Kochen 2.0

„Ein Leben ohne Thermomix ist möglich, aber sinnlos“

Die kochen auch nur mit Wasser - aber nicht auf dem Herd: Barbara Oesterwinter, Gabriele Steiding, Felix Groß, Renate Lingott, Anka Ciobanu und Miriam Lingott (v.l.) im Thermomix Kochstudio in Bramfeld

Die kochen auch nur mit Wasser - aber nicht auf dem Herd: Barbara Oesterwinter, Gabriele Steiding, Felix Groß, Renate Lingott, Anka Ciobanu und Miriam Lingott (v.l.) im Thermomix Kochstudio in Bramfeld

Foto: Michael Zapf

Beim Thermomix handelt es sich um einen Mixer mit Heizfunktion, für seine Benutzer jedoch ist er mehr als das: ein echter Freund.

Niemand möchte beleidigend sein, aber das Einkaufszentrum Zebra in Bramfeld gehört nicht gerade zu den Orten, die besonders anziehend wirken. Rewe, Budni und ein Nagelstudio, aus dem es nach Kleber stinkt: Dieses kleine Shopping-Areal mit dem tierischen Namen stellt das Gegenteil eines Hotspots dar, sollte man meinen. Doch von hier aus wird eine Revolution gesteuert. Keine politische, sondern eine kulinarische. „Schön, dass ihr dabei seid“, sagt Gabriele Steiding. Naja, langsam, langsam, erst mal gucken, was man von dieser Revolution überhaupt hält. Frau Steiding lächelt. Siegesgewiss. Sie weiß, in zwei Stunden hat sie fünf neue Anhänger der Bewegung auf ihrer Seite.

Wir befinden uns im ersten Stock des Einkaufszentrums im Thermomix Kochstudio. Sieht aus wie eine ganz normale Küche, mit dem Unterschied jedoch, dass der Herd keine Rolle spielt. Dreh- und Angelpunkt in diesem Raum ist der Thermomix. Dem Namen nach könnte es sich um eine Figur aus den Asterix-Comics handeln oder um Skiunterwäsche. Es geht jedoch um einen Mixer mit Erhitz-Funktion, der angeblich so viel kann, dass man aus dem Verben-aufzählen gar nicht mehr rauskommt: rühren, mixen, vermischen, zerkleinern, kochen, dampfgaren, wiegen, mahlen, kneten, schlagen, kontrolliert erhitzen und emulgieren. Wow!

Einige Kursteilnehmer gucken erstaunt, anderen nicken zustimmend. Sie haben bereits einen Thermomix zu Hause und nutzen heute nur das kostenlose Kochkursangebot. Miriam beispielsweise war bei mehr als zehn Kursen dabei. Die 28-Jährige will immer neue Rezepte ausprobieren, man kann gar nicht so viel essen wie es Thermomix-Möglichkeiten gibt. Miriam und der Wunderkessel lernten sich im Studium kennen. Sie hatte keine Zeit, wollte in Ruhe lernen. Er kam wie gerufen, erledigte das Kochen für sie. „Und wenn das Essen fertig war, hat er mich einfach gerufen. Herrlich“, sagt sie. „Wer hat Sie gerufen? Ihr Freund?“, fragt eine Dame, die offensichtlich keinerlei Thermomix-Erfahrung hat. Denn natürlich kann der Thermomix nicht nur kochen, sondern auch „Essen ist fertig!“ rufen. „Bing! Bing! Bing!“, heißt das in seiner Sprache. „Ein schönes Geräusch“, findet eine andere junge Frau und lächelt. Das könne sie sich gut vorstellen, wie sie demnächst vom Thermomix zum Dinner gebeten werde. Wir wollen hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber jeder leidlich kochender Freund sollte sich künftig darauf gefasst sein, gegen ein Küchengerät ausgewechselt zu werden.

Nachdem Gabriele Steiding die zahlreichen Funktionen vorgestellt hat, zündet sie die zweite Stufe in der Revolutionärs-Rekrutierung. In kurzer Zeit bereitet die Thermomix-Verkäuferin (die sich selbst übrigens Repräsentantin nennt) mit Hilfe der Kursteilnehmer den ersten Gang zu: Apfel-Möhren-Salat, Pesto, Baguette. „Mein erstes selbst gebackenes Brot“, sagt ein Mann und scheint selbst kaum zu glauben, was er gerade vollbracht hat. 1:0 für Gabi (inzwischen duzen sich alle). Das 2:0 fällt, als sie einer werdenden Mutter die simplen Babybrei-Rezepte unterbreitet, das 3:0 schießt Gabi mit dem simplen Hinweis, dass sich das Gerät quasi alleine abspült, und mit einem 4:0 geht sie in Führung, nachdem alle Kochkursteilnehmer einen Löffel Pesto probieren dürfen.

1109 Euro kostet das Gerät – inklusive einem Stück der Repräsentantin

Aber dann, ein Eigentor! „Wie teuer soll der Wunderkessel denn sein?“, fragt eine Informatikerin, die sich die ganze Zeit schon auffallend für Zahlen interessiert. „1109 Euro“, sagt Gabi. Auch diejenigen, die kein Pesto mehr im Mund haben, müssen schlucken. Doch Gabi wäre keine gute Thermomix-Repräsentantin, wenn sie auf diese erwartbare Reaktion keine Antwort hätte. „Dafür kaufst du aber nicht nur den Thermomix, sondern auch ein Stück von mir“, sagt sie lachend. Das nennt man wohl eine Verkäuferin mit Leib und Seele. Niemand soll mit dem Hightech-Gerät alleine gelassen werden, erklärt Gabriele Steiding.

Wann immer man wünsche, stünde die Repräsentantin mit Rat und Tat zur Seite, ob telefonisch, bei Kochkursen wie diesem oder dem sogenannten Erlebniskochen, das im privaten Rahmen stattfindet. Wer ein paar Thermomix-Interessierte an einem Tisch versammeln kann, wird von einer Repräsentantin zu Hause besucht und bekocht. Vier Gänge. Spätestens hier wird deutlich: Mit den üblichen Marketingkonzepten hat das nichts zu tun. Anstatt Geld für Werbung auszugeben, setzen die Macher wie bei Tupperware auf Menschen, die zu den Leuten nach Hause kommen, auf einen Direktvertrieb mit emotionaler Bindung. Repräsentantinnen wie die 60-jährige Gabi gestalten ein Erlebniskochen so gut, dass sie als Vertreterin kommen und als Freundin gehen. „Der Thermomix hat mein Leben verändert“, sagt Gabriele Steiding, die von der Hausfrau zur leidenschaftlichen Verkäuferin wurde: „Ein Leben ohne Thermomix ist möglich, aber sinnlos.“

Ihr geliebtes Multitalent nimmt sie überall mit hin, auch in den Urlaub. Den Job als Repräsentantin werde sie bis zu ihrem Lebensende machen, oder zumindest solange, wie sie es mit dem Gerät bis zum obersten Stockwerk eines typischen Hamburger Altbaus schaffe. „Ich finde, es gibt nichts Schöneres, als gemeinsam zu kochen.“ Und nebenbei Geld zu verdienen. Pro Erlebniskochen kauft durchschnittlich ein Teilnehmer, die Provision für die Repräsentantin soll bei bis zu 15 Prozent liegen, offiziell bestätigen will das aber keine von ihnen. Gabi erzählt immerhin, dass sie schon Hunderte verkauft habe, darunter an viele Hamburger Sterneköche.

Produziert wird der Wunderkessel mit den zwölf Funktionen von der 1883 gegründeten Firma Vorwerk in Deutschland und in Frankreich. Um die Lieferzeiten von aktuell zehn Wochen zu verkürzen, arbeiten die Mitarbeiter der Produktion in Wuppertal-Laaken in drei Schichten rund um die Uhr. Neue Mitarbeiter wurden eingestellt, um die Nachfrage zu befriedigen. 16.000 Repräsentanten (zehn Prozent sind Männer) arbeiten inzwischen in Deutschland; in Hamburg sind es 170, die Zahl hat sich in den letzten beiden Jahren verdreifacht.

Mit diesem Boom hat niemand gerechnet, soeben wurde der Millionste Thermomix verkauft. Geliefert wird in 50 Länder weltweit von Mexiko bis Taiwan; der Umsatz stieg 2014 um 15 Prozent auf einen Rekordwert von 920 Millionen Euro. Das sind Größenordnungen, die man von einem Familienbetrieb eher nicht erwartet. Und was für ein Imagewechsel! Von der biederen Staubsaugerfirma, die schon Loriot zu Sketchen inspirierte, zum Lifestyle-Lieferanten. Das Vorwerk-Produkt vereint das, wonach der Markt gerade (mit englischen Begriffen) ruft: erstens eine außergewöhnliche User Experience, was bedeutet, dass alles einfach und selbsterklärend bedient werden kann. Zweitens lebt der Community Gedanke: Über ein eigenes Internet-Portal tauschen die Leute Rezepte aus (inzwischen 40.000), auf YouTube kocht die Thermifee für die Zuschauer.

Und dann noch dieser coole Produktname: TM5. Das klingt wie ein Roboter, der gegen Arnold Schwarzenegger in den Kampf zieht, wohlwissend, dass der Bösewicht seine Freunde bereits in ihre Einzelteile zerlegt hat. Aber nun kommt eben TM5, besser, stärker, selbstbewusster als sein Vorgänger TM31. Ausgerüstet mit einer neuen Verriegelungstechnik, einem Motor mit bis zu 10.700 Umdrehungen pro Minute, digitalen Technologien wie Touchscreen, Guided-Cooking-Funktion sowie dem Rezept-Chip, wird er es allen zeigen.

Die Botschaft des TM5 ist klar: Kochtöpfe sind so was von gestern. Bitter für alle, die sich gerade eine teure Induktions-Ausstattung zugelegt haben oder stolz verkünden, in einen Gasherd investieren zu wollen. Das wäre in etwa so, als würde man sein Drehscheibentelefon gegen eines der ersten Handymodelle eintauschen und nicht mitbekommen, dass es längst iPhones gibt. Ein Thermomix ist das iPhone der Küche. Derzeit weckt wahrscheinlich kein anderes Gerät beim Menschen eine solche Begehrlichkeit.

„Muss ich haben!“ steht nach dem Hauptgang, Lachs mit Reis und Dillsauce, in den Gesichtern der Kursteilnehmer geschrieben, wobei es sich nicht um abwaschbare Lebensmittelfarbe handelt. Nein, der Wunsch bleibe über den Moment des gemeinsamen Kochens hinaus erhalten, erzählt Renate. Die begeisterte Köchin hat nach ihrem ersten Erlebniskochen eisern gespart, um sich den Thermomix leisten zu können, jetzt bereitet sie jede Mahlzeit mit ihm zu. Frühstück, Mittagessen, Dinner. „Und für meinen Käsekuchen würde mich mein Mann garantiert noch mal heiraten“, sagt Renate.

Zum 70. Geburtstag ihres Gatten organisierte Renate eine Überraschungsparty. 60 Gäste waren geladen, mit dem Kochen konnte sie erst beginnen, als ihr Mann drei Stunden vor Festbeginn das Haus verließ. „Mit keinem anderen Gerät hätte ich so viel in so kurzer Zeit geschafft,“ sagt Renate. Dabei war ihr Mann erst gegen den Kauf. „Der ist ein Pfennigfuchser“, sagt sie, aber inzwischen habe sie ihn von den Vorteilen überzeugt. Durch das gute Essen? „Nein, durch die Stromrechnung“. In einem Jahr 170 Euro weniger, denn während ein Herd vier Energiequellen hat, braucht der Thermomix nur eine. Die Informatikerin schaut plötzlich wieder interessiert. Auch, weil die Dioden über dem Display des Geräts gerade ihre Farbe von Grün auf Rot wechseln, womit sie einen Temperaturwechsel signalisieren.

Jedes Thermomix-Kochen folgt einer bestimmten Choreografie

Durch seine technischen Raffinessen kommt dieses Küchengerät auch bei Männern gut an. „Außerdem macht der Thermomix tolle Cocktails“, sagt Felix, ein 21-jähriger Hamburger. Er habe so in seiner Küche eine integrierte Bar, das sei doch wohl super. „So, lieber Felix, nun stell den Wähler bitte mit Schwung auf die 4,5.“ Gabi macht weiter im Programm. Jedes Thermomix-Kochen folgt einer Choreografie, alles flutscht irgendwie ineinander, nichts kocht über, jeder Gang schmeckt, die Erfolgserlebnisse reihen sich nahtlos aneinander. Womit wir beim Geheimrezept des Thermomix wären: der Geling-Garantie. Sie verleitet die Anwender zu Begeisterungsstürmen. Es gibt keine Thermomix-Benutzer, es gibt nur Thermomix-Fans. Und auf der gegnerischen Seite die Thermomix-Hasser.

Über die Ernährung versuchen viele Menschen sich selbst zu verwirklichen, weshalb das Thema schnell zu Glaubenskriegen führt: Stillen vs. Premilch, Schokolade vs. geschnittene Möhrchen, Fleisch vs. Vegetarier, Smoothie vs. Weißbier. Und nun eben Thermomix-Fans gegen Herd-Anhänger. Der Glaubenskrieg hat somit eine höhere Stufe erreicht: von der Lebensmittel- hin zur Zubereitungsebene.

„Wo bleibt denn da die Sinnlichkeit?“, fragen die Kritiker. Darum gehe es doch beim Kochen auch. Was hat das alles noch mit dem werbegeprägten Idealbild einer leidenschaftlichen Mutter zu tun, die eine Schürze über dem üppigen Dekolleté trägt und ihre Haare zurückwirft, während sie ihren Liebsten eine Schüssel Pasta serviert? „Die italienische Mama, wie wir sie uns vorstellen, gibt es nicht mehr. Die hat einen Thermomix“, sagt Gabriele Steiding trocken.

In den mediterranen Ländern begann der Siegeszug des Thermomix tatsächlich früher als in Deutschland. Und eine Schürze brauche sowieso niemand mehr, weil in einem geschlossenen System nichts spritzt. 5:1 für Gabi. So, und nun alle hinsetzen. Nachtisch ist fertig. Bing! Bing! Bing!