entgasung der Altdeponien Georgswerder und Böverstland im Rahmen der Nachsorge.